Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 18 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Die Wahrheit Lette 5. Dir Gastgeber des Wiener Wann ergesangsnereines. Zur Richtigstellung des unter obigem Titel in unserem Blatte vor kurzem veröffentlichten Artikels werden wir seitens der Leitung des Wiener Männergesangsvereines um Aufnahme nachstehender Aufklärungen ersucht: Verehrliche Redaktion! In Ihrem Blatte vom 21. April d. I. Nr. 36. ist ein Artikel „Die Gastgeber des Wiener Männergesangsver- ■ eines" enthalten, welcher mit dem im 2. Morgenblatte Nr. 97 vom 7. April 1905 der Frankfurter Zeitung gebrachten Artikel idenrisch ist und in letzterem Blatte im 2. Morgenblatte, vom 18. April 1905 bereits berichtigt worden ist. Wir Haben uns nämlich seinerzeit an die Redaktion der Frankfurter Zeitung mit dem Ersuchen um Berichtigung gewendet und ihr zugleich die Aufklärung gegeben, daß dieser Artikel einen Racheakt eines Berichterstatters in Alexandrien bedeutet, welchem — weil er sich nicht legitimieren konnte — die Aufnahme in unsere Reisegesellschaft verweigert werden mußte. Nachdem wir glauben, daß es auch Ihrem Wunsche entspricht,' der Wahrheit ihr Recht zu verschaffen, erlauben wir uns diese Aufklärungen auch Ihnen zu geben und' noch insbesondere bezüglich des Komitees, welches uns in Alexandrien und Cairo empfieng, worüber Sie vollständig unrichtig informiert sind, > bitten wir folgendes zur Kenntnis zu nehmen: An der Spitze des österr.-ung. Empfangs-Komitees in Cairo stand der österr.-ung. Konsul von Hann und in Alexandrien der Konsul Dr. von Puskarin. Der österr.-ung. Minister Kozcebrodski förderte eifrig die Betätigungen des Komitees. In denselben waren, soweit uns bekannt, unsere sämtlichen in Cairo und Alexandrien weilenden Landsleute ohne Unterschied der Konfession und Nation vertreten. Wir haben diesem Komitee für den außerordentlichen Empfang und für die jede Liebenswürdigkeit übersteigende Gastfreundlichkeit ganz besonders zu danken. Das Komittee hat uns in Alexandrien eine Rundfahrt und die Erinnerungsgabe geboten, in Cairo ein Banquett bei den Pyramiden und die Führung bei den diversen Ausflügen besorgt. Selbstverständlich hat aber alle Kosten der Verpflegung und Unterkunft im Hotel, ebenso wie die anderen Wagenfahrten in Cairo vollständig der Wiener Mäunergesangsverein bestritten, natürlich auch die Kosten der Reise. Außer diesem hatte sich auch ein internationales Komitee zu unserem Empfang gebildet, in welchem Reichsdeutsche, Franzosen, Engländer rc. vertreten waren. Unter anderem fand ein Konzert unseres Vereines statt, bei dessen Arrangement Lady Cromer, die Gattin des englischen General-Gouverneurs, an der Spitze stand. Daraus geht hervor, daß die Behauptung des Berichterstatters, der Wiener Mäunergesangsverein' sei in Aegypten Gast der Juden, und beinahe nur der Juden gewesen, unrichtig ist und die aus dieser Behauptung gezogenen Konklusionen hinfällig sind. Bezüglich der Reisekosten möge weiters folgendes konstatiert werden: Es ist unrichtig, daß die beitragenden Mitglieder des Wiener Männergesangvereines als Mitgliedsbeiträge jährlich rund 500 fl. — 1000 L bezahlen und daß nur auf diese Weise dem Wiener Männergesangsverein Fahrten, wie die vierzehntägige Reise nach Aegypten, möglich sind. Ricktig ist vielmehr, daß die beitragenden Mitglieder des Wiener Männergesangsvereines einen Jahresbeitrag von 24 K leisten, dafür Anspruch auf je 2 Sitze zu den 4satzungsmäßigen Unternehmungen haben, daß niemand dem Wiener Mäunergesangsverein jährlich 1000 K bezahlt und daß Reisekosten betreffend die Eisenbahnfahrten, das Schiff, die Verpflegung und Unterkunft im Hotel, die Wagen usw. ausschließlich durch die Beiträge aller Reiseteilnehmer, durch den Reisefond, welch letzter successive durch einen Teil der Erträgnisse unserer Unternehmungen in Wien gebildet wird, bestritten werden." Für den Männergesangsverein: F. Schneiderhan D. H. Krickl Vorstand. _ Schriftführer. „Die Himmel rittsinen ..." Eine Studie zur Psalmenforschung von Dr. D. Leimdörfer, Hamburg. Die geistige Kultur besteht in der Pflege und Förderung des Denkens und Empfindens, des sittlichen Wollens und Tuns im Leben. Sie dient der. Beglückung der Menschenseele dadurch, daß sie sie mit Harmonie der Zusriedenheit erfüllt, das Gleichgewicht ihrer Kräfte in allen Lebenslagen erstrebt und sie bewahrt vor Fall und Sturz von der Höhe echten Menschentums in die Tiefen der Tiernatur. Die geistige Kultur bewirkt die menschenmögliche Vollkommenheit, d. h. das Einssein des Vernunftwesens mit seinem Schöpfer. Aber nicht nur dem Geiste allein dient die geistige Kultur, sondern auch dem in die Erscheinung tretenden, in seiner irdischen Hülle von den Sinnen wahrgenommenen äußerlichen Menschen. Der ganze Mensch, wie er leibt und lebt, als Individuum wie als ein Teil des Staates und der Gesellschaft, muß, wenn er die Höhe der Menschenwürde erreicht haben soll, seine Harmonie offenbaren, die ein Produkt der einzelnen Faktoren der geistigen Kultur ist. Diese Faktoren an sich, dem Menschen eingeboren, sind der Entwicklung ebenso fähig wie bedürftig, sind daher Gegenstand der Schulung und der Schule. Seit dem Aufleuchten der wissenschaftlichen Pädagogik ist kaum ein Thema mehr in das Vorderinteresse getreten, als das der harmonischen Ausbildung aller Seelenkräfte oder aller Fakultäten der Kindes- und Menschenseele. Die nnivsi8il8.8 litterarum, wie man die Hochschule bezeichnet, enthält daher auch vier Fakultäten, in denen die Gesamtwissenschaft der geistigen Kultur gelehrt wird. Da wird das denkende Sinnen über Natur und Geschichte in der philosophischen, die Beschäftigung mit göttlichen Dingen in der theologischen, Recht und Gesetz im Staat und Bürgertum in der juristischen, das leibliche Wohl und seine Erhaltung in der medizinischen Abteilung gelehrt — alle diese Faktoren zusammen ergeben und erschöpfen das Gesamtwissen, die Universität. Es ist merkwürdig, daß schon das graue Altertum, viel früher als es eine wissenschaftliche Psychologie gegeben, bewußt oder unbewußt, eine ähnliche Teilung der Seelenanlagen geahnt hat. Dieser Gedanke wird jedem gründlichen Leser des Psalms 19, jenes herrlichen Hymnus von David, dessen Einleitung fast jedes Kind kennt und singt': „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" von selbst sich aufdrüngen. Freilich müssen wir ihn im Urtext lesen, Wort für Wort, Satz für Satz in seiner Analysis und Synthesis beachten. Ich möchte behaupten, daß dieser Psalm den Namen eines Psalms der geistigen Universalkultur verdient. Denn der Inhalt der Erkenntnisse aller Fakultäten gelangt hier zum Ausdruck, und die Ideen der scheinbar völlig heterogenen, naturgemäß aber zusammenhängenden Wissenschaften geben sich hier ein Stelldichein. I. Der erste Teil, Vers 1—7, gehört der philosophischnaturhistorischen Klaffe an; er enthält folgendes: „Die Himmel erzählen der Allmacht Herrlichkeit, und ihrer Hände Werk kündet die Feste." Die Naturbetrachtung, die Erforschung von Himmel und Erde und was sie umgibt und füllt, führt zur Erkenntnis der Allmacht. Es ist also notweudig, das Auge zu erheben und Umschau zu halten in Natur und Welt; alle Erscheinungen und Wesen, ihre Gesetze, ihr Walten und Wirken, ihr Werden und Vergehen sollen die Sinne und den Geist des Menschen beschäftigen; er wird daran und darin einer ewigen Weisheit hehren Plan erschauen und die Offenbarung einer allerhöchsten Kraft der Gottheit und der Natur vernehmen. Die Philosophie der Natur und ihre Wissenschaft — eine heilige Offenbarung Gottes, eine Predigt der Allmacht — das ist des Psalms Einleitung. „Ein Tag läßt dem andern den Spruch Zuströmen, und eine Nacht tut der andern das Wissen kund. Kein Spruch ists und keine Worte sinds, ohne daß ihre Stimme gehört würde, lieber alle Lande gehet aus ihre Schnur und am Ende der Welt ihre Worte. Der Sonne hat er ein Zelt bereitet in ihnen. Sie gleicht einem Bräutigam, der aus dem Trauzelt herausgeht; sie fteut sich wie ein Held, ihre Bahn zu durchlaufen. Vom Ende des Himmels ist ihr Ausgang, ihr Lichtkreis über ihre Säume, und nichts ist verborgen vor ihrem Glühen." Nicht nur Natur und Welt, Himmel und Feste, künden das Wort der Allmacht, auch das nicht sinnlich wahrgenommene Stoffliche, aber auch das zur sinnlichen Wahrnehmung unerläßliche Zeitbewußtsein. Alles, was ist und geschieht, fällt in die Zeit, die sich zusammensetzt aus Tag und Nacht. Ein Zeitabschnitt läßt den Ausdruck des göttlichen Denkens, d. i. das Wort oder die Sprache, hinüberströmen in den andern, daß es zu allen Zeiten vernommen und begriffen werde. Der Tag, an Dem das Wort — omer — laut erklingt, die Nacht, die der stillen Forschung und der tieferen, weil nicht so gestörten Erkenntnis — daat — dient: sie sind die wesentlichen Fakwren der Geschichte; sie bewirken, daß die Geschehnisse in Natur und Welt, die in einer Zeit beobachtet werden, einer anderen Generation, anderen Tagen und Nächten übermittelt werden, so daß nichts verloren geht, so daß der Inhalt des heutigen Tages ein