Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion lt. Administration: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell. per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertions» betrage sind in Wien zahlbar und klagbar. Mkhängige Heitschrift für Mische Interessen. Krscheinl jeden Arertag. Motto : „Das Siegel C4ottes ist Wahrheit!“ j Kerngsp^eis- : j! Ganzjährig ... St. 12.— j| Halbjährig . . . K. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig . . . K. 1» —! Für Ausland:! Ganzjährig ... 3 Mark/ Ü Rubel oder it> FcS. Ur. 13. Mir«. 14. April 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Prager Briefe. —. Emanzipationskampf der russischen Juden. — Glühende Kohlen. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. Mischehen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die geehrten Kerren Abonnenten werden uw umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. April begonnene 2. Huartal ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes Leine Unterbrechung erleide. Ans derMoche.^ Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger, der vorige Woche ausplauderte, er sei kein „absoluter" Judenfresser, hat dieser Tage wieder eine recht pikante Enthüllung gebracht. In einer Rede, in welcher Dr. Lueger sich und seine Partei gegen den Vorwurf des Klerikalismus wehrte, sagte er u. a.: „Die katholische Kleinbevölkeruug und das Bürgertum hat die Sache selbst in die Hand genommen und beim richtigen Zipfel angefaßt, wiewohl die bischöflichen Spitzen, namentlich in Wien, nicht so ganz auf unserer Seite waren, als wir uns gegen das überwuchernde Judentum stemmten. Namentlich einige hohe Prälaten haben gesagt, daß das, was wir treiben, verstoße gegen dieMoralund chri st liche Nach st enliebe." Nun, die hohen Prälaten, die diese Beschuldigung gegen Lueger und die Seinen schleuderten, dürften denn doch etwas mehr vom Christentum und von den Geboten des Evangeliums gewußt haben, als Lueger, Schneider, Gregorig und Konsorten. Aber das hinderte bekanntlich den Herrn Bürgermeister Dr. Lueger nicht, den unchristlichen Kampf im Namen des Christentums zu führen. Und die hohen Prälaten? Nun, die haben wohl später, als Schneider z. B. einen Fürsterzbischof als „Juden" beschimpfte, weitere Beweise dafür erhalten, daß der Antisemitismus mindestens in dem Maße das Christentum befehde, wie das Judentum. * So unfreundlich sich Dr. Lueger über die „hohen Prälaten" äußerte, so begeistert war das Loblied, welches er den „Hetzpfarrern und Hetzkaplänen" sang. Er führte u. a. aus: „Ich sage, es war ein Glück und wir sind froh, daß diese Hetzkapläne und Hetzpfarrer an unserer Seite geblieben sind." Für den Antisemitismus war es in der Tat ein Glück, daß sich eine Schar pflichtvergessener Hetzer fand, die den gläubigen Katholiken einredeten, daß die christliche Nächstenliebe hauptsächlich darin bestehe, die — Juden zu hassen und zu verfolgen. Und daher hat Dr. Lueger wirklich allen Grund, seine Genossen in der Judenhetze, die Hetzpfarrer und Hetzkapläne, über alle Maßen zu rühmen. Hätten die ihre Aufgabe anders aufgefaßt, wer weiß, ob dann Dr. Lueger heute in den Kirchen gesegnet und nicht vielmehr als ein Verhöhner des Evangeliums verdammt würde. * * * Herr Dr. Lueger hat sich aber nicht nur über die geweihten Helfer des Antisemitismus geäußert; er hat auch höchst schätzenswerte Mitteilungen über zwei ehemalige stramme, christlich-soziale Parteimänner, die Herren Hütter und Jedek, gemacht. Das heißt, diese Herren sind auch heute noch stramme Antisemiten, aber sie sind nicht mehr Anhänger des Herrn Dr. Lueger, da er ihre geschäftlichen Kreise stört und somit geniert er sich nicht, sie in ihrer ganzen jämmerlichen Selbstsucht coram publico zu brandmarken. Der Herr Bürgermeister hat ja ganz Recht mit seiner Meinung über die Herren Hütter und Jedek; aber er hätte bitteres Unrecht, wenn er glaubte, daß die anderen Geschäftsantisemiten in seiner Partei besser als die Hütter und Jedek wären, sobald es ihr Geschäftsinteresse erfordern würde. 4- * * Graf Sternberg, der wütende Bekämpfer der „Narodny Listy", welcher sich dieser Tage wegen einer Skandalaffaire vor dem Bezirksgerichte verteidigen mußte, erklärte daselbst, daß er aus drei Gründen kein Antisemit sei. Der Richter unterbrach den Redner bei der Aufzählung dieser Gründe und man weiß jetzt nur, daß Graf Sternberg kein Antisemit ist. Man braucht für den Grafen Sternberg und dessen verschiedentliche Streiche keine Sympathien zu habeu, aber deshalb steht doch das Eine fest: Jedenfalls sind die „Narodny Listy", die „jüdische" Mitarbeiter hat und „jüdische" Inserate mit Vorliebe nimmt, dabei aber von Zeit zu Zeit den widerlichsten empörendsten Antisemit^mus verbreitet, auch alles eher, als eine sympathische Erscheinung. * Der Herausgeber des „Deutschen Bolksblattes", der keine Gelegenheit versäumt, seinen Vorteil zu wahren, hat natürlich die Fahrt des „Wiener Männergesangsvereines" nach Egypten mitgemacht. Der reiche Herausgeber hätte es nicht über sich gebracht, einem seiner kärglich bezahlten Mitarbeiter das Vergnügen dieser billigen Unterhaltung zu gönnen. Herr Vergani hat in seinen Reiseberichten der überschwänglichen Freude Aus-