Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 17 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Die Wahrheit Leite 5. der Prostitution zur Mörderin wird, hat Schaudern und Ent- I setzen hervorgerufen. Und diese Franziska Klein war weder eine j „Jüdin", noch stammte sie von Juden ab, sie war eine tadellose Arierin, ja sie hatte ihre Erziehung in einem Nonnenkloster erhalten! Wie infam undniederträchlig erschiene der Jude, der aus diesen Momenten den Schluß zöge, daß alle Glaubensgenoss inen der Franziska Klein mitverantwortlich fibr ihre grauenhaft e T a t z u m a ch e n s e i e n. Beim „Deutschen Volksblatt" findet man eine solche Schlußfolgerung, natürlich den Juden gegenüber, nur selbstverständlich. Aber auch der Gatte der Franziska Klein ist kein Jude und auch das Opfer der Beiden war kein Jude. Es widerstrebt uns, die blutige Gestalt des unglücklichen Greises zum Gegenstände moralischer Erörterungen zu machen. Aber man kann doch die Bemerkung nicht unterdrücken: Wieviele!!!, wie viele Titulaturen „jüdischer Wüstling" hätten die Antisemitenblätter vergeudet, wenn der Ermordete ein — Jude gewesen wäre. * * * In Galizien verschwinden wieder jüdische Mädchen und man weiß nur eines bestimmt: daß sie zuletzt in Gesellschaft von Klosterfrauen gesehen wurden. Damit ist ihre Spur verloren und keine Behörde findet sich mehr veranlaßt, den verzweifelten Angehörigen des jüdischen Kindes Hilfe und Beistand zu gewähren. Ein österreichischer Justizminister hat in einem Momente überwältigender Wahrheitsliebe das Wort gesprochen: „An der Pforte des Klosters hört unsere Macht auf!" Soll das Wort mehr als die Charakteristik einer Augenblicks-Situation gelten, oder soll es die Signatur einer ganzen Aera sein? Hat der Rechtsstaat gänzlich kapituliert? Leben wir im zwanzigsten Jahrhundert, oder sind wir völlig ins Mittelalter zurückverfallen? Der lrestenerte Tempetbesnch. Von vorneherein erklären wir, nicht zu widersprechen, wenn irgend Jemand die folgenden Ausführungen für „abgeschrieben" oder gar für ein „Plagiat" erklärt. Sogar mit dem gut-wienerischen „Tratsch" sind wir einverstanden. Die Sache ist also folgende: In einem sehr besuchten Kaffeehause eines der westlichen Bezirke saßen am Schewii schelPessach an einem Tische verschiedene „Persönlichkeiten". (Wir bitten dringend in diesem Worte keine Hintergedanken zu wittern.) Worüber sie sich unterhielten? Unterhalten taten sie sich nicht, das tut man nicht im Kaffee. Dort spielt man, liest die Zeitungen oder schimpft. Letzteres ist unser Fall. Und worüber schimpft man, und noch dazu am Jomtof. Ueber L'stals-Sachen, über den Vorstand, die Rabbiner, die Tempelvorstände und tntti-Hnantü. . ' Und so wars auch an unserm Tisch. Aber das Raisonnierthema war ein ganz außergewöhnliches: Der besteuerte Tempelbesuch. Das ist nämlich die neueste Erfindung, um die Gotteshäuser — zu leeren. Wer lehrt in den Tempeln: die Rabbiner.... Und wer leert sie? .... Baawur schenodar .... Und nun entspann sich eine hochinteressante Debatte über ein zwar nicht neues aber darum umso interessanteres Thema. In der „Wahrheit" erschienen vor einiger Zeit Besprechnngen über die Frage, wie man den Tempelbesuch heben könne. Wir glauben, es war dort eine Verbesserung in musikalischer Beziehung vorgeschlagen. Es treffen sich also die Pointen. Geld ist ja auch Musik. Ein prominentes Mitglied des Tempelvorstandes eines westlichen Gemeindetempels trat mit dem ganzen Gewichte seiner Person und Persönlichkeit für diese „seine" Idee ein. Und die übrigen Tischgenossen — darunter ein ebenso angesehenes wie einflußreiches Gemeindemitglied — klatschten seinen Ausführungen Beifall. Als man aber dem besagten „Einflußreichen" an den Leib rückte, Oeffentlichkeit und Vorstand I für die Idee zu begeistern — zog er sich in sein innerstes! Innere zurück. Und darum ergreifen wir die Feder und die Gelegenheit, obgleich jener Herr der geborene Verfechter glücklicher Ideen und in der L'stalos-Stube wie „zu Hause" ist. Der Vorschlag mit den Motivierungen ist also folgender: in Anbetracht, daß ein großer Teil der regelmäßigen Tempelbesucher eher zu den nichtzahlenden Gemeindemitgliedern und denen der unteren Steuerstusen gehört: in Anbetracht ferner, daß das Aufrufen zur Thora einer indirekten Steuer nahekommt, zu der den meisten Gemeindemitgliedern die Gelegenheit genommen wird, oder dem der größere Teil der bessersitutierten Gemeindemitglieder wegen Nichtbesuch der Tempel aus dem Wege geht; in Anbetracht endlich, daß es sich um eine moralische Maßregel handelt, die umso drückender für die aus Pflichtgefühl oder Gewohnheit den Tempel besuchende Minderheit ist, als sie, wie schon erwähnt, öfter zu jener doppelten Mizwa herangezogen wird, möge folgende Uebung platzgreifen: 1. Die „Mischeberachs" werden bis auf jene für die sogenannten Chijuwim (Barmizwa, Jungverheiratete, Namensgebung und Jahrzeiten) aufgehoben. 2. Den Aufgerufenen wird in der Woche nach dem betreffenden Sabbath oder Feiertag ein Spendenbuch vorgelegt, in das sie etwaige Spenden eintragen. Dieses Spendenbuch ist absolut geheim zu halten, was dadurch geschieht, daß der Spendende den Betrag seiner Spende aus einen im Kuvert verschlossenen Zettel schreibt, der die gleiche Nummer trägt wie sein im Spendenbuche befindlicher Name. 3. Der Ausfall der Spenden wird durch einen zehnprozentigen Zuschlag zur Gemeindesteuer ausgeglichen. 4. Die Verteilung an die zum Spendenempsang in den Gotteshäusern der Kultusgemeinde berechtigten Institutionen oder Vereine richtet sich nach dem Durchschnitte der letzten drei Jahre und wird prozentualiter von drei zu drei Jahren durch den Kultusvorstand bestimmt. Vereine, die noch nicht drei Jahre bestehen, erhalten den Betrag des letzten Jahres. Es versteht sich von selbst, daß es sich bei diesem Vorschläge nur um die Tempel der Kultusgemeinde handelt. Ob und inwieweit die Vereinsgotteshäuser sich dem anzuschließen bereit sind, entzieht sich der öffentlichen Debatte. Nur sprechen besondere Umstände mit, über die nicht schablonenmäßig geurteilt werden kann. Und nun möge über besagten „Tratsch" die Debatte eröffnet sein. H. B—r. Dr. M. Kayserling. Am 21. April, dem zweiten Tage des Peßachfestes, ist der Oberrabbiner der Budapester Gemeinde Dr. M. Kayserling im 76. Lebensjahre gestorben und an seiner Bahre trauert nicht nur seine Familie und die Gemeinde, in welcher er durch Jahrzehnte so hervorragend gewirkt hat, sondern auch das gesamte Judentum und die Wissenschaft, deren mannigfachste Gebiete er mit seinem schöpferischen Geiste bereicherte. Mayer Kayserling, geboren am 17. Juni 1829 in Hannover, wurde von seinen frommen Eltern für den Rabbinerstand bestimmt. Er besuchte die seinerzeit berühmten Talmudschulen zu Nikolsburg und Würzburg, wo er sich unter Samson Raphael Hirsch und S. B. Bamberger dem Ltudium des Talmud, aber auch den allgemeinen Wissenschaften mit hellem Eifer widmete. Dann bezog er die Universitäten zu Berlin und Halle, wo er mit ebenso großem Fleiße den historischen und philosophischen Studien oblag. Nach Abschluß seiner Studien wurde er 1861 als Rabbiner nach den vereinigten schweizerischen Gemeinden Lengnau und Endingen berufen. Hier trat er mit hervorragenden Männern der Schweiz in Verbindung und begann eine wahrhafte Fehde in Flugschriften, in denen er die Interessen des Judentums unerschrocken verteidigte und mit