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Die Wahrheit · 1905-05-05 · Heft 17 (5.5.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 17 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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In wenigen Tagen kehrt zum hundertsten Male der Tag wieder, an welchem der unsterbliche dichterische Genius Friedrich Schiller seine glänzende irdische Laufbahn vollendet hat, und wenn auch uns Juden in neuerer Zeit von mancher Seite die Teilnahme am deutschen Geistesleben durch Verunglimpfungen und Verdächtigungen vergällt und beschränkt wird, können wir uns dennoch bei der Ehrung des großen Dichterfürsten nicht fernehalten, weil es keinen anderen deutschen Dichter gibt, der dem jüdischen Charakter und den inneren Motiven des Judentums so nahe stünde und auf die Kulturbildung der modernen deutschen Juden so wesentlich eingewirkt hat, wie Friedrich Schiller. Den Schillerfesten dieser Tage wohnt auch eine außerordentliche und uns Juden besonders sympathische Bedeutung inner sie bekunden den Sieg des Idealismus über Realismus und Materialismus und in einer Zeit, wo die herrschende realistische und materialistische Richtung noch durchden Geist der Unduldsamkeit einen so bitteren Einschlag erhält, gelten die Schillerfeste als tatkräftigste Beweise von der dauernden Herrschaft des Idealen und dem ewigen Bedürfnis der Menschheit nach dem Idealen. Schiller wird mit Recht der Dichter des Idealen genannt; aus jedem seiner Verse, aus jeder seiner Phrasen, aus seinen historischen und philosophischen Schriften dringt überall das Ideale hervor, strebt nach Ausdruck, bekämpft die sogenannte gemeine Wirklichkeit und überwindet sie in raschem und hohem Aufschwung. Darum lauscht seinen Sängen der Bewohner des Palastes, wie die Jungsrau in der Hütte; wenn er zu sprechen beginnt, rührt er die zartesten und erhabensten Gefühle an und bekleidet alle Erscheinungen mit dem Gewände des Schönen und Anmutigen; überall stellt er dem Strebenden die höchsten Ziele ans und feuert ihn an, mutig die Sprossen der Leiter zu erklimmen, deren Spitze in den Wolken, in den Sternen, in dem Himmel lehnt. Es kommt daher gar nicht darauf an, daß Schiller in den eigentümlichen Zuständen seiner Zeit zu einer! ausgesprochenen religiösen Anschauung nicht gekommen und daß er in dieser Richtung ein letztes und entscheidendes Wort nicht gesprochen hat; da sein Wesen vorzugsweise im Ringen gelegen, und er bei der Massenhaftigkeit des auf ihn eindringenden 1 Geistigen nicht zur völligen Klärung gelangt ist, verzichten wir darauf. Aber in allem, was er hervorgebracht, was er zum Ausdruck gefördert, liegt Religion, liegt höchste Ethik, liegt die Verherrlichung des Idealen, d. i. des Göttlichen. Und dies ist nun wiederum das Moment, durch welches Schiller so unendliche Verdienste um uns Juden sich erworben, durch welches der Sieg Schillers, auch der Sieg des Judentums ist. Denn einerseits, wenn Schiller nicht wie Lessing mit scharfen, kritischen Waffen gegen Unduldsamkeit und Inhumanität, gegen Vorurteil und Dummheit gekämpft hat, so hat er von innen heraus die deutsche Natur entwickelt, gebildet, veredelt, von innen heraus das echte und reine Menschentum im deutschen Herzen gepflegt und dadurch, zwar in weniger sichtbarer Gestalt, aber desto sicherer auch für die Freiheit der Juden gearbeitet und den Kastengeist vernichten geholfen, der dem Juden aus kleinlicher Anschauung und fanatischen Rücksichten sein Menschentum vorenthalten will. Andererseits ist das Judentum die Religion des Idealen; dieses Judentum, welches die Einheit des Universums und die reine Geistigkeit der Gottheit, welches die unbedingte Menschenliebe, die persönliche Freiheit und die Gleichheit der Menschen vor Gott im Recht und Gesetz zuerst und immer gelehrt hat; dieses Judentum, welches stets für die Zukunft gelebt, die große Verheißung des Gottesreiches, ein Reich der allgemeinen Erkenntnis und des allgemeinen Friedens als seine Zielpunkte aufgestellt hat. Das ist die wahre Religion des Idealen, und wer dem Idealen dient, wer das Ideale nicht als allgemeine Phrase, sondern in realer Gestaltung wiedergebärt, der dient dem Judentume und das Judentum würdigt ihn als einen feiner geistigen Söhne. Aber nicht nur die innige geistige Verwandtschaft der Schiller'schen Richtung mit den Ideen des Judentumes, sondern auch das Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit läßt uns an der Zentennarfeier für Friedrich Schiller teilnehmen, indem er, wie kaum ein zweiter, bestimmenden Einfluß auf die Kultnrbildung und die geistige Emanzipation der deutschen Juden genommen. Wodurch diese Einflußnahme Schillers, der eigentlich zum Judentume seiner Zeit nur äußerst lose äußerliche Beziehungen hatte, begründet war, hat der leider vor wenigen Tagen verschiedene Dr. Kayserling in einem geistreichen Artikel zum hundertsten Geburtstage Schillers im Jahre 1859 mit überaus treffenden Worten dargelegt. Was war es, so schrieb er, denn eigenrlich, was die jüdische Jugend so mächtig nach Schiller hinzog? Trat er ja I der positiven Religion schnurstraks entgegen! Daß er dem

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