Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 17 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 17. positiven Glauben nicht das Wort redet, Moses zu einem klugen Staatsmann degradiert, mit einem Worte, die Bibel nicht als göttliches Buch gelten läßt, wird niemanden Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß er im klassischen Altertum aufgegangen war, wenn man weiß, wie er sich überhaupt über die Bibel äußerte. ..Ich muß gestehen," heißt es in einem Briefe an Goethe, „daß ich in allem, was historisch ist, den Unglauben zu jenen Urkunden gleich so entschieden mitbringe, daß mir Ihre Zweifel an einem einzelnen Faktum noch sehr raisonabel Vorkommen. Mir ist die Bibel nur wahr, wo sie naiv ist; in allem anderen, was mit einem eigentlichen Bewußtsein geschrieben ist, fürchte ich einen Zweck und einen späteren Ursprung." Nichtsdestoweniger ist Schiller der Lieblingsschriftsteller, der Bildner und Erzieher der Juden geworden, die jüdische Jugend richtete sich an Schiller auf. in ihm lernte sie lesen, an ihm lernte sie denken und fühlen, Schiller ruhte sowohl unter dem Kopfkissen der jüdischen Jungfrau, wie die jüdischen Jünglinge diesen Lieblingsdichter den spähenden Blicken ihrer deutschen Bildung verhöhnenden Lehrer zu verbergen wußten. Wo Lessing aufhörte, fing Schiller an; was Lessing für die, gebildeten Kreise der Juden im letzten Drittel des ver-. gangenen Jahrhunderts war, das wurde Schiller für den großen Hausen; er wurde Volksschriftsteller und Volksdichter. Schiller in seinen schmerzlichen Erregungen, in seinen Leiden und Kämpfen, in seinem Sterben und Erlöschen wurde Fleisch von unserem Fleische, Blut von unserem Blute! Es ist ein sprechendes Zeugnis für den unverdorbenen, reinen Geist der jüdischen Jugend, daß sie sich von Schiller erfüllen ließ. Sein ganzes Wesen ruht in keuscher Sittlichkeit und himmelreiner Unschuld; Idealität war das Grundprinzip seines Lebens, Strebens und Dichtens; in idealem Gedankenshlge erhoben sich Israels Söhne und Töchter weit über das Gewöhnliche; Menschenrechte, Menschenwürde und Menschenfreiheit waren die leitenden Ideen in seinen, dramatischen und Myrischen Darstellungen; nach Menschenrechten und Freiheit ächzten mit ihm die aller Rechte beraubten Juden und Jüdinnen. Schiller nahm sie auf seinen Schwingen und in die heiligen Sphären; er kämpfte für ihre Freiheit durch die Kunst und das Erhabene. Dergestalt hat Schiller, welcher im gleichen Älter mit dem ihm in vielen Beziehungen ähnlichen Spinoza der Menschheit zugleich entrissen wurde, auf die Veredlung und Bildung der Juden gewirkt. Aus der Woche. Die Debatte über das rituelle Schächten hat wiedereinmal gezeigt, wie der Antisemitismns auch unter dem Feigenblatte der Tierfreundlichkeit nur notdürftig den niedrigen, erbärmlichen Wenschenhaß verbirgt. Das Geflunker mit den schönen Gefühlen des Tierschutzes erwies sich alsbald als — Geflunker, und Herrn Bielohlawek ist es zu danken, daß er mit seinen ungeschminkten, von jedem Bildungsfirnis freien Expektorationen den letzten Zweifel über die wahren Beweggründe, die seine Partei zur Stellungnahme gegen das rituelle Schächten veranlaßten, verscheuchte. Herr Bielohlawek meinte zwar, er sei nicht gegen die Religion der Juden, aber er sprach über das von den Juden als religiöse Institution betrachtete Schächten in einer Weise, die geradezu empören mußte. Daß es Juden gibt, denen das Schächten nicht als religiöse Vorschrift gilt, ist wohl keine Entschuldigung für Bielohlawek, sonst könnte man xsr analogiam, aus der Tatsache, daß es Christen gibt, denen keine katholische Institution heilig erscheint, auch den Schluß ziehen, daß man icher alles, was mit der katholischen Kirche in Zusammenhang steht, in, den unflätigsten Ausdrücken sich ergehe. Herr Bielohlawek, der zu borniert ist, um in der Sprache das Instrument zu erkennen, welches zur Verheimlichung der Gedanken dienen kann, hat volle Klarheit über die Stellung des Antisemitismus zur Schächtfrage gebracht. Es handelt sich den Herren, die für die Betäubung der Ochsen aus angeblichen Gefühlen der Milde und Schonung sind, um alles eher als um den Tierschutz. Vielleicht daß ihre Phrasen bei den — betäubten Ochsen Glauben fänden . . . Das wäre immerhin möglich. *t* ¥ * Mit welch albernen Mittel B i e l o h l a w e k, der intime Freund des Herrn Bürgermeisters, die Judenhetze auch bei der Ochsenfrage zu betreiben versucht, kann aus einer seiner Aeußerungen gefolgert werden, die selbst aus dem Munde eines fanatischen Ochsenfreundes überraschen mußte. Er sagte u. a.: »Das Fleisch vom kranken Tiere darf nicht gegessen, sondern muß verbrannt werden. Aber daß wir das fressen sollen, was die Juden nicht wollen, das gibts nicht." Man sollte glauben, daß die an ihren religiösen Satzungen festhaltenden Juden nur die besten und teuersten Teile vom Tiere genießen dürfen, und daß nicht gerade das Umgekehrte der Fall ist. Aber was geniert es einen echten Antisemiten, eine handgreifliche Blödheit und eine durchsichtige Lüge auszusprechen, wenn man hoffen kann, damit bei den breiten, unwissenden und urteilslosen Massen die Animosität gegen die Juden zu steigern. Im Kampfe gegen die Juden sind ja Blödheit und Lüge stets die besten, ja die einzigen Bundesgenossen gewesen. 4- * * In Wirklichkeit hat die christliche Bevölkerung in Wien (und auch in anderen Städten, in denen die Juden einen namhaften Prozentsatz bilden) gerade dem rituellen Schächten es zu danken, wenn sie die besten Tierteile zu verhältnismäßig billigen Preisen bekommt. Wir können da aus ein interessantes Moment Hinweisen, das kürzlich ein ungarischer Journalist erzählte. Derselbe besuchte zum Zwecke einer statistischen Arbeit den Wiener Marktdirektor und kam zu folgenden Ergebnissen : „Wir gestehen, daß wir recht verblüfft waren, als der Wiener Marktdirektor, der uns an Ort und Stelle auf das liebenswürdigste alle erbetenen Aufschlüsse böt, aus unsere Frage, wie es möglich sei, daß man in Wien vortreffliches Rindfleisch um eine Krone, ausgezeichnetes Kalbfleisch um 96 Heller erhalte, die Antwort erteilte: >,Das haben wir den galizischeu Juden zu danken!" Hier die Aufklärung: Ein großer Teil der Bevölkerung des Kronlandes Galizien besteht aus orthodoxen Juden. Wie bekannt, konsumieren diese ausschließlich die rituell reinen Teile des Viehes. Die Fleischhauer sind jedoch genötigt, auch die übrigen Partien — beiläufig bemerkt, die schmackhaftesten und qualitativ wertvollsten — zu verwerten, und da es in Galizien an Absatzquellen mangelt, müssen diese Partien des Rindes um jeden Preis abgestoßen werden. Vor Jahren sendeten unternehmende polnische Fleischhauer diese Partien nach Wien. Die Wiener Marktleitung erkannte die Wichtigkeit dieser Versorgungsquelle, entwickelte diese Kategorie der Zufuhr und heute gelangt der gesamte Fleischüberschuß Galiziens auf den Wiener Markt, versorgt Wien mit wohlfeilem Primafleisch, wirkt preisregulierend und preisermäßigend auf den ganzen Wiener Fleischmarkt. Der Verwaltung der Großmarkthalle kam die Mitteilung zu, daß imLaufe der heutigen Nacht fünfzig Waggons (!) mit verschiedenen Fleischgattungen im Gewichte von 180 Tonnen aus Galizien eintreffen werden, die vom nächsten Tag ab zum Verkaufe gelangen. Da ist es doch kein Wunder, daß die Wiener wohlfeiles Fleisch zu essen bekommen." * * Der reizende Ausspruch Bieloblaweks: „In der Rasse liegt die Schweinerei!" wird von den Antisemiten mit Vorliebe dann zitiert, wenn es sich um — Menschen handelt. Man erinnere sich, wie das „Deutsche Volksblatt" erst kürzlich, anläßlich des Prozesses H e r v a y dieses Zitat ausschrotete und mit anwidernder Breitspurigkeit auseinandersetzte, nur eine „Jüdin" habe so abgefeimt, herzlos, und grausam handeln können, wie die Gattin des unglücklichen Bezirkshauptmannes es getan. — Vor einigen Tagen wurde von den Wiener Geschworenen ein Sensationsprozeß verhandelt, in dessen Mittelpunkt gleichfalls eine Frau stand. Mit dieser verglichen, erscheint die „Jüdin" im Prozesse Hervay als ein wahrer Engel. Die Abgefeimtheit, das Raffinement, die Verlogenheit, mit der Franziska Klein aus den Kloaken