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Die Wahrheit · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 7. und finden. Der Religionsunterschied bildet dann kein hemmendes Moment mehr; es überwiegen das wirtschaftliche Fortkommen, die äußeren sozialen Verhältnisse. Die schwierige materielle Lage mögen Viele veranlassen, ihre Frauen aus der arbeitenden christlichen Bevölkerung zu suchen, um an ihnen tatkräftige Hilfe für die Erhaltung der Existenz zu haben. Bietet nun diese Art von Mischehen eine Handhabe, um ein schlechtes Licht aus unsere Töchter zu werfen? Sollten die jüdischen Mädchen aus den gleichen Kreisen ein ungeeignetes Material für die Eheschließung abgeben? Ich möchte es nicht allgemein glauben, ich bin überzeugt, sie würden sich ebenso gut bewähren, aber sie stehen nun einmal unter dem Banne dieses Vorurteils. Das muß mit der Zeit überwunden werden durch die Mädchen selbst. Sollte aber darin nicht vielmehr ein Hinweis liegen, eine Mahnung an die Eltern, die Töchter viel einfacher zu erziehen, sie zu lehren, weniger Ansprüche an das Leben zu stellen? Man sieht doch häufig bei unseren Glaubensgenossen, daß, wenn der Ernährergestorben, die Familie ohne Versorger zurückgeblieben ist, die Frauen sich zur Tat aufraffen, alle Kräfte aufbieten, sich und die Kinder zu ernähren, mit Umsicht und Geschick irgend einen Beruf auszuüben, sich mit Anstand einzuschränken. Warum kann das nicht schon in der Ehe geschehen? Die jüdischen Mädchen sollten sich viel mehr und mit größerem Ernst in verschiedenen Berufen ausbilden, vornehmlich im Dienstbotenberuf; sie sind dann dem Mann in der Ehe eine sicherere und wertvollere Stütze und finden leichten Eingang in die Ehe. Ich halte eine gute, zweckmäßige Ausbildung in der Haushaltung und in gewerblichen Berufen für ein verständiges, Erfolg versprechendes Gegenmittel gegen die überhand nehmenden Mischehen. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Die Synagoge in der Seiten st ettengasse.) Letzten Sonntag, den 9. April, waren 79 Jahre dahingegangen, seit dem Tage, an welchem die - derzeit älteste Synagoge der Wiener' Kültusgemeinde feierlich eingeweiht und ihrer erhabenen Bestimmung übergeben wurde. Es war auch an einem Sonntage, Kaiser Franz machte an diesem Tage nach überstandener, schwerer Krankheit die erste Ausfahrt und befand sich in Rekonvaleszenz, als sich um die Zeit des Minchagebetes in dem neuen Gotteshause die zu jenen Tagen noch wenige Köpfe zahlende, aber ihrer Glaubensgenossenschaft mit ganzem Herzen ergebene jüdische Gemeinde einfand, um dem weihevollen Momente beizuwohnen. Als Vorstandsmitglieder fungierten anno 18*26 die Herren Michael Lazar Biedermann, Jsak Löw H o f m a n n (nachmals Edler v. Hosmannsthal), Max Edler v. H ö n i g s b e r g, Ignaz Ritter v. Liebenberg, Markus Ritter v. N e u w a l l, Heinrich S i ch r o w s k y und Salomon P r e i s a ch, während das Amt der „Gaboim" (Betyauskommissär) den Herren Josef Biedermann sen., Moriz Königswarter (dem späteren Baron), Jakob L ö w y und Sigmund Edlen v. W e r t h e i m sr e i n übertragen war — Männer, deren Namen heute noch in bestem Angedenken stehen. Die Festlichkeit selbst wurde mit großer Feierlichkeit abgealten; als Funktionäre waren jene zwei Männer bestellt, deren Namen für die Wiener Kultusgemeinde von epochaler Bedeutung waren und es für immerwährende Zeiten bleiben werden: Mannheimer und Sulz er. Jsak Noah Mannheimer begründete an diesem Tage seine Beredsamkeit au heiligster Stätte; der Beginn dieser denkwürdigen Weiherede lautete: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde ist meiner Füße Schemmel. Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen könnt, wo ist die Stätte, wo ich thronen soll?" Wenn schon diese Rede tiefen, nachhaltigen Eindruck auf die festlich Versammelten hervorrief, wie wirkte erst die Stimme des unvergeßlichen Altmeisters des Synagogesanges, Professor S u l z e r s. Ein Psalm, vertont von Drechsler, eröffnete unter Harfenakkorden den musikalischen Teil der Zeremonie, während des Einzuges der Thorarollen ertönte Psalm 24 und endlich eine Komposition Meister S u l z e r s selbst beendete den liturgischen Abschnitt der Festlichkeit. Nun nahm Mannheimer eine Thorarolle und sprach mit freudig erregter, vibrierender Stimme über "bie Genesung des Kaisers Franz ein tiefempfundenes und ebensolchen Widerhall in den Reihen der Andüchtigen findendes Gebet, worauf die stets so weihevollen Akkorde den neuen gottgeweihten Raum durchbrausten. — Herr Religionsschul-Jnspektor Prof. Dr. Moriz K a n i tz nahm bei dem am 8. d. M. nachmittags abgehaltenen Jugendgottesdienste die Gelegenheit wahr, um den andächtig lauschenden Mittelschülern am Schlüsse seiner gediegenen Exhorte die hohe Bedeutung des Festes klarzulegen, und seine Ausführungen fanden im Kreise der jugendlichen, mehr aber noch bei den anwesenden älteren Besuchern des Gottesdienstes lebhafte Zustimmung. — Wir wollen dieser Reminiszenz die Bemerkung beifügen, daß der Vorstand der Kultusgemeinde am nächsten 9. April, an welchem Tage das heilige Passahfest seinen Anfang nimmt, den schönen Gedenktag in würdiger Form feiern dürfte, und dies soll auch der Zweck dieser Erinnerung sein. E. J. Wien. (Israelitische Kultusgemeinde.) In den Kundmachungen des n. ö. Landesausschufies, betteffend die Aufnahme von Zöglingen in die n. ö. Landes-Lehrerseminarien in Wien, Wiener Neustadt und St. Pölten unter allfälliger Verleihung von Stipendien, wurde von den Aufnahmswerbern nebst anderen Nachweisen der Taufschein gefordert, wonach die Angehörigen der israelitischen Religionsgenosfeuschaft von der Aufnahme in diese Seminarien. beziehungsweise von der Verleihung von Semiuar-Benefizien ausgeschlossen wären. Ueber Beschwerde des Kultusvorstandes wird nun demselben mittelst Note des n. ö. Landesausschusses vom 6. April 1905, Z. 431 G. erklärt, daß „in künftigen Jahren die Kundmachungen die beanständete Stelle nicht mehr enthalten werden; daß weiters auch für das laufende Jahr Gesuche um Aufnahme in die n. ö. Landes-Lehrerseminarien seitens Angehöriger der israelitischen Religionsgenossenfchaft trotz Ablauf des ursprünglich festgesetzten Einreichungstermines nachttäglich noch angenomnien werden." Wien. (Z u r R e f o r m der j ü d i s ch e n A r m e n p f l e g e.) Am 3. d. M. fand im Sitzungssaals der israelitischen Kultusgemeinde unter Vorsitz des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde des Herrn Dr. Alfred Stern die erste Konferenz der Delegierten der jüdischen Wohltätigkeitsvereine statt. Der vom Referenten kais. Rat Dr. S. K o h n gemachte Vorschlag, als erste Etappe der Reform der jüdischen Armenpflege eine Zentral-Auskunftsstelle und einen Zentral-Armenkataster zu schaffen und zu diesem Zwecke ein engeres Komitee zu wühlen, welches diesbezüglich ein Statut auszuarbeiten und dieses dem Delegiertenkomitee der Wohltätigkeitsvereiue demnächst zu unterbreiten hätte, wurde einstimmig angenommen. Es wäre im Interesse der Armen und der Armenpflege zu wünschen, daß nicht nur die oben angeführten Institutionen, sondern auch die Reorganisation der Armenpflege überhaupt ehebaldigst in Kraft trete. Wien. (Verein „K i n d e r h e i m".) Am 4. d. M. fand unter Vorsitz des kaiserl. Rates Dr. S. Koh n die VIII. Generalversammlung desVereines „Kinderheim" statt. DerZweckjdieses Vereines besieht in der Gründung und Erhaltung von Heimstätten für verkrüppelte, rekonvaleszente und schwache Kinder jüdischer Konfession. Nach Begrüßung der zahlreich anwesenden Mitglieder, Gäste und Vertreter der Wohltütigkeitsvereine, gedachte der Vorsitzende in warm empfundenen Worten des im Vorjahre dahingeschiedeneu Präsidenten des Vereines und Gründers der Kinderheimstätte in Laa bei Neulengbach. Aus dem voni Vizepräsidenten Herrn Heinrich Egger erstatteten Geschäftsberichte ist zu enttiehmen, daß im abgelaufenen Jahre der Verein für die Haushaltung, ärztliche Behandlung, Unterricht, Kleider, Adaptierungen X 8971-32 ausgegeben und K 10.960-57 an Mitgliedsbeittägen und Spenden eingenommen hat. An den pädagogischen Bericht schließt sich der ärztliche an. Dem letzteren ist zu entnehmen, daß die verzeichneten Heilresultate und Körpergewichtszunahmen der Schützlinge nicht nur den hygienischen und therapeutischen Maßnahmen allein, sondern auch der zweckmäßigen Ernährung, der ausgezeichneten Luft und > der besonderen Pflege der Schützlinge zu verdanken sind. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl der Vorstandsmitglieder wurde der Gesamtvorstand wieder gewählt und durch sechs neue Mitglieder erweitert, und zwar die Herren: Leopold Waller, Karl Grün. Karl P a ft e r n a k, Ignaz Klein, Adolf Bruckner, Dr. Max H a u d e k. Nachdem das Vorstandsmitglied Herr Dr. Max H a u d e k über Ziele und Zweck der Krüppelfürsorge referiert hatte, schließt der Vorsitzende mit dem Danke an die Mitglieder und Wohltäter des Vereines und mit einem Appell an alle Menschenfteunde, dieser humanen Institution ihr teilnahmsvolles Jntereffe entgegenzubringen, die Sitzung. Hierauf hielt die Schriftstellerin Frau Antonie Graf einen Vortrag, welcher allgemeines Interesse und großen Beifall erweckte. Wien. Mittwoch, den 12. d. M.. 11 Uhr vormittags, fand im Tempel in der Seitenstettengasse die Trauung der Tochter des Baron Gustav Springer, Baronesse Maria Cäcilia Springer, mit Mr. Eugöne F o u l d aus Paris statt. Baronesse Springer, ein Bild jugendlicher Anmut, ist das einzige Kind des Baron Gustav Springer, ihr Bräutigam, der im 28. Lebensjahre steht, der Sohn des bekannten Pariser Banquiers Leon Fould. Unter Orgel- und Harfeuklängen hielt das Brautpaar, umgeben von den Mitgliedern der beiden Familien, den Kranzeldamen und Brautführern seinen Einzug in den mit reichem Blumenschmuck dekorierten Tempel, woselbst sich zahlreiche Hochzeitsgäste aus der vornehmsten Wiener Gesellschaft, viele Mitglieder der hohen Aristokratie, der Finanz- und Künstlerwelt, das Präsidium und die Vorsteher der Kultusgemeinde rc. eingefunden hatten. Als Trauzeugen fungierten die Herren: Baron Gustav Springer, Leon Fould, Franz Ritter v. Schwaiger, Herrenhausmitglied Freiherr v. O p p e n h e i m e r, Prinz '.Leon Ra dziwill und Achille Fould. Den Trauungsakt vollzog Oberrabbiner Doktor Güdemann, der in gehaltvoller Rede an das Brautpaar die Mahnung richtete, ihr Heim auf dem Fundamente edler Einfachheit und Ehrbarkeit aufzubauen. Den liturgisch gesanglichen Teil der Trauungsfunktion versah Oberkantor Singer, der von seinem trotz überstandener Krankheit noch immer mächtigen Organe dezenten Gebrauch machte und im Vereine mit dem vom Chormeister Josef Sulzer brillant dirigierten Chore eine weihevolle musikalische Leistung bot. Das gesamte überaus vornehme Arrangement des prächtigen Hochzeitsfestes im Tempel leitete der Prokurist des Hauses Springer, Herr Kultusvorsteher kais. Rat Leopold Sachs. Wien. (Prediger Mannheimer-Berein.) Am 17. Oktober d. I. gelangen die Zinsen des „Prediger Mannheimer-Vereines" zur Verteilung. Anspruch auf diese Unterstützung haben Rabbiner, Prediger

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