Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-04-21 · Heft 16 (21.4.1905) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063281--03636-3070409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 16. Die Wahrheit. Seite 9. durch und durch ein Original, ein Sonderling, ja fast ein Einsiedler. Er I war weltscheu, naiv und lebte fern vom Getriebe der Tagesereignisse in seiner Bücherwelt. Hier fühlte er sich heimisch, während die Welt ihm stets eine unheimliche Fremde geblieben ist. Er schien durch die Art seiner geistigen; Tätigkeit mit Land und Leuten in Griechenland mehr vertraut, als mit den Menschen und Straßen in Breslau, woselbst er täglich einsam auf der Karlsstraße sein Mittagsmahl einnahm, die Pausen der Gänge sich durch gelehrte Monologe würzend. Bezeichnend für ihn ist, daß als eine schwarze Katze während seiner Vorlesung in Sicht war, er aus Aengstlichieit dieselbe unterbrach mit den unter seinen Schülern bekannten Worten: ,,Was ist das für ein Tier?" Erst als die Katze, ihres freien Willens beraubt, einen Platz außer dem Gesichtskreise Bernays eingenommen, faßte sich der Professor und las weiter. Mit pedantischer Genauigkeit beobachtete er alle religiösen Zeremonien und Speisegesetze, nie hielt er an einem Samstag oder Feiertag Vorlesungen und pflegte allen Vorwürfen über seine sogenannte starre Orthodoxie mit dem lapidaren Satze zu begegnen, „man habe kein Recht, die Tradition aufzulösen".-- Nicht minder gelungen sind Gomperz' Worte „Zur Erinnerung" an den Polyhistor Franz Romeo Seligmann, den ebenso großen Orientalisten als feinsinnigen Wiener Historiker der Medizin. Die Begegnung von Spinoza und Leibnitz hält Gomperz in einem Historienbilde fest. Möge das hochinteressante Buch, dessen reicher Inhalt am allerwenigsten hier erschöpft werden kann, jenen Leserkreis finden, den es schon durch die Bedeutung seines Verfassers verdient. Neueste Erscheinungen: B a m b e r g e r M. L.: „Ein Blick auf die Geschichte der Juden in Würzburg." Würzburg. I. Frank. Mk. 040. Bauman n, Prof. Dr. Jul.: „Ueber Religionen und Religion. Worte zur Verständigung". VI, 186 S. gr. 8°. Langensalza 1905. F. Beyer & Söhne. Mk. 8 60. Berliner, Prof. A.: „Die altfranzösischen Ausdrücke im Pentateuch." Kammentar Raschis. Alphabetisch geordnet und erklärt. 21 S. 8°. I. Kaufmann, Frankfurt a. M. 1905. Mk. 1.—. Bloch Ph.: „Heinrich Graetz." Posen. Philipp Bloch. Mk. 2 50. B l o g g S. E.. „Sefer Hachajim" Israel. Gebetu. Erbauungsbuch. 8. verm. u. Verb. Aufl. Deutsch. Anh. Hrsg. v. Prof. Dr. A. Sulzbach. Frankfurt a. M. 1905. I. Kaufmann. Mk.^1.—. Boehmer I.: „Das 1. Buch Moses ausgelegt für Bibelfreunde." Stuttgart. Greiner & Pfeiffer. Mk. 5 —. - Brüll, Dr. Adolf: Die Mischehe im Judentum im Lichte der Geschichte. Vortrag. 23 S. 8°. Frankfurt a. M. 1905. A. I. Hoffmann. Geb. in Leinwand Mk. 3'—. Ewald Oskar: „Romantik und Gegenwart/? Bd. I.-Berlin 1905. Emil Hoffmann. Mk. 5'—. "Franzos Karl Emil: „Die Juden von Barnow." Geschichten. 7. Aufl. XI, 289 S. 8°. Stuttgart 1905. I. G. Cotta Nachf. Mk. 3 —, geb. in Lwd. Mk. 4-—. F r o m e r, Dr. I.: „Das Wesen des Judentums." (Kulturprobleme der Gegenwart. Herausgegeben von Leo Berg. H. Serie. Bd. I.) Verlag Huniden L Merzyn. Berlin, Leipzig, Paris. G e y s e r Pasr. N.; „Der Kampf um das alte Testament." (Aus: „Theol. Arbeiten a. d. rhein.-wiff. Prediger-Ver.") 46 S. gr. 8°. Tübingen 1905. I. C. B. Mohr. Mk. 2—. .... Haering. Dr. Theod.: „Das Verständnis der Bibel in der Entwicklung der Menschheit." Rede. Tübingen 1905. G. Schnürten. Dar Mk. 1'—. Köllen scher M.: „Zionismus und Staatsbürgertum." Posen. Philipp Bloch. Mk. 15--. K r o g e l Georg: „Saul." Tragödie. 96 S. 8°. Straßburg 1905. 1. Singer. Mk. 2-50. Lehmann, Prof. C. F.: „Babyloniens Kulturmission einst und jetzt." Ein Wort der Ablenkung und Aufklärung zum Babel-Bibel-Streit. 2. unveränderte Auflage. HI, 88 S. mit Abbildungen. 8". Leipzig 1905. Dieterich. Mk. 1-20. Leicht, Dompred. Joh.: „Die Klagelieder des Propheten Jeremias." Fastenpredigten. HI, 87 S. 8°. Regensburg 1905. F. Pustet. Geb. in Lwd. Mk. 1-40. L i ch t e n b e r g e r H.: „Heinrich Heine als Denker." Dresden, Darbaroffastraße 9. M a i m o n i d e s' Kommentar zum Tractat Sanhedrin. IV—V. Herausg. von I. Bleichrode. Berlin. B. Bleichrode. Mk. 1-50. Men-achem den Josef ben Jehuda. Chazan aus Troyes: Seder Troyes. Ritus Troyes. Zum ersten Male herausg. nach einer Handschrift der Bibliothek David Kaufmanns s. A. zu Budapest u. mit Anmerkungen versehen von Dr. Max Weiß. In hebr. Sprache. 41 S. gr. 8°. Frankfurt a. M. 1905. I. Kaufmann. Mk. 1-—. Meyer, Pastor F. B.: „Der Prophet Samuel." VII, 208 S. 8°. Berlin 1905. Deutsche ev. Buchu. Traktatgesellschaft. Mk. 2'40. Schulz W.: „Urgeschichte Israels." Berlin. Reuther L Reichard. Mk. —-75. S e l i g m a n n, Dr. Cäsar: „Das Judentum und die moderne Weltanschauung." Frankfurt a. M. I. Kauffmann. D. A. Sulzbach-Rosenfeld: „Der Geist der Bibel. Moses." Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. (Ausführliche Besprechung obiger Werke vorbehalren.) Klüyende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Sie haben Recht, dies durfte nicht geschehen," murmelte halb mechanisch der Rabbiner. „Was aber soll ich jetzt beginnen?• fragte er laut das Mädchen, welches mit vor Erregung total» bleichem Antlitze ihm gegenüber saß. „Ihr Herr Vater hat mich gebeten, Sie zur Einwilligung in diesen Ehebund zu veranlassen, dessen Einsegnung ich hier in Ihrem Zimmer vornehmen sollte." „Diesen Auftrag haben Sie übernommen. Sie, der sich immer mein Freund nannte?" „Ich kannte ja den Grund Ihrer Handlungsweise nicht, Fräulein Martha, und Dr. Piesen hat mich so eindringlich gebeten, Sie umzuftimmen, er scheint Sie heiß zu lieben." „Mich oder mein Geld? Was liebt er eigentlich? — Herr Doktor! Ich habe heute Mittag versäumt, das übliche Sündenbekenntnis abzulegen, betrachtete ich mich ja nicht als eine Braut vor der Trauung. Das Versäumte will; ich jetzt nachholen und Ihnen mein Bekenntnis ablegen." „Das anzunehmen bin ich nicht berechtigt." „Sie sind ein Priester!" „Wir sind keine Katholiken, welche die Beichte in ihrer Religion eingeführt haben; ich kann, ich darf Ihre Bekenntnisse nicht anhören." „Sie müssen!" ries Martha voller Erregung aus, und stellte sich in voller Höhe vor den erstaunten Blicken des jungen Rabbiners auf. So herrlich, so versührisch schön, war ihm dies Mädchen vorher niemals erschienen. Das einfache Hauskleid, welches Martha in der Eile umgeworfen hatte, ließ ihre hohe schlanke Gestalt ganz zur Geltung kommen. Das durch das rasche Abnehmen von Kranz und Schleier etwas in Verwirrung geratene Haar ringelte sich in losen Löckchen um ihre glatte, weiße Stirne und fiel über ihren schneeigen Hals herab. Hellmann mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, und all seine männliche Würde zu Hilfe rufen, um bei diesem Anblicke seine Fassung zu bewahren. „Was haben Sie mir zu sagen, Martha?" „Daß ich den Brief, der mir die Unwürdigkeit meines Verlobten darlegte, mit Jubel gelesen habe, daß ich Gott dafür dankte, von dieser Fessel befreit zu sein!"- „Sie lieben — einen — Andern?"- Die langen, schwarzen Augenwimpern senkten sich über die zu Boden gerichteten Augen, die vorher bleichen Wangen Marthas färbten sich plötzlich purpurrot. — Doch eine Antwort vermochte sie nicht über die Lippen zu bringen, aber jetzt traf Hellmann ein liebender, sehnsuchtsvoller Blick aus ihren Augen. „Martha — Du liebst — liebst mich?!"- „Ich habe Sie immer geliebt und ihre Gleichgiltigkeit gegen mich hat mich oft fast zur Verzweiflung getrieben, hat mich zu diesem verhaßten Bunde veranlaßt." Der Rabbiner hatte stürmisch die Hand des jungen Mädchens ergriffen. „Wissen Sie denn nicht, Martha, daß es einem Manne meines Standes schlecht anstehen würde, mit der Tochter eines ihm befreundeten Hauses zu liebäugeln? Sie hätten mir entgegen kommen sollen, mich Ihre Liebe ahnen lassen, wie Sie es jetzt getan haben?" „Mußte ich es nicht, Sie Böser? Sie wären ja jetzt bereit gewesen, mich mit einem Andern zu verbinden!" „Ich liebe Sie, Martha, mehr wie mein Leben, mehr aber noch meine Pflicht, die zu erfüllen ich bestrebt bin, wenn auch mein Herz bei deren Ausübung brechen sollte. Heute, als ich Sie unter dem Trauhimmel stehen sah, so voller Anmut und Liebreiz, da stand ich an der Grenze meiner Kraft und Selbstüberwindung. Aber der Gedanke an meine Pflicht, an meine Ehre, hat.mir die Stärke verliehen, meines Amtes ohne Beben zu walten." (Fortsetzung folgt.) Infolge der Peßach-Feiertage erscheint die nächste Nummer Freitag, den 3. Mai. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.