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Die Wahrheit · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit Sette 5. Bitte, der Kommission, die laut Allerhöchstem Ukas vom 12. Dej zember v. I. die Gesetze bezüglich fremder Konfessionen zu revidieren hat, den Bericht zu übermitteln, daß die langjährige Tätigkeit der Gesellschaft, die ununterbrochen fortschreitende Verarmung der Juden aufweist, die durch deren Anhäufung in den Städten der Ansiedlungszone und durch die Beschränkung in der Wahl des Berufes verursacht ist; ferner auf die Erhöhung der Ziffer der Verbrecher unter Juden hinzuweisen, die auf die äußerste Armut und auf die Beschränkung der Juden in der Wahl ihres Wohnortes, Berufes und Bildung zurückzuführen ist. Die Gesellschaft erlaubt sich an Euer Exzellenz die höfliche Bitte zu richten, die Abschaffung der Beschränkungen fördern zu wollen, umsomehr als dieselben, ohne für die russische Bevölkerung irgendwie nützlich zu sein, in materieller und moralischer Beziehung das Schicksal eines viele Millionen zählenden Volkes, das seit einer Reihe von Generationen Rußland als ihr Vaterland betrachtet und gleich allen übrigen Untertanen alle Staatsabgaben leistet, ungemein bedrücken. Zu gleicher Zeit hat die jüdische Gemeinde von Jekaterinoslaw folgendes Telegramm geschickt: „Die Vertreter der jüdischen Gemeinde in Jekaterinoslaw haben nach Prüfung der abnormalen und schweren Rechtslage der Juden anerkannt, daß deren Jahrhunderte lang währender Aufenthalt in Rußland und das Leisten aller Abgaben und Pflichten, die den übrigen Untertanen auferlegt sind, ihnen das. moralische Recht verleiht, volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung zu verlangen; deshalb ersuchen wir Euer Exzellenz, unser Bittgesuch bezüglich vollständiger Gleichstellung der Juden mit den übrigen Völkern Rußlands dem Ministerkomitee gefälligst einzureichen." V. Von untenstehenden Vertretern verschiedener jüdischer Gemeinden. Die Maßregeln der letzten 25 Jahre waren inbezug auf russische Juden direkt darauf gerichtet, dieselbenJit eine Menge von Bettlern, jeglicher Existenzmittel, des Lichtes der Aufklärung und der Menschenwürde beraubt, zu verwandeln. Es bestand ein konsequentes und abgeschlossenes System des Druckes und der Vergewaltigung, geschickt ersonnen und regelrecht in Ausführung gebracht. Als der Pöbel die Juden in Städten plünderte und umbrachte, hielt es die Bureaukratie für notwendig, ihnen das Recht der Uebersiedlung nach Dörfern und des Erwerbs irgend welchen Eigentums in denselben zu nehmen. Auf Grund des Gesetzes und mit Hilfe von administrativen Maßregeln, wurde nicht nur die weitere Ansiedlung in Dörfern nicht zugelassen. sondern man wies aus denselben gleichzeitig eine Menge von Personen nach den Städten und Oertern der Ansiedlungszone aus; auch aus der 50 Werst-Grenzzone und den außerhalb der Ansiedlungszone gelegenen Gouvernements wies man viele Juden aus; das Territorium der Ansiedlungszone selbst wurde verkleinert. Unter den Gouvernements der Ansiedlungszone sind besondere privilegierte Gegenden geschaffen worden, wohin nur vereinzelten Personen, die Gelehrtengrade besitzen, die Uebersiedlung gestattet war. (Moskau, Gouvernement Moskau, die Militärbezirke u. a.) Schließlich ist ein Bezirk geschaffen worden — Sibirien — der nur für Juden, die ein Verbrechen begangen haben, zugängig war. Zufolge dieser Maßregeln, die die Zwangsausweisuiig einer Unmenge von Personen zur Folge hatten, wurde die Bevölkerung der Ansiedlungszone immer stärker. Trotz der bedeutenden Emigration über den Ozean und nach europäischen Ländern, sind gegenwärtig zirka 4,200.000 Juden in den Mauern der Städte und Oerter und nur zirka 700.000 in den Dörfern dieses großen Bezirkes eingesperrt. Es sind auch Maßregeln getroffen worden, um dem „Andrang" der Juden bei Aufnahme in die Mittel- und Hochschulen hinderlich zu sein; um ihrem Wunsche, Bildung zu genießen, entgegenzuwirken, sind Prozentsätze festgesetzt worden. Während dieser ganzen Zeit konnten Juden nur mit unsäglichen Schwierigkeiten in die höheren Lehranstalten kommen; Tausende mußten auf den Unterricht in denselben verzichten; die Hochschulen zu besuchen, gelang nur vereinzelten Personen. Die Rechte dieser wenigen Glückskinder inbezug auf Staats- und öffentlichen Dienst waren gleich Null herabgedrückt worden, sogar zum Advokatenstande durften Juden ohne die Genehmigung des Justizministers nicht zugezählt werden und solche ist während der Zeit von 15 Jahren niemandem bewilligt worden. Ohne zu übertreiben, kann man wirklich sagen, daß die ganze Staatsmaschine den Zweck hatte, das Leben der Juden in Rußland unmöglich zu machen. Alle Ressorts beschäftigen sich mit der Judenfrage. Schon jetzt erscheint dies als unwahrscheinlich; es besteht jedoch kein Zweifel, daß noch unlängst eine Maßregel um so eher Gefallen finden konnte, je mehr sie zur Verarmung und Erniedrigung eines Volkes führte, welches als der Feind Gottes und der Menschen hingestellt wurde. Noch vor kurzem hatte man es für notwendig erachtet, Juden den Erwerb von Immobiliarvermögen in den iunern Gouvernements Rußlands zu verbieten, obgleich nur in drei Gouvernements der Grundbesitz der Juden mehr als 1% der Gesamtfläche der Grundstücke ausmacht. Die Bureaukratie verfolgte die Juden überall, auf allen Wegen und in allen ihren Bestrebungen. Es ging selbst so weit, daß bei Gründung von Leih-Sparkassen- Genossenschaften die jüdischen Begründer in der Wahl der Direktion und des Verwaltungsrates unter ihren Glaubensgenossen beschränkt wurden, mit anderen Worten, selbst wenn sich jüdische Arbeitssklaven zum Zwecke der Selbsthilfe zusammentun, sind sie gezwungen, ihr Werk fremden und willkürlichen Personen zu überlasten. Obgleich die Anzahl der Juden in den Städten der Ansiedlungszone einen sehr bedeutenden Prozentsatz ausmacht (in einigen Städten zirka 60%, und als Zahler der Stadtabgaben über 90%) genießen sie nicht das Recht, an der Stadtverwaltung teilzunehmen und sind ihre Bedürfnisse oft der Verwaltung von Personen unterstellt, die den städtischen Interessen vollkommen fremd sind und die Bedürfnisse und Anforderungen der lokalen Bevölkerung gar nicht kennen. Es ist schwer, in kurzen Worten alle gesetzlichen und administrativen Verbote aufzuzählen die das Leben eines russischen Juden von seiner Geburt bis zu seinem Tode begleiten. Wo er auch leben mag — innerhalb oder außerhalb der Ansiedlungszone — ist er weder vor materiellem Ruin, noch vor moralischen Verletzungen, abhängig von der Willkür der Behörden, geschützt. Er ist der Unterjochung der Polizeibehörden verfallen. Das Ziel, das sich die Administration gesteckt hatte, ist erreicht, und zwar in größerem Maße, als es den Urhebern dieses Systems erwünscht war. Von den Juden der Ansiedlungszone, die zum größten Teil eine hungrige Volksmenge bilden, machen Bettler, die der öffentlichen Fürsorge bedürfen, den fünften Teil der jüdischen Familien aus, während in den größeren Städten, wie z. B. Wilna, Berditschew u. a.. Bettler den vierten oder gar den dritten Teil der jüdischen Bevölkerung betragen. Ein derartiger Prozentsatz von Bettlern ist beispiellos und findet man in keinem andern europäischen Lande seinesgleichen. Neben der Unmenge von Bettlern ist in der Ansiedlnngszone auch ein Arbeiter- und Handwerkerproletariat erzeugt worden. „Das Einzige." sagt ein Eingeweihter der Lage jüdischer Arbeiter, „was dem Arbeiter die Möglichkeit gibt, seine Arbeit nicht wie eine Sklavenarbeit zu verkaufen, ist gegenwärtig das Uebersiedlungsrecht; dasselbe ist jedoch für jüdische Arbeiter sehr eingeschränkt oder ihnen vollständig entzogen, und wenn sie nicht vor Hunger sterben oder betteln gehen wollen, so müssen sie auf alle Bedingungen eingehen. Jüdische Kapitalisten sind ihrerseits durch viele Beschränkungen gehemmt und fällt es ihnen schwer, mit dem großen Jndustriemarkt und den Käufern außerhalb der Ansiedlungszone Beziehungen zu unterhalten." (Sammlung der Materialien betreffs der ökonomischen Lage der Juden in Rußland, H, 206.) Die Rechtlosigkeit der Juden übt auch auf den ökonomischen Wohlstand der christlichen Bevölkerung einen Einfluß aus; die Ausscheidung der Juden aus dem ökonomischen Leben

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