Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. lillNtl Die Wahrheit Nr. 16. aber ist in den Gesetzen geschrieben, daß man Wahnwitzige oder Schurken an der Fortsetzung ihrer verbrecherischen Handlungen nicht nur hindern darf, sondern hindern muß. Freilich die antisemitische Solidarität sträubt sich gegen solche Erkenntnis, denn wohin käme es am Ende mit dem Antisemitismus, wenn man immer die verbrecherische Aufhetzung gegen die Juden verbieten wollte. * * * Auch Herr Ver g ani hat dieser Tage in einem Leit-. artikel gegen die ..jüdische Solidarität" gewettert. Der ideale Zeitungsmann erblickte diese Solidarität nämlich in dem Umstande, daß Herr v. Gutmann, der Kläger in dem Prozesse gegen die „Zeit" vor dem Urteilsspruch von der Anklage gegen das Blatt zurücktrat. Daß die geklagten Redakteure der „Zeit", die am nächsten Tage einen fulminanten Angriff gegen den Ritter Max v. Gutmann veröffentlichten, in diesem Rücktritte von der Klage alles eher als eine Liebenswürdigkeit erkannten, ficht Herrn Vergani nicht an. Die Antisemiten brauchen in ihrer blödsinnigen Judenhetze das Schlagwort von der „jüdischen Solidarität" und sie wären imstande, dasselbe auch dann gedankenlos hinzuwerfen, wenn sie zufällig Zeuge wären, wie zwei Juden einen — dritten totschlagen. * * * Die antisemitische Solidarität hat sich auch glänzend in der infamen Jasloer Ritualmord-Affaire bewährt. Einmütig waren die schändlichen Hetzblätter an der Arbeit, den Jasloer Vorfall zu einer Ritualmord-Anklage auszuschroten. Einmütig waren sie in der verlogenen Verwirrung und Entstellung der Berichte und in der Aufhetzung der Bevölkerung. Einmütig waren sie auch darin, ihren Le fern zu ver schweigen, daß die gerichtliche Untersuchung auch dem blödesten Antisemiten die Möglichkeit benahm, den Jasloer Fall weiter gegen die Juden auszubeuten. Das ist wohl die echte antisemitische Solidarität! In einem antisemitischen Hetzblatte war dieser Tage eine Korrespondenz aus Kirchberg am Wechsel zu lesen, in der es u. a. hieß: „Wie man hört, haben die meisten Besitzer von Sommerwohnungen ihr Adressen diesmal der „Auskunftei für Sommerwohnungen"Um Wiener Rathause übersendet, um auf diese Weise nur christliche Parteien zu bekommen. Das war sicher ein guter Gedanke, und auch die übrigen Hausbesitzer, die es noch nicht getan haben, werden eine derartige Einsendung nicht zu bereuen haben. Denn erstens ist die Gefahr beseitigt, krummnasige Gäste aus dem Morgenlande für ein, paar Monate beherbergen zu müssen — die' Juden gehen nämlich dem christlichen Wiener Rathause und so auch der Auskunftei meilenweit aus dem Wege — und zweitens kostet die Einsendung der Adresse und der Wohnungsangabe rc. keinen Kreuzer — die Briefmarke ausgenommen. Denn das städtische Amt besorgt alle Geschäfte ganz kostenlos und erfreut sich eines ungeahnten Zuspruches seitens der christlichen Wiener, welche im Sommer „aufs Land gehen wollen". — Nun, die Juden werden sich wohl hüten, diese und ähnliche antisemitisch infizierte Landaufenthalte aufzusuchen. Aber trotzdem möchten wir fragen: Ist es so ganz in der Ordnung, daß man im Wiener Rathaus, welches, soviel wir wissen, die Steuergelder der Juden nicht verschmäht, ein eigenes Bureau unterhält, das nur dem Zwecke dient, einen Boykott der Juden herbeizuführen? Religion und Nation. Lieber Bela! Du fühlst Dich also auch bereits zu den Zionisten hingezogen? Das ist begreiflich. Ob Du Dich irgend einer Verbindung anschließen sollst? Nein! Du bist zu jung, zu wenig fest, würdest unbedingt Schaden nehmen. Wer wie Du und ich und viele tausend andere denkt, wer seine Religion über alles stellt, der muß sich einer Bewegung, wie sie jetzt bei uns herrscht, fernhalten. Bekenne Dich zu den Misrachisten, wenn Dein Herz Dich dazu treibt, lies zionistische Blätter, gib Deinen Schekel, sei jedoch äußerst vorsichtig, schließe Dich keinem an, der Dich mit hochfliegenden Phrasen zu gewinnen sucht. Wir müssen warten, bis die Strömung ihre Richtung ändert. Geschieht dies nicht, dann haben wir bei ihr nichts zu suchen. Vor einigen Wochen veranstaltete der Ung.-Hradischer Zionistenverein „Achivah" eine verspätete Makkabäerfeier, und da fühlte ich mich direkt abgestoßen. Der Hochschüler Arthur Freud hielt die Tendenzrede. Er spricht gewandt und schwungvoll, vermag aber noch nicht den Herzenston anzuschlagen, der rasch zu gewinnen weiß. Als er geendet hatte und mit stürmischem Beifall entlohnt wurde, sagte ich zu mir: Der Mann ist doch eigentlich ein ganz guter Antisemit und will uns überdies mancherlei aufdisputieren, woran er selbst schwerlich glaubt. Da meinte er z. B., unsere Zeit gleiche fast der unter Antiochus Epiphanes. Wie damals das Häuflein der Makkabäer dem Volke seine Unabhängigkeit verschaffte, so wollen heute die Zionisten u. s. w. „Wir können ihnen fast die Hand reichen!" rief der Redner in begeistertem Pathos. — „Ihr ihnen wohl, das glaube ich, sie aber Euch nicht!" lief es mir durch den Sinn. Hat Herr Freud, der einige Jahre hier seinen Religionsunterricht genoß, wirklich so wenig gelernt, oder hat er wirklich bereits soviel vergessen? Weshalb betont er wieder und immer wieder, die Nation der Juden habe sich erhoben, weil sie sich als Volk gefährdet sahen? Bloß ihre Nationalität kam da in Betracht? Oder. . . ich will anders fragen, hauptsächlich diese? Das wäre doch wahrhaftig für mich ganz neu. Entsinnst Du Dich noch, als ich mit Dir die Geschichte der Juden las? Es war vor zwei Jahren. Du hattest damals einen Aufsatz über die verschiedenen Sekten der Juden zu arbeiten und erbatest meine Beihilfe. Wir mußten, um ganz genau zu sein, bis auf Josef, den Steuereinnehmer, den Neffen des Hohepriesters Onias zurückgreifen, der griechische Pracht und Sitte in Judäa eingeführt und verbreitet hatte, in dem wir den Begründer der Hellenisten kennen lernten. Ihnen stellte sich, als ihre Zahl unheimlich rasch anwuchs, der Bund der Chassidäer entgegen, welcher den edelsten Kern aber auch die breiten Massen des Volkes umfaßte. Er war aufs eifrigste bemüht, das Gesetz mit seinen Geboten und Gebräuchen vor dem feindlichen Einflüsse zu bewahren, sie vor jeder Entweihung, Verletzung zu beschützen. Da kam die böse Zeit der Syrerherrschaft. Sie beraubte die Juden ihrer Rechte, schränkte ihre Freiheit ein und bürdete ihnen unerschwingliche Abgaben auf. Die Hellenisten begaben sich in den Dienst ihrer Ausbeuter, die „Frommen" aber schloffen sich nur noch enger zusammen, schwiegen und harrten geduldig der Zeit, die eine Aenderung bringen mußte. Da geschah etwas Fürchterliches, Gräßliches, etwas, das gleich einem Dolche in die Brust fuhr, das gleich einer mordenden Hand, das Herz aus dem Leibe riß, das jeden Nerv erbeben, jede Faser erzittern ließ: Die Seele war aufs tätlichste angegriffen worden! Die Seele, das Kostbarste, das Edelste! Die Seele und nicht bloß ihre schützende Hülle! Das Unfaßbare war geschehen: Dem Gesetze Gottes drohte Untergang! Jetzt handelte es sich nicht mehr um die Nationalität, nicht mehr um relative Aeußerlichkeiten, Nichtigkeiten, diesmal hatte der Schütze gut gezielt, er hatte ins Schwarze getroffen: Es war im Jahre 167 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, als ein königlicher Erlaß den Juden bei Todesstrafe die Ausübung ihrer religiösen Gebote untersagte. Siehst Du es emportauchen, das greise Haupt des Mathatias? Seine Auge blitzt auf im heiligen Zorne, seine gottgeweihte Hand ballt sich zur mächtigen Faust. Und siehst Du neben ihm das hehre, zornerglühte Antlitz des Juda, des Hämmerers? Wie die Stimme des Vaters donnert, wie sie gewaltig mit sich fortreißt: „Auf! Für Gott, für den Glauben unserer Väter!" Und sie strömten herbei, die frommen Kinder Israels und sie scharten sich um ihren Führer, um auszuziehen gegen die Feinde des Herrn, des Einzigen, Großen, Gewaltigen. Flieh, Antiochus Epiphanes, fliehet, Ihr erbärmlichen Verräter! Die Verzweiflung regt ihre Fittige und fegt Euch fort, so wie der Frühlingssturm die welken Blätter