Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16. Die Wahrheit. Seite 7. Mischehe«. Von Sanitätsrät Dr. Maretzki in Berlin. (Schluß.) Ferner lehrt uns die Untersuchung der Mischehen, daß in -allen Ländern mit freier Verfassung und liberaler Anwendung derselben, mit freien Tendenzen in kirchlicher Beziehung, wo die politische und namentlich die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden verwirklicht ist, viele Mischehen Vorkommen. Es ist das der Fall in Dänemark, Schweden, England und Ungarn. Nicht etwa, weil die Inden sich an die christlichen Familien cherandrängen, sondern weil in diesen Familien die Vorurteile gehoben sind, bei den christlichen Mädchen keine Abneigung herrscht, die Konfession kein Hindernis mehr bildet, die Annäherung, die Ausgleichung schon seit langer Zeit erfolgt ist. Man kann es beklagen, daßdie soziale Emanzipation eine solche Wirkung ausgeübt hat; eine notwendige in sich begründete Folge ist sie nicht, aber ändern wird man es nicht können. Soll man es darum aufgeben, die Gleichstellung der Juden energisch zu betreiben? Sollen wir darum wieder in die völlige Abschließung zurückgeworfen werden, wie in Osteuropa, nur um die Mischehen zu vermeiden? Das kann kein denkender Jude wollen. Vielmehr sollte man meinen, daß, wo die Juden die vollständige Gleichstellung erreicht haben, sie erst recht Veranlassung haben, sich als Juden in jeder Beziehung zu bekennen, nicht durch Mischehen eine Art Flucht aus dem Judentum an den Tag zu legen. Man vermißt bei ihnen den rechten Stolz, wenn sie en masse in das Lager der Andersgläubigen indirekt libertreten. Den Kindern stehen keine Hindernisse für die Ergreifung jedes Berufes im Wege. Es ist kein ersichtlicher, triftiger -Grund für das massenhafte Eingehen von Mischehen zu finden. Sie dürften in jüdischen Kreisen doch ebenbürtige und gleichgestellte Frauen finden. Die Erfahrung lehrt ja, daß in allen diesen Staaten auch die Frauenbildung eine hohe ist und die jüdischen Mädchen an Wissen, Charakter und guten gesellschaftlichen Fähigkeiten keineswegs zurückstehen. Zwischen den beiden Extremen, den vornehmen und den armen Schichten der Judenheit stehen die mittleren Kreise, Mitglieder der gelehrten Berufe, besser situierte Kaufleute, die in nicht geringem Prozentsatz in die Mischehen untertauchen. Hier dürften wohl vielfach persönliche Momente auf die Eingehung einer Ehe mit einer Christin ausschlaggebend sein. Viele haben ein Verhältnis ohne Absicht der Heirat veranlaßt. Bei vielen bestand von vornherein eine tiefe Neigung zu der bestimmten Person. Aus ethischen Gründen ist kaum etwas einzuwenden, weder im ersten noch im zweiten Fall, es muß immerhin aus sittlichen Gründen anerkannt werden, daß die Männer die Mädchen ehrbar machen. Aber muß es denn sein, daß die Söhne jüdischer Familien auf diesen Boden treten? Müssen unsere Söhne auf solchen Irrwegen wandeln? Liegt vielleicht in der Erziehung oder im Familienleben ein Fehler, der die jungen Leute dem Elternhause entzieht? Wie schon früher erwähnt, ist das patriarchalische Verhältnis in der jüdischen Familie leider längst geschwunden; die Kinder streben auseinander, der innere Zusammenhalt ist stark gelockert. Die Söhne suchen außerhalb des elterlichen Hauses ihre Zerstreuungen, und deren Folgen sind -eben jene Äbirrnngen. Die großen Städte mit ihrem nivellierenden Charakter und der Förderung des Egoismus leisten der Zerstreuung der Familienmitglieder geradezu unheilvollen Vorschub. Hier müßte der Hebel angesetzt werden. Die Söhne müßten durch gesellige, schöngeistige, wissenschaftliche Mittel mehr'an das Haus gefesselt werden. Zusammenkünfte mit Freunden sollte man nicht hindern, vielmehr ihnen gestatten, mit ihren Freunden im elterlichen Hause zu verkehren, sie gastlich aufzunebmen. Das macht der Hausfrau gewiß mehr Mühe, aber es lohnt die Mühe. Die jungen Menschen werden das Bessere, das Edle zu schätzen wissen, eine bessere, edlere Geselligkeit würdigen und lieb gewinnen lernen. Dazu gehört, daß in den Familien viel mehr der jüdische G e i st gepflegt wird, der das jüdische Selbstbewußtsein weckt. Um aber der Neigung unserer Söhne, außerhalb des Hauses sich zu zerstreuen. Rechnung zu tragen, soll man die jungen Männer zu literarischen und geselligen Vereinen zusammensühren. Es ist dies eine Frage von höchster sozialer Bedeutung fiir die Judenheit, die seit Jahren in Berlin aufgeworfen wird und endlich ins Werk gesetzt werden sollte, die nicht mehr aufzuschieben ist, soll der Abwendung vom Judentum ernstlich Einhalt getan werden. Die wenigen hier am Orte bestehenden Vereine umfassen nur einen Bruchteil der jüdischen jungen Welt. Derartige Vereine in Frankfurt, Hamburg zc. haben großen Zustrom und bewähren sich vollauf. Wenn solche Vereine von idealem jüdischen Geiste getragen werden, und das müßten sie, dann wären sie ein sicherer Hort für den intakten Bestand des Judentums. In dieser Beziehung könnten unsere B'ne Brith-Logen viel tun, nicht nur, daß sie die Gründung jüdischer Jünglingsvereine veranlassen, sondern auch, daß sie ihr Augenmerk unausgesetzt darauf richten, junge Männer zum Eintritt in unseren Orden zu bewegen. Hier ist noch ein weites, fruchtbares Feld. Es ist die höchste Zeit, daß derartigen Bestrebungen Fürsorge zugewendet wird, ehe der Schaden zu weit und zu tief um sich greift. Auch andere Bolksstämme, die zerstreut wie wir inmitten anderer Nationen leben, halten zusammen, hallen auf die Reinheit der Rassen, vermischen sich nicht leicht, haben Achtung vor ihrer Nationalität. Gewiß war und ist es noch erforderlich, daß wir unsere soziale Fürsorge den Juden Osteuropas widmen, weil dort die Not zum Himmel schreit und wir unsere Ohren den bitteren Klagen jener Unglücklichen nicht verschließen dürfen, wenn sie auch große Opfer von uns erheischen; aber wie man über die Toten die Lebenden nicht vergessen darf, so sollen wir auch an den Uebelständen im eigenen Lande nicht achtlos vorübergehen. Und noch einen Punkt möchte ich berühren. Wir haben gesehen, daß die jüdischen Männer, wenn sie eine Mischehe eingehen, so gut wie gar keinen Einfluß auf die Erhaltung der Konfession bei den Kindern ausüben, wodurch eine übergroße Zahl der letzteren dem Judentum abwendig gemacht wird. In der christlichen Mischehe übt der Vater -den größten Einfluß, wie dies Natur und Gesetz erfordert. In dieser Beziehung wird von der Geistlichkeit die allergrößte Wirksamkeit entfaltet. Und bei uns geschieht nichts dergleichen; bei uns steht die Geistlichkeit mit verschränkten Armen diesen Dingen gegenüber. Hier müßte die Seelsorge mit aller Kraft einsetzen, hier ist so recht ein Feld, wie kaum wo anders, auf welchem unsere Prediger eine segensreiche Tätigkeit auszuüben vermöchten. Kann man schon die Mischehen nicht hindern, so soll man doch die Kinder dem Judentum zu erhalten suchen. Man sage nicht, daß es schlechte Elemente sind, die solche Wege wandeln, daß an ihnen nichts zu bessern wäre. Man versuche nur! Kein Mensch ist so schlecht, daß er nicht guten Regungen zugänglich wäre. Freilich gehört viel Geschick und Takt dazu, um in ruhiger, anständiger, gemütvoller Weise einzuwirken. Ich kann mir nicht denken, daß die angeheiratete christliche Frau gegen eindrucksvolle Vorstellungen taub sein sollte. Nicht die Auszählung aller Schäden ist das Wichtigste, mehr der stumme oder laute Hinweis auf die Wege zur Besserung. Aber darin liegt die Schwierigkeit. Die Ratschläge erscheinen dem Einen zu gewagt, dem Andern nicht plausibel; der Eine tadelt die Schwarzseherei, der Andere geht gleichgiltig darüber hinweg; die Ungläubigen leugnen die Tatsache, die Gleichgiltigen lesen und haben mit der Beendigung der Lektüre auch schon den Inhalt vergessen. Nicht Wenige nehmen einen Anlauf zum Bessermachen, ermatten aber bald, wenn sie nicht gleich Erfolg sehen. Sie können nicht begreifen, daß langsame, anhaltende Arbeit erforderlich ist, um Wandel zu schasien. Uerfchirdene Nachrichten. Wien. Die Malerin, Frau Manzi K e st e l - B a u e r, deren im Aufträge des österr.-ungar. Kanroren-Bcreines anläßlich der Sulzer- Zentennarfeier angefertigtes Sulzerbild so vielfache Anerkennung gesunden hat, hat mit einem vor kurzem vollendeten, lebensgroßen Bilde des Obersthofmeisters Sr. kais. und königl. Hoheit Erzherzog Rainer, Herrn Grafen O r s i n i - R o s e n b e r g, neuerdings ihr bedeutendes künstlerisches Können bewiesen. Graf Rosenberg drückte seine besondere Zufriedenheit durch folgendes, an die Künstlerin gerichtetes Schreiben aus: