Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 17 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063282--03644-3070418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
■ tjuz*!z2S*äFJ: mim Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 17. großem Erfolge für die politische Gleichstellung seiner Glaubensgenossen eintrat. Im Jahre 1870 wurde er als Nachfolger des berühmten Kanzelredners Dr. M. A. Meisel nach Budapest berufen, wo er bis an sein Lebensende, als Redner und Gelehrter gleich anerkannt und gefeiert, wirkte. : Aus seinen fleißigen und eifrigen Studien der jüdischen Literatur und Geschichte fiel in sein empfängliches Herz der zündende Funke der Liebe und Begeisterung für die Wissenschaft des Judentums, die ihn so intensiv beherrschte, daß er sich die gründliche Erforschung und die Verbreitung derselben in den weitesten Kreisen zur Lebensaufgabe machte. Sein erstes Werk war seine Doktordissertation vom Jahre 1856 „Moses Mendelssohns philosophische und religiöse Grundlage mit Hinblick auf Lessing". 1862 erschien ..Moses Mendelssohn. Sein Leben und Wirken". 1883 „Moses Mendelssohn. Gedrucktes und Ungedrucktes von ihm und über ihn". Das Judentum sollte in der modernen Beleuchtung durch die Werke unb die erhabene Gestalt Moses Mendelssohns, in dessen Person Religion und Wissenschaft in schönster Durchdringung verschmolzen waren, über den engen Kreis der Glaubensgenossen hinaus die Achtung gewinnen, die es als die älteste und immer wieder sich verjüngende Kulturmacht verdient. Unaufhaltsam schritt Kayserling, nachdem seine erste Arbeit warme Anerkennung gefimden, auf seiner schriftstellerischen Laufbahn vorwärts. Er durchsucht die Staatsarchive und Bibliotheken in Berlin, München, Zürich und Hamburg, später auch in Spanieit und Portugal, um die merkwürdige Geschichte der Juden in den beiden letzten Bänden zu erforschen, und er ist vom Glück begünstigt Im Auffinden neuer Quellen, aus denen er unsere Kenntnis von den Zuständen der spanischen und portugiesischen auf den verschiedenen Gebieten ihrer Tätigkeit, ihres Geisteslebens und ihrer sozialen Stellung wesentlich bereichert. Er verknüpft, mit sprachlichen und anderen wissenschaftlichen Mitteln vollauf ausgerüstet, die Tatsachen und Ereignisse nach ihrem ursächlichen Zusammenhang, erklärt sie aus den herrschenden Ideen der Zeit, aus der psychologischen Eigenart der handelnden Personen, stellt die Verhältnisse, Beziehungen Motive und Handlungen unter die geeigneten Gesichtspunkte und führt dann dem Leser das Ganze in einem lebensvollen Gesamtbilde vor Augen. So entstanden seine historischen Werke. 1861 der erste Teil der „Geschichte der Juden in Spanien" und 6 Jahre später die „Geschichte der Juden in Portugal". Hieran schließt sich seine Schrift „Ein Feiertag in Madrid. Zur Geschichte der spanisch - portugiesischen Juden" (1859) und die Monographie „Manaffa ben Israel. Sein Leben und Wirken, zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Juden in England". Später folgte sein „Handbuch der israelitischen Geschichte", das im Jahre 1886 bereits die 6. Auflage erlebte, dann 1890 als Frucht vieljähriger Arbeit ..Bibliotheka Espanola Portugueza-Judaica", „Christoph Columbus und der Anteil der Juden an der Entdeckung Amerikas" (1894), „Die Juden als Patrioten" (1898), „Die Juden von Tdledo" (1901), „Jsak Aboab HL Sein Leben und Wirken" (1902). Eine der schönsten Lichtseiten in der Geschichte des Judentums zeigt uns Kayserling in seinem 1879 erschienenen Werke „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst", das als dankenswerte Bereicherung der modernen jüdischen Literatur gilt. Kayserlings edelste Schwärmerei sind die Kulturträger und Lichtverbreiter des Judentums. Wie er früher den Offenbarungen Mendelssohns lauschre und mit pietätvoller Liebe die Lichtstrahlen sammelte, die von seinem Geist und Leben ausgegangen, so blickte er später mit tiefster Verehrung zu Dr. Ludwig Philippson empor, der ihm seine Tochter zur Gattin gegeben, und setzte ihm in einer ausgezeichneten, lebensgetreuen Biographie ein glänzendes Denkmal. Wie in seinen Biographien der warme Odem eines tiefen Gemütes sich mit großem Darstellungstalent verbindet, so zeigt sich in Kayserlings historischen und exegetischen Schriften ein scharffinniger, kriüscher Geist mit einer umfangreichen Gelehrsamkeit in glücklicher Harmonie vereint. Was immer Juden und Judentum angeht, zieht er in den Kreis seiner Interessen und wird in dieser fruchtbaren Tätigkeit bis an sein Lebensende nicht müde. ' > Die dankbare Budapester Gemeinde bereitete ihrem großen Lehrer und Führer ein imposantes Leichenbegängnis. Nach Tausenden zählte die Schar der Trauergäste, die sich bei der Trauerseier im Tempel und aus dem Friedhose einsanden. Nach der kantoralen Funktion des Oberkantors Professor Lazarus hielten der Schwiegersohn des Verblichenen, Oberrabbiner Dr. Neumann in Groß-Kanizsa, Rabbiner Dr. Samuel Kohn, Rabbiner Dr. Weißburg, Rabbiner Dr. Kis-Ofen tiefempfundene Nachrufe. Die hervorragendsten Gemeinden des Landes waren durch Deputationen vertreten, und auch die Wiener Kultusgemeinde hatte zu ihrer Vertretung den I. Sekretär kais. Rat Dr. Lieben und Rabbiner Dr. Feuchtwang entsendet. Letzterer hielt am Friedhofe folgenden Nachruf: „Im Namen und im Aufträge der israelitischen Kultusgemeinde Wien verleihe ich der tiefen Trauer um das Ableben des verblichenen Seelenhirten und hervorragenden Gelehrten inniglichen Ausdruck. Ich kann die Empfindungen Aller beim Vernehmen der Trauerbotschaft in die Worte des Dichters des hohen Liedes fassen: „Mein Freund stieg hinab in seinen Garten, in die duftenden Beete, Lilien zu pflücken"; denn dieser Satz wird von den Weisen auf Gott gedeutet, der die Gelehrten Und Weisen aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit ruft. Der Abschiedsgruß gilt dem geliebten Lehrer dieser großen Gemeinde, dessen Lebensprogramm und Wahlspruch sich kurz in dem Worte ausdrückt: ..Ich gehöre meinem Freunde, meinem Gotte, und mein Freund mir." Sein Charakterbild und Wesen kann ich nach dem einmaligen aber unauslöschlichen Eindrücke schildern, den der teure Verblichene in jener ernsten Stunde auf mich gemacht hat, als er an der Bahre des unvergeßlichen, großen Rabbi Aron Jellinek stand. Es ist am besten dargestellt durch das Wort der heiligen Schrift, mit dem der hohepriesterliche Dienst eingeleitet wird: „Kein Mensch war ini Stistszelte, wenn der Hohepriester kam, den Sühnedienst im Heiligtume zu verrichten, bis er es verließ; er sühnte für sich, sein Haus und I die ganze Gemeinde Israel." Ebenso wie nichts Menschliches dem edlen Verstorbenen fremd gewesen ist, hat nichts Menschliches seinen heiligen Dienst gestört oder gettübt. Er hat ihn verrichtet zu seiner Ehre, zum Glück seines Hauses und zum Ruhme der ganzen Gemeinde Israel. So wie es vom Hohepriester heißt: „Er nahm die Pfanne, gefüllt mit feurigen Kohlen von dem Altäre, der vor Gott stand und füllte seine Hände mit bnftigem Räucherwerk," so hat dieser edle Priester seines Volkes aus seinem Feuergeiste und seiner lauteren Seele das glühende Wort tiefsten Glaubens, erhabenster Tugend und umfassenden Wissens in die Herzen und Gemüter seiner Gemeindekinder gesenkt und mit vollen Händen den Segen seiner umfassenden Wissenschaft > auf den Gebieten heiliger und profaner Erkenntnis überreichlich ausgestreut. Von dem Hohepriester Simon dem Gerechten erzählt der Talmud im Anschlüsse an jene Schilderungen des Sühuedienftes, daß ihn beim Betreten und Verlassen des Heiligtumes stets eine ehrwürdige Greisengestalt begleitet hätte, und als dies einmal nicht geschah, wußte er, daß nun seine irdische Laufbahn beschlossen werde. So hat auch diesen verstorbenen Priester himmlisches Wesen und göttliche Gestalt begleitet von der Stunde an, da er den Boden dieser heiligen Gemeinde betrat, bis zu diesem Augenblicke, wo er sie für ewig verläßt. Möge der Duft dieser von Gott in seinem Weltengarten gepflückten Blume sich balsamisch weiter verbreiten, und mögen Alle, wenn sie nnn bald diesen heiligen Ort verlassen werden, unsichtbar eine ehrwürdige Greisengestalt heimbegleiten, als deutliches Zeichen dafür, daß Rabbi Meir Kayserlings Geist in dieser Gemeinde, wie auch in der ganzen Gemeinde Israel unsterblich sei! Das Andenken des Gerechten sei gesegnet!"