Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Sidministration: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnemenlsn. Jnsertionsbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. aheheit ^abhängige Heiischrifl für jnöische Inierejfen^ HrscheinL jeden Kreilag. Uotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ jj Gerngs-vrxers: |! Ganzjährig . . . A. irr —! j Halbjährig . . K. Ü.— j >! I Für Cttltnsbenmte:; Ganzjährig . . . K. >0 — | Für Ausland: ij Ganzjährig . . . s 'iKcutJj t> Rubel oder it> Fcs. i! Ur. 16. Wien, 21. April 1963. Inhalt: Aus der Woche. — Religion und Nation. — Die Gastgeber des Wiener Männergesangvereines. — Emanzipationskampf der russischen Juden. Mischehen. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Glühende Kohlen. Ans der Woche. Immer klarer werden die Motive, aus denen vor Jahren bereits die christlich-sozialen Parteiführer, allen voran Dr. Karl Lueger, das Schlagwort: „Los von Ungarn" in die Bevölkerung schleuderten und damit zugleich die Stimmung vorbereiteten, die in Ungarn das Echo hervorriefen: „Los von Oesterreich!" Die Besonnenen und politisch Vernünftigen in Oesterreich, wie in Ungarn, waren und sind auch heute davon durchdrungen, daß eine wirtschaftliche Trennung der beiden Staaten beiden namenlosen Schaden bereiten würde, und kein Patriot, möge er Oesterreicher oder Ungar sein, findet auch nur einen bescheidenen Trost in dem Gedanken, daß der Nachbar den — größeren Schaden erleidet. Den Christlich-Sozialen aber schwebte in den Kampf gegen die Ungarn, die sie mit wahnwitziger Verbohrtheit als Judäo-Magyaren stigmatisieren — natürlich, die Tisza, Andrassy, Apponyi, Banffy, Kossuth rc., sind alle aus Palästina eingewandert — stets die Idee vor Augen: der ungarische Liberalismus muß zertrümmert werden! Um dieses Ziel zu erreichen, sind die Dunkelmänner zu jedem Opfer bereit. * Nur aus diesem Gesichtspunkte wird die Brandrede verständlich, in welcher nämlich Prinz Alois Liechtenstein mit unverhülltem Zynismus geradezu den Kampf mit den Waffen — gegen Ungarn forderte. Die furchtbaren Schrecken des Krieges werden von dem fürstlichen Demagogen, der unter dem Vorwände österreichischen Zwecken zu dienen, Roms dunkle politische Ideale fördert — offenbar als ein Kinderspiel betrachtet, an dem er sich leichten Herzens erfreuen könnte, wenn dadurch die freiheitlichen Regungen in der Monarchie zertreten werden könnten. So empörend dieses Spiel mit den heiligsten Interessen der Völker anmutet, so absurd sind die Argumente, mit denen Prinz Liechtenstein den Oesterreichern die um jeden Preis herbeizuführende Zerschmetterung Ungarns als wünschenswert hinstellen möchte. Oesterreich, so führte Prinz Liechtenstein aus, wäre gegenwärtig, infolge der Schwächung- Rußlands, berufen, eine dominierende Nolle auf dem Balkan zu spielen und deshalb müßte man vorher Ungarn Mores lernend Das heißt also: Da Oesterreich möglicherweise in kriegerische Abenteuer auf dem Balkan verwickelt werden könnte, soll es nicht etwa trachten, mit Ungarn in Frieden und Freundschaft gemeinsam vorzugehen, sondern im Gegenteil durch Kämpfe mit Ungarn seine Kräfte zu zersplittern! Eine selbstmörderischere Politik kann wohl nicht empfohlen werden! Sie ist würdig eines Politikers, der in der Klerikalisierung Oesterreichs sein Ideal erblickt und, um dies zu erreichen, jedes Mittel für gut hält. -i- -t- Die Antisemiten aller Zeiten und aller Länder operierten mit dem Schlagworte der „jüdischen Solidarität". Niemals hat es eine größere Lüge gegeben, die nur dadurch gestützt werden konnte, daß man alles, was irgendwo, wenn es sich auch um Juden handelte, nicht diesen zuliebe, sondern zum Schutze des Rechtes unternommen wurde, aus jüdischen Einfluß zurückführte und dann ausries: Das ist die jüdische Solidarität! Da könnte man wahrlich mit viel mehr Begründung von der „antisemitischen Solidarität" sprechen, die mit infamer Mißachtung aller Rechtsbegriffe jede Nichtswürdigkeit gutheißt, wenn es sich um einen Antisemiten handelt. Man nehme den Fall des Grafen Pückler, der als klassisches Schulbeispiel dienen kann. Der verrückte Mensch hat solange öffentlich Raub und Todschlag gepredigt, bis man ihm endlich, als der Skandal zu arge Dimensionen annahm, das Reden verbot. Wessen Hirn nicht antisemitisch verseucht ist, der könnte wohl darüber staunen, daß man den Menschen, der durch seine Mordreden sich nur als Irrenhaus- oder Zuchthauskandidat qualifizierte, so lange reden ließ. Die antisemitischen Preßleute im deutschen Reiche können noch heute nicht ihre Empörung darob unterdrücken, daß man Pückler Schweigen gebot. So schreibt ein deutsches Antisemitenblatt : „Der Freiherr von Hammer st ein hat, als Minister des Inneren, dem antisemitischen Grasen Pückler verboten, öffentlich Reden zu halten. Dieses Verbot wird durch keinen Gesetzesparagraphen gestützt und Herr von Bethmann- Hollweg, Hammersteins (viel gescheiterer und gebildeterer) Nachfolger, muß es deshalb beseitigen. Muß; aus die Gefahr, dann von der liberalen Presse nicht mehr so gelobt zu werden, wie in den ersten Tagen seines Ministerlebens. Tie Mannesseelen, die bourgeoise Zeitungen liefern, scheinen gegen einen Antisemiten Alles erlaubt zu finden und würden einen Minister umjubeln, der den armen Don Quixote aus Klein-Tschirne rädern oder pfählen ließe. Noch hat das Verbot ihnen kein Tadelswörtchen entlockt. Weh aber, wenn einer aus ihrem Lager am Reden gehindert würde! Das ist die Freiheit, die sie meinen. Nach deutschem Gesetz hat aber auch GrafPückler das Recht zu reden; und die Juden, die er mit so luftigem Ingrimm verfolgt, müßten wünschen, daß er noch oft und lange unangefochten reden dürfe." — Freilich, in den deutschen Ge- > setzen ist nicht zu lesen: Gras Pückler darf nicht sprechen! Wohl