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Die Wahrheit · 1905-04-14 · Heft 15 (14.4.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 15. druck verliehen, die ihm der Aufenthalt in Egypten, dem klassischen Boden des Antisemitismus, bereitete. In den Juden dürsten beim Anblicke der ..zaubergewaltigen" Gestalt' des Herrn Vergani gleichfalls Erinnerungen an Mizraim wachgerufen werden- Die zehn egyptischen Plagen, von denen die Egypter heimgesucht wurden, sind noch nicht vergessen; aber der zurückgekommene Vergani ist die — elfte egyptische Plage. * * * Seit Wagner seine Broschüre „Das Judentum in der Musik" geschrieben, ist bekanntlich der Antisemitismus in der Musik zum Dogma so vieler Wagnerianer geworden. Gerade in der letzten Zeit haben wieder urgermanische Verehrer Wagners auf die judenseindliche Gesinnung ihres Meisters hingewiesen, um die hehre, ideale Berechtigung des Antisemitismus zu dokumentieren. Nun, man braucht Wagners Antisemitismus nicht zu bestreiten, aber der Hinweis auf diesen Apostel des Judenhasses wird die Juden, die zwar den Musiker Wagner verehren, oder anchdcn Menschen Wagner kennen, nicht allzu schmerzlich,treffen. So groß der Künstler in Wagner war, so klein, voller Schwächen und Gebrechen erscheint der Mensch Wagner in allen Beziehungen seines Lebens. Dafür müßten keine neuen Belege erbracht werden, aber auch die jüngsten Publikationen, die Wagner Beziehungen zu einer Freundin und deren Gatten beleuchten, haben abermals die Tatsache erhärtet, daß Wagner in Fragen des Charakters und der Sittlichkeit keine Autorität ist, deren Urteil in die Wagschale fällt. * Interessant sind in diesem Punkte Aeußerungen über Wagner, die schon vor vielen Jahren in dem fesselnden Memoirenwerke Eduard Hanslik's zu lesen waren. Dort heißt es u. a.: „ . . . Wenn es uns befremdet. Goethes hohen, freien Geist sich hier in katholische Mystik verirren zu sehen, so bietet uns Wagners Bekehrung zum christlichen Wunderglauben ein noch kläglicheres Schauspiel. Man erinnere sich nur an zahlreiche Aussprüche des freisinnigen jungen Wagner und an die ganze Lebensführung und Weltanschauung des Komponisten von ..Tristan und Isolde." Und zuletzt dieses fromme Kriechen zum Kreuz? Die ..Bayreuther Blätter" nahmen eine süßlich frömmelnde Miene an und Herr v. Wolzogen, der in Wien „Erinnerungen an Wagner" vorlas, sprach fast nur von dem reinen Christusglauben und der Gottinnigkeit desselben Mannes, welcher doch früher gegen die ..beklagenswerte Einwirkung des Christentums so heftig angekämpft hatte. Der Antisemitismus verbreitete sich nach dem Parsifal natürlich noch heftiger und allgemeiner. Einige Wagnerianer fanden es unbegreiflich, wie der Meister sein christliches Weihespiel.von einem Juden, Herrn Levi, konnte dirigieren lassen. Daß dieser ein unübertrefflicher Dirigent ist, war ihnen ganz Nebensache." Prager Sriefe. Wie sich seit Jahren die ganze innere österreichische Politik um die deutsch-böhmische Frage bewegt, so bewegt sich diese letztere hauptsächlich wiederum um die Beamtenanstellung. Die deutschen Führer klagen darüber, daß selbst in rein deutschen Gegenden alle Aemter mit Beamten tschechischer Nationalität besetzt werden, die zum großen Teile der deutschen Sprache nicht vollkommen mächtig sind und überdies den Krystallisationspunkt zu einer künftigen Vertschechisierung der Gegend bilden. Die Regierung erwidert gewöhnlich aus diese Beschwerden deutscher Seite, daß sie genötigt sei, tschechische Beamte in deutsche Gegenden zu senden, weil es an Bewerbern deutscher Nationalität fehlt, indem nur wenige deutsche Juristen um die Aufttahme in den Staatsdienst sich bewerben. Letzteres mag nun, soweit es auf Deutsche christlichen Glaubens sich bezieht, ganz richtig sein und den Tatsachen vollkommen entsprechen; wo bleiben aber die deutschen Juden? Viele von diesen wollten nach beendeten Studien in den Staatsdienst eintreten, aber nur sehr wenige wurden ausgenommen, und auch diese weniger nur bei der Finanz und bei der Eisenbahn; die politischen und judiziellen Staatsämter sind seit Jahren den Juden vollständig verschlossen. So viel bekannt worden ist, ist es seit fünf Jahren einem einzigen jüdischen Juristen gelungen, in den Staatsdienst ausgenommen zu werden, während' Hunderte sich gemeldet, aber stets mit dem Bedeuten abgewiesen wurden, daß dermalen kein Bedarf vorhanden sei Ist es Nun nicht merkwürdig, daß sich bisher kein deutsches Blatt in Böhmen und kein deutscher Abgeordneter im Reichsrate gefunden hat, der diese Angelegenheit zur Sprache gebrächt und die Regierung auf die zur deutschen Nationalität sich bekennenden jüdischen Bewerber um Staatsämter aufmerksam gemacht hätte?! Sind doch die Juden die festesten Stützen des Deutschtums in Prag, ihr Geld ist es zumeist, mit welchem deutsche Vereine, deutsche Institutionen und Anstalten gegründet und erhalten werden, warum nimmt sich kein Deutsch-Fortschrittlicher (von den Völkischen und Alldeutschen nictit zu reden) der deutsch-jüdischen Petenten an? Die Antwort auf diese Frage gibt sich jeder Jude hier im stillen: weil selbst den sogenannten Deutschfortschrittlichen der tschechische Beamte in Deutschböhmen noch immer lieber ist, als der jüdische, selbst wenn letzterer ganz erglüht und begeistert fürs Deutschtum ist und darüber sein Judentum ganz vergißt. * Vorige Woche haben die hiesigen Blätter eine Verordnung des Leiters des Justizministeriums veröffentlicht, nach welcher alle deutschen Auskultanten in Böhmen zu Adjunkten ernannt und als solche in deutsche Gegenden versetzt worden sind. Unter diesen befand sich auch der schon genannte eine Jude, dieser aber kam nach — Krakau. Professor Delitzsch hat seinen angekündigten Vortrag in der hiesigen „Urania" ungestört, ohne Lärm und Geräusch abgehalten. Hätte der juden-und alttestamentfeindliche Gelehrte nicht, wie so viele andere geglaubt, daß Prag noch immer der Sitz jüdischer Gelehrsamkeit und eine feste Burg des orthodoxen Judentums ist, so hätte er nicht vor seiner Ankunft in Prag die Weisung gegeben, daß nian bei dem Kartenverkauf' den Spruch befolgen möge: „Trau, schau, wem." Es wäre das selbst dann ganz überflüssig gewesen, wenn er auch hier, wie in seinen frühern Vorträgen, das alte Testament mit Vehemenz angegriffen und das neue ganz in Ruhe gelassen hätte. Man ereifert und erzürnt sich hier nicht über solche Dinge, wenigstens nicht in der Oeffentlichkeit. Im deutschen Kasino, wo der Vortrag gehalten wurde, waren, wie immer, die Juden in der überwiegenden Mehrzahl, Rabbiner sollen indes nicht darunter gewesen sein. Diese wissen ja am besten, daß Delitzsch der Bibel nicht schaden wird, so lange sie deren Panier Hochhalten. Leider aber sind sie macht- und kraftlos und vermögen ihre schwachen Hände nicht lange nach oben zu halten. Wo findet sich ein Ahron und Chur, der sie stützen würde! * * * Die Altneusynagoge ist, wie Dr. Podlipny, der zur Zeit der Prager Plünderungen und Hausdemolierungen Bürgermeister der Hauptstadt war,' in einer Versammlung erklärt hat. nie von der Gefahr, der Assanierung zum Opfer zu fallen, bedroht gewesen, und auch das alte jüdische Rathaus werde womöglich erhalten werden; es seien diesbezüglich zwischen Stadtverttetung und Kultusgemeindevertretung Unterhandlungen im Zuge. Hoffen wir, daß dieselben zu einem günstigen Resultate führen werden. Der Gmanzipationskampf der russische« Inden. . (Fortsetzung.) IV. Telegramm der jüdischen Gemeinden an S. I. Witte. Die Verwaltung der Gesellschaft zur Unterstützung armer Ju.den in Melitopol richtete nachstehendes Telegramm an den Präses des Ministerkomitees, den Staatssekretär S. I. Witte: Die Gesellschaft zur Unterstützung armer Juden in der Stadt Melitopol richtet an Euere Exzellenz die ehrerbietigste

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