Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sf Oesterr.-ungar. iantoren-Mimg Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Cantoren dringend ersucht, das Abonnement für das am 1. April beginnende 2. Quartal umgehend einzusenden und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. Die Administration " Der tzulrerismus und die moderne stMagogale Kitnrgie. Von P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. V. Sehr anregend sind die diesbezüglichen Betrachtungen Villoteaus über die Bedeutung der ältesten versifizierten Rede und der Musik als eines Gedächtnismittels.*) Er würdigt dieselben als ein Mittel zur leichtesten Einprägung der Gesetze, unter anderen bei den alten Kretensern, bei den Turditanern, welche noch zur Zeit Strabos ihre Gesetze über mehrere Jahrtausende als gegesungene Poesien aus dem Altertum herleiten.**) Bei den Spartanern unter Lykurg, bei den Athenern unter Drako, wie auch bei den Agathyrsern, von deren Gepflogenheit, ihre Gesetze durch Gesang zu verkündigen, auch Aristoteles spricht. So wurde auch bei den Juden dem ersten Gesetzgeber Moses der Titel „ppinv" verliehen, ein Namen, dessen Abstammung von „pn" Gesetz und von „pipn" einprägen kommt. Eine ähnliche Entwicklung hat das griechische „Pornos", das ursprünglich Gesetz bedeutete und nachher als Ausdruck sür Gesangsweise in der griechischen musikalischen Terminologie akzeptiert wurde. Dadurch, haß die Gesetze dem Volke in Gesangsweisen überliefert wurden und jedes Gesetz eine andere Weise (Pornos) erhalten hat, gewöhnte sich das Volk, Gesetz oder Singweise synonym mit Nomos zu bezeichnen. Auf diese Weise wurde das Gesetz ganz und gar von der Singweise abhängig, so daß, wenn die Wahl der Weise keine glückliche war, das Gesetz Gefahr lief, beim Volke nicht akzeptiert zu werden. Die Singweise war zwar als Hülse des Gesetzes anerkannt, es half aber nicht; mit der schlechten Hülse wurde auch der Inhalt verworfen. Und wenn der Psalmist sich ausdrückt pipn ibxn rvrnöK meint er nicht poetische Metapher, als vielmehr historische Wirklichkeit zu behaupten. Darum lehrt auch Rabbi Sipphotia im Namen Rabbi Jochanan: daß derjenige, der Mikra ohne Neima und Misclma ohne Simra vorträgt, die Verantwortlichkeit der Verwerfung der Gesetze beim Volke als Chukim lo towim auf sich nehme. An einer anderen talmudischen Stelle, wo es sich um die musikalische Dynamik handelt, bedient sich Raschi ohne weiteres des Wortes Neima für Melodie.***) ’nn- 212x2 xbx pbnia n-n xbi p-bna Rinw -oBa (Traktat Erchin, S. 10). M’ckalek ist das Abschließen eines musikalischen Satzes, Machlik das Abschwellen (Diminuendo) eines jeden Schlußes vom Forte zum Piano, wenn der Spieler die dynamische Kraft nicht plötzlich abbrechen will. Raschi bemerkt dazu: rrn (Melodie) no»j»n ai-ob jnja n’.nwa lo-D-tp» *inr nspib-n mra nnxn np-nt£> nnxS -p-ixa p-b-bnn ja nnxn na-ri p2 pbnaw (Finalis) ai-a ir-n pfon nnxs a*rw Aus dem Gesagten ist klar zu sehen, daß Neima bei den Hebräern als Melodie der Süßigkeit verstanden wurde. Auch Bon Sirah bedient sich des Neima in diesem Sinne; er sagt nämlich:Er stellte Sänger auf den Altar Gottes, tagtäglich seine süßen Lieder (ni-1-07 »a'jö) vorzusingen". (Sirach, Kap. 47, 11.) „Die Sänger öffneten mit Gesang ihren Mund und das Haus war voll von süßem *) Billoteau: De l’etat actuel de l’art musical enEgypte. **) Strabo G-eorg. Lib. HE de Boetica. ***) Prof. Berliner: „Beitrag zur Geschichte der Raschi-Kommentare", S. 33, Berlin 1903. Gesänge". In diesem Sinne bedienten sich die Ordner unserer Gebete, wenn sie sagten (Rezitation) nsao ma-ja... nn-at, alles in weichen, lyrischen Ausdrücken; auch „,-1*11*12 natra* (articolato) und .no'W (melodioso) bringt den lyrischen Charakter zum Ausdruck. Und da sich die jüdische Neima mehr auf mündliche Ueberlieferung als auf 'schriftliche Zeichen stützte, so mußte jeder Vorbeter, der als „pn p*w* gelten wollte, außer seiner süßen, lyrischen Stimme auch in der Neima und der Art ihrer Behandlung vollkommen vertraut sein. Derjenige aber, dem weder die erste noch die zweite Bedingung eigen war und der bloß auf die starke Kraft seiner Stimme pochte, wurde von den Talmudisten als unwürdig seines Amtes erklärt: bv nbipa •b'j nana» .".n-nxar p (Jeremias) >;ab*mrt *roat n-Pir n; 21 nax xnait nanax" (Taanith 16.) ♦»pan -rxtr nann Auf die zweite Bedingung, nämlich die Kenntnis der mündlichen Neima legten die alten Völker überhaupt sehr viel Wert; auch diejenigen, die ihre Notenzeichen besaßen, zogen die mündliche Neima ihrer Gebete der schriftlichen vor. Den Deniden war der geschriebene Gesang zuwider und ihre Sänger waren gezwungen, zwanzig Jahre in Uebung der mündlichen und überlieferten Gesänge zu verbleiben. Die Brahminen legen dem traditionellen und mündlichen Gesänge eine besondere Heiligung, bei, so daß ihre Priester auch heute den alten Usus, die Vedagesänge nur mündlich zu studieren, nicht aufgeben wollen. Ein altes, allbekanntes indisches Sprichwort lautet: „Die wahre Veda ist blos im Munde der Brahminen".*) Die Griechen legten es ihren Sängern als Pflicht auf, ihre Neuma, die blos als mnemotechnisches Mittel für ihre mündlich überlieferten, traditionellen Gesänge gedient hat, vollkommen zu beherrschen. Dieselbe Ordnung finden wir auch unter den Sängern der Leviten, bei den Juden der jerusalemischen Epoche, die ein Vierteljahrhundert, von 25 bis 50 Jahren, in der Uebung der mündlichen Gesänge in der Liturgie mitwirkten (IV. B. M., Kap. VIII, 24.) und nach Ablauf dieser Frist als Lehrer der jungen Leviten verwendet wurden, obwohl sie sich an der öffentlichen Liturgie nicht mehr beteiligen konnten (Ibidem 26). In diesem mündlichen und traditionellen Lyrismus entwickelte sich unsere synagogale Liturgie. Sänger mit lyrischen Tenorstimmen waren die bevorzugten unter den Kantoren; sie galten als die besten Neirnaträger. In zweiter Reihe standen diejenigen mit dramatischen Tenorstimmen, die ihre Zuhörer mit ihrer Kraft zwar überraschten, jedoch nie als Träger der wahren Neima bei den Juden betrachtet wurden. „Der Mann besitzt große Kelim", so pflegten die Hörer zu urteilen, ..er hat aber kein Taam (Dxn), weil ihm die M'sikos fehlt (mp-nö synonym mit Neima). (Fortsetzung folgt.) *) Martin Hang: „lieber das Wesen und den Wert des vedischen Accentus", S. 17. KONKURS. Zweiter Kantor, der auch als Koreh und Vereinssekretär zu fungieren fähig ist, wird vom unterfertigten Vereine gesucht. Gehalt während des 1. Probejahres 2000 K fix, dann die üblichen Nebeneinkünfte und nach definitiver Anstellung 2400 K jährlich. Offerten mit genauer Angabe des Lebenslaufes, der Würdigkeit und bisherigen Verwendung sind bis längstens- 10. Mai 1905 zu richten an den Präses Hermann Beck, Wien, VIII., Langegasse 1. Reisespesen werden nur dem Akzeptierten vergütet. Vorstand des Tempelbauvereines Wien, VIII., Neudeggergaase 12.