Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 9. nehmen, die besagte Jungfrau zu ehren und zu lieben, wie es einem jüdischen Ehegatten zukomme? Ein lautes, weithin vernehmbares „Ja" war die Antwort des Doktors. Jetzt wendete sich der Rabbiner an die Braut: „Fräulein Martha Honig! folgen Sie Ihrem Verlobten, dem Herrn Mediziner Doktor Heinrich Piesen aus Prag, gegenwärtig Stadtarzt in M., freiwillig und ohne Zwang zur Ehe, um ihm eine treue und ergebene Gattin zu sein?" Nicht so laut, wie der Bräutigam sein „Ja" ausgerufen hatte, aber doch für die Nächststehenden vernehmbar, klang ein „Nein!" aus dem Munde der schönen Braut. Des Rabbiners edles Gesicht ward noch um einen Schein bleicher, als vorher. Er glaubte, nicht recht verstanden zu haben, oder verstanden worden zu sein. Bevor er jedoch seine Formel wiederholen konnte, bevor einer der Umstehenden sich vom ersten Schrecken erholen konnte, hatte die Braut den Arm ihrer nebenstehenden Schwester erfaßt, hatte mit ihr durch eine nahe Seitentüre das Gotteshaus verlassen, den nächststehenden Wagen bestiegen und war fortgefahren, den Bräutigam und alle Hochzeitsgäste in höchster Verwirrung zurücklassend. Angesichts der gaffenden, skandalsüchtigen Menge, war in der Synagoge kein Platz zu Auseinandersetzungen, und alle Gäste eilten hinaus, um mit möglichster Eile zurück ins Hochzeitshaus zu fahren, wo sie Aufklärung überdas bisher unerhörte Ereignis erwarteten. Der Brautvater trat zu dem ganz aufgeregten Rabbiner mit der Bitte heran, sich den zurückkehrenden Gästen anzuschließen und ins Hochzeitshaus zu kommen, denn wenn irgend jemand imstande ist, dem überspannten Mädchen seine absonderliche Grille auszureden, so sei dies er, der Rabbiner, der I immer so großen Einfluß bei seiner Tochter besessen hatte. \ Schließlich könne er dann im Elternhause die Trauung vornehmen, wenn sich die Braut gefügig zeigen würde. Der Rabbiner sträubte sich mit aller Macht gegen die an ihn gestellte Zumutung, in dem Familiendrama, welches sich ohne Zweifel hier entwickeln werde, irgend eine Rolle zu spielen, oder vermittelnd einzugreifeu, doch alle seine Ausflüchte halfen ihm nichts, er mußte mit Hönig durch einige Seitengäßchen. dessen Hause zuschreiteu. 2. Die Aufklärung. Die Braut hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen, woselbst sie mit Hilfe ihrer weinenden und zürnenden Schwester ihr Hochzeitsgewand ablegte und der Dinge harrte, die kommen würden. Martha war auf jede Art von Widerstand gefaßt, und war gerüstet, allem zu trotzen. Sie war entschlossen, ihre Heimat zu verlassen, da sie ja durch das Erbteil ihrer Mutter gegen Not und Sorge geschützt war. Wohin sie sich eventuell zu wenden habe, auch darüber war sie im klaren. Die Schwester wollte sich eben entfernen, um draußen einige notwendige Anordnungen zu treffen, und als sie die Türe öffnete, timt durch dieselbe der Rabbiner ein. „Sie werden entschuldigen, gnädige Frau, wenn ich störe, aber man hat mich hergewiesen, daß ich hier in diesem Zimmer - Fräulein Martha treffen werde, mit welcher ich dringend zu sprechen habe." ..Bitte, Herr Doktor, nehmen Sie meine Stelle bei dem Trotzkopf da ein, vielleicht sind Sie glücklicher als ich."- Der Rabbiner verbeugte sich vor der sich entfernenden jungen Frau und nahm auf dem ihm von derselben dargebotenen Sitze, Martha gegenüber, Platz. Eine lange Weile saßen sich die Beiden stillschweigend gegenüber, und weder Rabbiner noch Martha wagte es, das Schweigen zu unterbrechen. Beide hätten das Pochen des eigenen Herzens vernehmen können. Hellmann beendete zuerst diese peinliche Situation. „Ihr heutiges Benehmen, mein Fräulein, war so seltsam, daß ich wirklich verlegen bin, auf welche Art ich Sie im Namen Ihres Herrn Vaters um Auflkärung bitten soll." „Ihnen, dem Freunde unseres Hauses, und," fügte sie unter tiefem Erröten bei, „auch dem meinen, bin ich eine Aufklärung schuldig: Den Mann, den ich bis zum heutigen Tage als meinen Verlobten betrachtet, habe ich niemals geliebt, doch wäre ich ihm eine treue, ergebene Gattin geworden, eine treue Gehilfin in seinem schweren, aufopfernden Berufe. Ich habe ihn hochgeachtet, und das genügte mir. Als ich ihn aber meiner Achtung unwürdig befunden, da blieb mir nichts anders übrig, als derart vorzugehen." Der Rabbiner schüttelte mißbilligend das Haupt. „So sollte das nicht geschehen, auf diese Art nicht. Eine Verlobung kann auf eine minder auffällige Art gelöst werden, als es hier zum Gaudium der skandalsüchtigen Menge geschah, wenn Piesen sich wirklich derart benommen, daß er Ihrer Achtung unwert ist." „Sie zweifeln noch daran, Herr Doktor? Hier lesen Sie diesen Brief, der mir heute durch die Post zugekommen, zu spät, um zurücktreten zu können. Mein Vater wollte von einem Zurücktreten nichts hören, und mit Piesen zu sprechen, verbot mir mein Ehrgefühl. Schließlich ist es besser für mich, daß allgemein bekannt wird, ich wäre freiwillig zurückgetreten, als daß man glaubte, ich wäre eine verschmähte Braut." ..Sie sind sehr überlegt, sehr vorsichtig, mein Fräulein," sagte der Rabbiner. ..Bitte, lesen Sie, ehe Sie urteilen." Der Rabbiner zog sich in eine Fensternische zurück und vertiefte sich in das Lesen des umfangreichen Schreibens, welches ihm Martha übergeben hatte. Diese beobachtete unterdessen voller Spannung die Gesichtszüge des Lesenden, forschte nach jeder Veränderung in dessen Mienen. I Nachdem er gelesen hatte, reichte Hellmann den Brief seiner Eigentümerin. „Sie haben ganz Recht, Fräulein! Piesen ist Ihrer Liebe, Ihrer Achtung unwürdig, wenn das wahr ist, was in diesem Briefe steht, wenn nicht elende Rachsucht oder andere verwerfliche Motive ihn diktiert haben. Sie Hütten dies vorher untersuchen müssen." „Untersuchen? Blieb mir vorher Zeit dazu? In zwei Stunden sollte meine Trauung mit dem Treulosen stattfinden. Dies durfte nicht geschehen." (Fortsetzung folgt.) Volkswirtschaft. Erster Mädchenausstattungsverein a. G. Die XI.II. ordentliche Generalversammlung dieser Anstalt hat am 30. v. M. bei überaus lebhafter Beteiligung seitens der Mitglieder stattgestlnden. Der greise Präsident Armin Schwarz eröffnete die Sitzung, und nachdem er des kürzlich verstorbenen Vizepräsidenten Karl Kohn in pietätvoller Weise gedacht, übertrug er infolge Unwohlseins das Präsidium an den Vizepräsidenten Dr. Moriz Wittmann. Der vorgelegte Generalbericht und die Bilanz, welchem zu entnehmen ist, daß die Anstalt auch im Jahre 1904 erfreuliche Fortschritte machte, und daß sich ihre Reserven, trotz der geschehenen Auszahlungen von K 1,028.05396 an Ausstattungsprämien auf L 11,519.464 gegen K 10,520,392 67 des Vorjahres erhöhten und daß aus dem Verwaltungsüberschusse von X 172.618 36 abzüglich der statutenmäßigen Dotation dem Prämienerhöhuugsfond K 86.309-18, dem Spezialreservefonds X 34.52367 und dem Beamtenpensionsfond K 5000 zugeführt worden sind, wurden nach einigen Bemerkungen mehrerer Mitglieder zur Kenntnis genommen und das Absolutorium erteilt. Mit Bezug auf jene Angriffe, welche im verflossenen Jahre in Broschüren und Zeitungen gegen, die Anstalt und deren Direktion gerichtet wurden, stellten die Mitglieder Dr. Albert Bacskai und Alexander Kalmar mehrere schriftliche Anstagen an die Direktion. Diese 'Anfragen wurden vom Borj sitzenden Dr. Moriz Wittmann in der eingehendsten Weise beantwortet, > wobei der Vorsitzende an der Hand der von den bisherigen Generalversammlungen genehmigten Bilanzen, sowie der Berichte der Direttion nachwies, daß sämtliche Anschuldigungen teils auf Mißverständnissen, teils auf bösem Willen beruhen. Der Präsident des Aufsichtsrares Dr. Alexander Bernhard erklärte im Namen des gesamten Anfsichtsrates, daß derselbe gerade im Hinblicke auf die vorgefallenen Angriffe es für seine Pflicht hält, bei etwaiger Wiederwahl auf seinem Posten auszuharren. Die Erklärungen des Vorsitzenden Vizepräsidenten Dr. Moriz Wittmann werden einstimmig zur Kenntnis genommen und auf Antrag der Mitglieder Dr. Alexander Groß und Koloman Dosa der Direktion, dem Präsidenten Armin Schwarz und dem leitenden Direktor Arnold Kohn, sowie dem Aufsichtsrate, dem Ausschüße und dem gesamten Beamtenkörper einstimmig Dank und Vertrauen votiert, wonach die Sitzung geschlossen wurde.