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Die Wahrheit · 1905-05-12 · Heft 18 (12.5.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 18 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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V Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 18. Wort ist, dessen Stimme vernommen wird auch am folgenden Tage und ebenso der der Nacht mit ihren Ergebnissen und Erkenntnissen. Das, was Tag und Nacht sind und enthalten, Zeit und Geschichte, sind wieder Naturoffenbarungen, die den Spruch des Himmels und die Erzählung der Feste vom Walten der Abmacht ergänzen. Sie, die wandelbaren Tage und Nächte, predigen denselben Spruch, die Worte und Erkenntnisse, wie die Himmel Gottes Allmacht preisen — omer und daat, debarim — die in den folgenden Zeiten wohl gehört und verstanden werden und uicht leer verhallen. Wie der elektrische Draht die Gedanken und Worte der weit von einander entfernten Menschen heute verbindet, so hier: man wird am Ende der Welt ihre Worte hören können. Dieser Triumph der modernen Physik, im Bilde ist er hier wiedergegeben, man darf nicht sagen, vorgeahnt — „becliol haarez jaza kawam ubikze tbebel milehem — auf der ganzen Erde geht aus ihre Schnur", d. h. dieser Worte und Gedanken Leitung, „so daß man sie alle am Ende der Welt hören" und verstehen kann. (Bekanntlich soll der Generalpostmeister Stephan nach Erfindung des Telephons auf diesen Vers hingedentet haben.) Aber der Psalmdichter hat sich auch der Frage nach dem Ursprung des Zeitwechsels in Tag und Nacht befaßt und dem letzten Satz klüglich angefügt: „der Sonne gab er ein Zelt in ihnen", d. h. in den Sphären. Die Zeit wie ihr Wandel hängt von dem Hlmmelslichte ab, das wie ein Mensch aus seiner Wohnstätte aus- und in sie eingeht. Die Allmacht schuf einen Stern zu ihrem Dienst, Schemesch-Sckamescli — dessen schönheits- und hoheitsvoller Aufgang mit dem wonnestrahlenden Bräutigam verglichen wird, der aus seinem Trauzelt zum Empfang der Braut sich begibt, und der wie ein pflichteifriger Held seine Bahn durchläuft, der einen lichten Umkreis — tekufa — macht über alle Säume der Erde, und alles, was auf ihr, entzieht sich ihrem Glühen nicht. Die Sonne, dieser Licht-und Wärmebronnen des Weltalls, ist ein Naturwesen, das die Allmacht nicht nur zur Bewunderung und zum Zeugnis treuer Pflichterfüllung geschaffen, sondern auch zur Erklärung der Zeit und des Wachstums im All durch Ausstrahlung von Licht und Wärme. H. Der Offenbarungspredigt, dieser philosophischen Betrachtung der Natur, der Zeit und ihrer kausalen Beziehung' zur Sonne, folgt in den Versen 9—12 der Hinweis auf die unmittelbare Lehre Gottes. Dort war es das Geschöpf, das den Schöpfer preist. Hier ist es Gott, der Schöpfer selbst, der sich in seinem Geist und Wort selber offenbart. Mag dieses Psalmstück uns hier fremdartig anmuten, so daß die meisten Erklärer ihm keinen Platz an dieser Stelle einräumen, der eben geäußerte Gedanke dünkt mir eine passende Ueberleitung zu sein vom philosophischen zum theologischen Hymnus. Die Theologie des Judentums ist aber nicht nur Lehre von Gott, sondern zugleich Lebensreligion des religiös-sittlichen Wollens und Wirkens, also Ethik oder praktische Gottesweisheit. Deshalb ist sie unlöslich verbunden mit Gesetz und Recht, mit dem Jus, ohne welches alle Moral in der Luft schwebt. Die Lehre des Lebens — torat chajim — ist ohne jura-miscbpatim undenkbar. Gotteslehre ist zugleich Rechtslehre! Nachdem wir dies vorausgeschickt, wird sich uns der theologische Teil des vorliegenden Psalmes auch als ein juristischer offenbaren und einen Fortschritt von theoretischer Theologie zu praktischer Jurisprudenz zeigen. Beide aber kreisen um einen Mittelpunkt: die Ethik, die der Hebräer mit „jirat Adonaj, Gottesfurcht oder Sündenscheu, als der Weisheit Anfang und Ziel" stets bezeichnet hat. Hier erweist sich die altgriechische Uebersetzung der Thora als uomos-Gesetz, die zur Verkennung des Judentums und Verzerrung seiner Fundamentallehre selbst bei den Forschern der historisch-kritischen Schule unserer Tage geführt hat, als durchaus falsch. Denn nicht das Gesetz als der starre Stabilismus, als die Verknöcherung in äußerlichen Dogmen und Formen, vermag Prädikate und Attribute zu schaffen, wie sie unser Psalmist hier hervorhebt bei der Thora: „erquickend die Seele", ..weisemachend den Toren", „erfreuend das Herz", „erleuchtend die Augen" rc. Dies vermag nur geistig und ethisch Hervorragendes zu bewerkstelligen. Man lese Vers 8—11 ohne Befangenheit und beachte, welche Fülle von Gedanken den Autor unseres Psalms beschäftigt, wenn er an die Lehre Gottes denkt: „Die Lehre Gottes ist vollkommen, erquickt die Seele. Das Zeugnis des Herrn ist glaubwürdig, macht weise die Toren. Die Verordnungen des Herrn sind gerade, sie erfreuen das Herz. Das Gebet des Herrn ist lauter, erleuchtet die Augen. Die Furcht des Herrn ist rein, besteht ewiglich; die Rechte des Herrn sind wahr, sind allzumal gerecht; sie sind kostbarer als Gold und viel Geschmeide und süßer denn Honig und Honigseim." (Schluß folgt.) Morih Hauer. Sonntag, den 7. d. M. 11 Uhr Vormittags fand von der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes aus das Leichenbegängnis des in Meran verblichenen Direktors des Wiener Bankvereines, Moritz Bauer, statt. Welch' großer Sympathien sich dieser selten edle und gute Mensch erfreute und wie sehr seine bedeutsame Persönlichkeit, in welcher sich geniale Begabung mit vornehmer Gesinnung und einem warmfühlenden, wahrhaft goldenen Herzen vereinte, allseits geschätzt und verehrt wurde, das kam in der ungewöhnlichen Teilnahme an seinem.Leichenbegängnisse zum Ausdrucke. Viele hundert Trauergäste aus allen Kreisen der Wiener Gesellschaft hatten sich eingefunden und nur ein geringer Teil der Erschienenen konnte in der Zeremonienhalle Platz finden. In der rechten Seitenhalle waren mehr als tausend Kränze niedergelegt, die an die Bahre Bauers gesendet waren. Die Witwe Bauers, Frau Jeannette Bauer, wohnte, einer letztwilligen Verfügung gemäß, der Leichenfeier nicht bei. Seine Söhne und die übrigen männlichen Verwandten standen am Kopfende des Sarges. Um 11 Uhr wurde der Sarg aus der Beisetzkammer in die Zeremonienhalle getragen. Oberkantor Singer trug, begleitet vom Chorpersonal, in wehmütig ergreifender Weise das „Hazur tomim“ vor. Dann hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann einen Nachruf, in welchem er den glänzenden Eigenschaften Bauers Gerechtigkeit widerfahren ließ. Er sprach von dem tragischen Sterben im Süden. Die Kunde von seinem Sterben habe in weitesten Kreisen Widerhall gefunden. Die Gemeinde empfinde sehr schwer den Verlust des Mannes, der zu allen Zeiten zu ihr stand und seine Ueberzeugung behauptete. Edelste Menschlichkeit, die keinen Unterschied und keine Grenzen kannte, sei Bauer eigen gewesen. Dr. Güdemann hob noch die Tugenden des Verblichenen als. Gatte und Vater hervor. Als erster Redner sprach dann der Vizepräsident des Administrationsrates des Wiener Bankvereins, Adolf Ritter v. S ch e n k; er sagte unter anderem: Hingebungsvoll hat Bauer stets den ihm anvertrauten Interessen treu gedient, die Fahne des Instituts oft zum Siege geführt, sein Herz und seine hilfsbereite Hand dem Guten und Edlen stets offen gehalten. Die Teilnahme an der Leichenfeier lege Zeugnis von der Wertschätzung ak In aller Herzen werde die Blume der Erinnerung leben. Man werde seiner stets dankbarst in Ehren gedenken. Nach Ritter v. Schenk sprach Direktor Karl Stögermayer. Er rühmte Bauers hervorragende Begabung, seinen scharfen Verstand, die große Ausdauer und die warmfühlende und bewegliche Seele, die sich den schwierigsten Situationen mit Leichtigkeit anpassen konnte, und die Vorzüge seines Herzens und seines Charakters. Im weiteren Verlaufe seiner Rede rühmte Direktor Stögermayer die großen Verdienste Bauers um den Bankverein. Als dritter Redner sprach Generalsekretär Dr. Adolf Gelinek und nahm namens der Beamtenschaft von Direktor Bauer Abschied. Nicht aus dem kalten Pflichtgefühle des Angestellten gegenden Vorgesetzten entstamme die warme Zuneigung. Bauer wollte stets durch vornehme Gesinnung durch tiefes Empfinden das Dienstverhältnis veredeln. Er hat es bei der großen Schar der Untergebenen wirklicherreicht, erreicht durch das leuchtende Vorbild unermüdlicher Arbeitskraft. durch hohe Ziele, durch Werke, die er geschaffen, durch aufmunternde Worte der Anerkennung, durch Förderung besonderer Talente, durch selten liebevolles Mitgefühl für das Wohl und Wehe jedes einzelnen. Als letzter Redner nahm Ministerialrat Kamill Kuranda namens der Freunde vom Verblichenen Abschied und hob insbesondere seine trefflichen Charaktereigenschaften hervor. Damit schloß die Reihe der Reden und der Sarg wurde zur Gruft getragen, in welche die sterblichen Reste eines edlen Mannes zur ewigen Ruhe einkehrten. 'n's'xVn Jakob Hachmann. Ein Bachmann ist es wert und würdig, daß wir uns nochmals mit ihm beschäftigen. Er war ein gottbegnadetes Talent, ein unvergleichlicher Sänger und dabei blieb er stets der bescheidene, anspruchslose, charaktervolle, brave Mensch, in dessen Brust ein echt jüdisches, goldenes Herz schlug. Und wie viel Ursache hätte gerade Bachmann gehabt, stolz zu sein? Er war Frequentant der kaiserlichen Musikakademie in St. Peters-

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