Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Die Wahrheit Lette ö. 'in die Lüfte schleudert! Heil Euch, wackere Streiter! Heil Dir, Mäthatias und Juda, heil allen Euch/ erlauchte Hasmonäer! Was jubelt und was jauchzt das ganze Volk? Der Tempel, das Haus des Herrn, er steht von allen Greueln gereinigt da. Das Licht der heiligen Lampe flackert wieder aus. Zu Ehren Gottes! Wie? Und darum diese laute Freude, dieses himmelanstrebeude Frohlocken?! „Chanuka ist ein nationales Fest und ist bloß im Laufe der Zeiten zu einem religiösen umgewandelt worden," behauptete der Tendenzredner mit Ueberzeugung. Und während ich so sinne und nachdenke, tönen die Worte an mein Ohr: „Erst war die Nation und dann die Religion!" Viele unserer Gebräuche hätten sich überlebt, seien morsch, gehörten in die Rumpelkammer, für die modernen Juden existiert all dies nicht mehr.... Ach, nicht soviel auf einmal, geehrter Herr Freud! Sie verwirren mich ja. Ich kann soviel mit einem Schlage nicht fassen. Also: „... Erst war die Nation und dann die Religion?" Hm, hm! Es lebte einst in alter Zeit ein Mann, ein frommer Mann, der hieß Abraham. Dem verhieß Gott, daß er ihn zu einem großen Volke machen werde. Er verhieß ihm dies, noch ehe er einen Nachkommen besaß. Und dieser fromme Mann, mit Erlaubnis des Redners und aller Zionisten, die seine Ansicht teilen, war der erste Bekenner unseres Glaubens, war demnach der erste Jude. Mit ihm schloß Gott einen Bund, einen religiösen, keinen nationalen. Ihm gab er Gebote, wie sie vor ihm keiner besessen hat. Aus ihm wuchs ein Volk hervor: Das Volk der Juden in Egypten. Dort erst kann es eine Nation genannt werden. Wie die Ueberlieferung uns berichtet, haben unsere Patriarchen und ihre direkten Nachkommen bereits alle Gebote gekannt, alle Gebräuche geübt, die der großen Menge erst dann geoffenbart wurden, nachdem sie durch viele Jahre herbster Prüfung und gründlicher Läuterung die notwendige Reise erlangt hatte. Erst dann wurde dem Volke das Gesetz zuteil, auf dem sich das bis jetzt unerreichte, großartige Staatswesen des mächtigen Judäa gründete, ja mit dessen Geboten und Gebräuchen es bis in seine winzigsten Verzweigungen durchzogen war, ohne das es niemals geworden wäre. Das Gesetz war der Boden, aus dem sich stolz und kühn und gewaltig der Stamm der Juden erhob. Also: In die Rumpelkammer mit unfern Gebräuchen? Sie kommen immer mehr in Verfall, fänden immer weniger Berücksichtigung, was in unserer Gemeinde, die noch zu den frömmeren gehört, besonders deutlich erkennbar sei? Wozu uns dies von einem Zionisten anläßlich einer Makkabäerfeier gesagt wurde? War er denn nicht gekommen, um uns für seine Sache zu gewinnen? Da hätte er doch vorher bedenken sollen, daß er einige Personen wenigstens vor sich haben werde, die er bis ins Innerste verletzen, deren religiöses Gefiihl ihn zumindest einer Taktlosigkeit zeihen mußte. Oder hat er sich etwa eingebildet, daß er überzeugen werde? Und an dem Feste der Makkabäer? Ruft uns nicht dieser Name allein zu, daß es eine Zeit gegeben, in der man sich schämte, Jude zu heißen, in der die religiöse und sittliche Entartung einen Höhepunkt erreicht hatte wie nie zuvor und nie nachher? Und dennoch gelang es einer einzigen kleinen Familie gründlich Wandlung zu schaffen.... „Und wenn auch alle vom Hause Jakobs den Herrn verlassen, ich und meine Kinder, wir bleiben ihm treu, so lange noch ein Atemzug uns bewegt!" So sprach Mathatias, der unmoderne Dorffude. Und seine Worte senken in unser Herz einen nimmerschwindenden Hoffnungsstrahl, der kein Zagen, kein Zweifeln auflommen läßt. Jetzt noch rasch zur Erledigung Deiner zweiten Frage, mein junger Freund. Ich bin Zionistin. Ich vermag die ganze unendliche Größe einer Idee zu erfassen, die Hunderttausenden, die in sternenloser Nacht qualvollster Bedrückung schmachten, die Morgenröte bedeutet, voll zu erfassen. Ich beuge mich vor denen, die in rastlosem Eifer für die Verwirklichung dieser Idee arbeiten. Neben mir steht eine Büchse, in welche die kleinen Spenden meiner vielen Schülerinnen und Schüler für den Nationalfond fließen. Aber hoch über dem Zionismus steht mir die Religion. Ohne sie ist mir eine jüdische Nation, ein jüdischer Staat undenkbar. Wer sie mit unzarter Hand berührt, der kann nicht fordern, daß sein Banner jemals das meine werde. Herzlichen Gruß Ung.-Brod, im April 1905. Jda Böck. Die Gastgeber des Wiener Mannergesangvereines. Alexandrien, im April 1905. Der achttägige Aufenthalt der 200 Mitglieder des Wiener Mannergesangvereines in Egypten ist beendet und die Teilnehmer der Fahrt haben sich bereits zur Heimreije eingeschisst. Tue Aufnahme der Gäste in den beiden Hauptstädten des Landes, der Handelsmetropole Alexandrien und der Residenzstadt Kairo, war eine geradezu glänzende zu nennen. Mit Rücksicht darauf, daß die Stellung des hervorragendsten Wiener Gesangvereines zum Antisemitismus eine durchaus nicht geklärte ist, da er z. B. bei allen Luegerfesten offiziell mitwirkt, ist es nicht uninteressant, diejenigen Personen, die den Wiener Sängern eine geradezu fürstliche Gastfreundschaft gewährten, einer kleinen Betrachtung zu unterziehen. Daß der Wiener Männergesangverein auch Juden unter seinen Mitgliedern zählt, wird jedem einleuchten, der weiß, daß es bei diesem Sängerbünde ausübende und beitragende Mitglieder gibt. Die Beitragenden zahlen als Mitgliedbeitrag jährlich rund 500 fl. oder 1000 Kronen. Nur auf diese Weise ist es möglich, dem Sängerbünde Fahrten, wie z. B. die vierzehntägige Reise nach Egypten mit einem achttägigen Aufenthalte in dem luxuriösen Grand Horel Continental zum Preise von 75 Gulden pro ausübendes Mitglied für die gesamten Auslagen der Exkursion zu ermöglichen, sodaß die Wiener Juden eigentlich auch schon mit zu den Gastgebern des Vereines zählen. Wie aber sah es in Egypten, dem alttestamentarischen Mizraim, mit der Bewirtung des Wiener Männergesangvereines aus? Da war vor allem in Alexandrien der Baron Jakob Menasche die Seele des Empfangskomirees, ein Millionär, dessen Vater als armer Teufel aus Salonik hier einwanderte, durch eigene Kraft sich emporschwang und als spagnolischer Jude österreichischer Schutzgenosse geworden ist. Baron Jacques, wie man ihn hier nennt, war es, der für eine so noble und reiche Bewirtung der Wiener sorgte, daß ihnen beispielsweise zur Besichtigung der Stadt über 200 Wagen zur Verfügung gestellt wurden; er war es auch, der die Kosten des schönen Erinnerungsgeschenkes, einer Nachahmung der Alexandriner Pompeiussäule in edelstem Material mit in Silber getriebenem Kapitäl und Sockel, zum allergrößten Teile, man sagt sogar ganz allein trug. Aber Baron Jacques Menasche, der auch Präsident der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde ist, hat noch in anderer Hinsicht für den Wiener Männergefangverein gewirkt. Lange ehe die Sänger kamen, machte sich hier und in Kairo eine Strömung gegen den Besuch aus dem christlichsozialen Wien geltend. Es wurde hier im Februar und März eifrig dafür agitiert, die Wiener Sänger nicht öffentlich zum Singen kommen zu lassen, oder durch Lärmszenen gegen den Wiener Antisemitismus zu demonstrieren. Die Demonstranten hätten umso leichteres Spiel gehabt, als die zahlreichen italienischen Juden unter ihren nichtjüdischen Konnationaleu massenhaft Anhänger gefunden hätten, die bereit gewesen wären, die günstige Gelegenheit zu einer Revanche für die Vorgänge in Innsbruck zu erfassen. Nur der Umstand, daß der Jude Baron Jakob Menasche sich an die Spitze des Empfangskomitees stellte und so damit manifestierte, daß er den Wiener Männergesangverein nicht als stillen Teilhaber an dem Lueger-Antisemitismus betrachte, bewahrte die österreichischen Sänger vor lärmenden Kundgebungen und vor einem sehr unangenehmen Aufenthalte in dem sonst überaus toleranten und freiheitsliebenden Egypten. In Kairo spielten sich die Dinge ähnlich ab, wie in Alexandrien. Wieder waren es Juden, die den Wiener Männergesangverein glanzvoll empfingen und fürstlich bewirteten. Durch volle acht Tage waren die Wiener Sänger und die Nichtsänger, die in ihrer Begleitung waren, Gäste des Empfangskomitees, in dem Millionär Cattani, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Kairo, die führende und natürlich vor allem die zahlende Rolle spielte. Auch Cattani ist ein spagnolischer Jude, dessen Vorfahren aus Salonik in Armut in Egypten einwanderten. Es ist nicht unwichtig, den Wiener Männergesangverein, der sich um den Antisemitismus so kunstvoll herumdrückt, der ihn fördert, ohne sich offen zu ihm zu bekennen, darauf hinzuweisen, daß er in Egypten Gast der Juden, beinahe nur der Juden, gewesen ist. " _ Der Gmanripationskampf der rnsftlchen Jude«. (Schluß.) „Wenn das Ziel darin besteht, die Lage eines Volkes zu bessern, so erzeugen unbedeutende Maßregeln nicht eine unbedeutende, sondern überhaupt keine Wirkung." Dieser Gedanke ist bereits trivial geworden und wird von jedermann wiederholt. Die sogenannte Allmählichkeit, die nur zum Hinziehen dessen führt, was als Uebel anerkannt wird, ist bereits vom verstorbenen russischen Kenner der Staatswissenschast, beispielsweise N. Tschitscherin, verurteilt worden, und zwar speziell in-