Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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mm J/vaaKT* äi;v uSfb-SZ'; ~?4>^-.'.^F- Ä?LÄ!-^'' Sette 6. Die Wahrheit ' Nr. 16. bezug auf die Judenfrage. „Die Beschränkung der Rechte," sagt er, „ist gewissermaßen eine Strafe; wenn ich zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß die betreffende Person keine Strafe verdient, — wozu braucht man dann den allmählichen Uebergang?" Ein solcher allmählicher Uebergang ist nicht nur ungerecht, sondern auch unzweckmäßig. Alle Klassen der jüdischen Bevölkerung empfinden tief nicht nur physische und materielle Entbehrungen,' sondern auch die durch ihre gedemütigte Lage erzeugte moralische Kränkung. Gekränkte Würde kann sich aber mit halben Maßregeln nicht zufrieden geben. Die viele Millionen zählende Bevölkerung, die das Recht auf das Dasein erkannt hat, kann auf unbestimmte Zeit nicht unter Verdacht gelassen werden. Hinsichtlich der jüdischen Gesetzgebung und Verwaltung hat in den letzten 25 Jahren der Umstand eine große Rolle gespielt, daß die Juden fast als Hauptgefahr für die Wohlfahrt und die Größe des Landes hingestellt wurden. Für diesen Gedanken ist von einem gewissen Teile der Presse Propagaiida gemacht worden, da er die Aufmerksamkeit von den wirklichen Mißständen des russischen Lebens ablenkte; er wurde von der Bureaukratie unterstützt, da „die böswilligen Bestrebungen und Handlungen der Juden als sehr bequeme Erklärung aller unserer Mißstände erschienen." „Rußland ist für Russen" — mit dieser Formel war alles gerechtfertigt und erklärt, wobei aus der Zahl der „Russen" alle Anhänger fremder Konfessionen ausgeschieden wurden, wenn sie auch seit uralten Zeiten im Lande ansäßig sein mochten. Können denn aber die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit eines großen Reiches wirklich mittelst der Einengung seines Fundamentes gesichert werden, erscheint denn die Gerechtigkeit andern gegenüber wirklich als nachteilig für die Seinen? Nicht nur in diesem Jahre der Prüfungen, sondern auch nach Wlauf desselben, müssen alle Gedanken der Bevölkerung Rußlands darauf gerichtet sein, ihre innern Kräfte zu stärken. Eine derartige Einigung ist jedoch nur bei Einheit der Interessen und Gefühle möglich. Die beschränkenden Gesetze, die die Juden zu Elend und Entartung verurteilen, die all ihr Streben nach normaler Tätigkeit brachlegen und Hunderttausende energischer fleißiger Menschen über den Ozean schicken, untergraben die geistigen und moralischen Kräfte eines nach Millionen zählenden Volkes und sind hierdurch dem ganzen Lande schädlich. Alle Juden in Rußland find augenblicklich von dem einen Gedanken erfüllt, daß das grausame System der unendlich vielen Beschränkungen und Verfolgungen die Basis ihres Daseins untergraben, daß sie länger nicht so weiter leben können.... Durch alles Erlebte abgehärmt, für ihr zukünfüges Schicksal ernst besorgt, erwarten die Juden endlich ihre vollständige Emanzipation; sie erwarten die endgiltige Aufhebung aller Ausnahmsgesetze, um frei und allen andern Menschen gleichberechügt, Hand in Hand mit den übrigen Bürgern des großen Reiches für dessen Wohl und Gedeihen arbeiten zu können. VI. T a m b o w. Die lokale jüdische Bevölkerung sandte dem Präses des Ministerkomitees, dem Staatssekretär S. I. Witte, folgende Zuschrift: Auf Grund des persönlichen Allerhöchsten Ukas, am 18. Februar 1905 an den regierenden Senat gerichtet, in dem Seine kaiserliche Majestät allen russischen Bürgern zu gestatten geruhte, ihren Bedürfnissen Ausdruck zu geben, sprechen wir Juden der Stadt Tambow die Hoffnung aus, daß in diesem wichttgen historischen Augenblick, wo auf Allerhöchstem Wunsch das Ministerkomitee berufen ist, die ganze russische Gesetzgebung eingehend zu revidieren, Vertreter der jüdischen Gemeinden zur Teilnahme an der Besprechung der Fragen, die auf die Rechtslage der Juden Bezug haben, aufgefordert werden werden. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß den russischen Juden, die in ihrem Vaterlande in Friedens- und Ktiegszeiten alle Abgaben leisten, alle der Urbevölkerung zustehenden. Rechte bewilligt werden werden. Die Zuschrift ist von hundert Personen unterzeichnet. VII. B i t t s ch r i f t d e r O ö es s a e r j ü d i s ch e n G e m e i n d e. Im Namen der Odessaer jüdischen Gemeinde ist dem Ministerkomitee eine Vorlage folgenden Inhaltes eingehändigt worden: Rußland erlebt gegenwärtig einen seiner Bedeutung nach ausschließlichen Augenblick. In einem solchen Augenblicke, wo die ganze russische Gesellschaft eilt, ihre dringendsten Bedürfnisse kundzugeben, halten wir jüdische Bürger der Stadt Odessa es für unsere Pflicht, dem Vaterlande und dem jüdischen Volke gegenüber, auf die besondere Lage hinzuweisen, in der. sich die sechs Millionen zählende jüdische Bevölkerung, zum Unterschied von den andern, in Rußland lebenden Völkerschaften, befindet. Trotzdem die Juden allen, vom Staate seinen Mitgliedern auferlegten Pflichten Nachkommen, alle Steuern zahlen und gleich allen übrigen Untertanen auch die Wehrpflicht leisten, genießen sie nicht einmal die elementarsten Rechte, die der ganzen übrigen Bevölkerung zustehen «und jedem Nichtjuden nur für ein begangenes Verbrechen entzogen werden dürfen. Juden sind in der Wahl ihres Wohnortes, im Uebersiedlungsrechte, in der Wahl ihres' Berufes Beschränkungen auferlegt; für sie sind alle staatlichen und öffentlichen Institutionen geschlossen. Den alten beschränkenden Gesetzen, die bis nun in Kraft geblieben sind, wurden bis zur allerletzten Zeit neue hinzugefügt, die das Leben der Juden mit einem immer engeren Reif zusammenzogen. Es hat sich auf diese Weise eine unendliche Reihe von Beschränj kungen angehäuft, die für die Menschenwürde und das bürger- I liche Gefühl des Juden verletzend sind und ihm auf jedem Schritt I und Tritt Hindernisse und Schranken setzen. Diese Zustände haben die Masse der jüdischen Bevölkerung materiell an den Bettelstab gebracht und moralisch in Verzweiflung getrieben. Nicht minder traurig sind die weiteren Folgen der beschränkenden Judengesetze. Die Masse der Bevölkerung, die auf jedem Schritt und Tritt augenscheinliche Beweise der Nicht- I Gleichberechtigung der Juden sah, die Zeuge dessen war, wie 9 das Gesetz die Juden als Verstoßene behandelt und vor ihnen 9 überall die Tür schließt, gewöhnte sich, die Juden als Stiefkinder 9 des Staates zu betrachten, denen gegenüber man sich das ge- 9 statten durfte, was Andern gegenüber verboten war. Eine solche Ansicht geht leicht in eine andere über, der entsprechend das Gesetz für Juden überhaupt uicht in Anwendung kommt. Die Judenmassakres des Jahres 1881, die fast die ganze jüdische Ansiedlungszone ergriffen hatten, Massakres, die hin und wieder auch später stattsanden, die Kischenewer Massakres vom 6. und 8. April 1903, die die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken erfüllt hatten; die bald darauf erfolgten Massakres in Homel, die Zerstörung des jüdischen Eigentums und die Vergewaltigung der Persönlichkeit der Juden, die sogar letzthin, wo doch Juden in den Reihen der russischen Armee ihr Blut vergießen, in verschiedenen Orten der Ansiedlungszone verübt wurden, all dies sind Konsequenzen der Ansicht, laut der Juden als Personen betrachtet werden, die nicht unter dem Schutze des Gesetzes stehen. Es besteht kein Zweifel, daß die Judenmassakres mit all ihren Schrecknissen und ihrer Schmach nur in der Atmosphäre, die rings um die Juden durch Ausnahmegesetze geschaffen worden ist, ihren Grund haben. Wir sind der festen Ueberzeugung und halten es für unsere Pflicht zu sagen, daß allen diesen Unglücken, die sich in letzter Zeit so sehr verschärft haben, nicht anders Abhilfe geschaffen werden kann, als durch volle Gleichmachung der Rechte der Juden mit denen der übrigen Bevölkerung. Wir sind tief überzeugt, daß jede partielle Aufhebung der beschränkenden Gesetze nur ein gesetzgebendes Palliativ sein wird, das seinen Zweck nicht erreicht: wenn es sich um die Verwirklichung elementarer Gerechtigkeit handelt, so darf es keine Etappen geben. Keinerlei religiöse und nationale Erwägungen können das Entziehen der angeborenen Rechte des Menschen rechtfertigen. Indem wir die allgemeine Hoffnung teilen, daß Rußland nun in eine neue glücklichere Aera seiner Entwicklung tritt, geben wir der Ueberzeugung Ausdruck, daß nun jetzt endlich einmal der Augenblick für die Verwirklichung der vollen politischen und bürgerlichen Entwicklung der Juden und der ganzen | übrigen Bevölkerung Rußlands gekommen ist.