Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063279--03607-3070378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 14. Als Beweis für diese gefährlichen Hetzarbeiten biene, u. a. ein Flugblatt, welches in hunderttausenden von Exemplaren - verbreitet wird und in welchem es na. heißt: ..Die Rufe:- „Nieder mit der Selbstherrschaft, nieder mit der Regierung, nieder mit unserem Väterchen Zaren" — das alles sind Rufe derjenigen Blutsauger, die Juden, Armenier, Polen, Grusier u. s. w. heißen und die verlangen, alles in ihre räuberischen Hände zu bekommen und diejenigen Menschen zu regieren, welche jahrzehntelang ihr russisches Blut für den Glauben und den Väterchen-Zaren ver-. gossen haben. . . . Bald, bald, Freunde, wird die wundervolle Zeit herantreten, wo es keine Juden in Rußland geben wird. Das ganze Hebel, das ganze Elend unseres Lebens sind die Juden und die Fremden." In mehreren Städlen haben sich gebildete Christen und Juden an die Staatsbehörden um Schutz gegen diese gefährlichen Aufhetzungen des Volkes gewendet. Nicht nur daß man den Geängsteten keinerlei beruhigendes Versprechen gab, so haben die offiziellen „Nachrichten des Odessaer Stadthauptmannes" die Notiz veröffentlicht, in der gedroht wird, daß „wer von Vorbereitung zu Exzessen reden wird, sich strenger Strafe ausj setzt." Diese Erklärung gibt mit grauenerregender Klarheit Zeugnis dafür, daß die Behörden keineswegs gesinnt sind jene, die die Massakre vorbereiten, 'z-u stö ren . . . Genau so war es in Kischinew. Auch damals waren die Behörden um keinen Preis dazu zu bewegen, Stellung gegen Jene zu nehmen, welche am hellichten Tage die blutigen Exzesse vorbereiteten und dem Volke die infame so verheerend wirkende Lüge erzählen durften, der Zar wünsche das Blutvergießen. Der Cmanppatiouskampf der russischen Inden. (Original-Korrespondenz.) St. Petersburg, im März 1905. Noch ist es ungewiß, wohin der Freiheitskampf führen wird, der sich seit Monaten in den Semstwos, in der Gesellschaft, in der Presse umso gewaltiger gestaltet, je kopfloser, verzagter und unfähiger sich die absolutistische Regierung gegenüber dem Zusammenbruche der militärischen Machtstellung nach Außen und den unaufhörlichen Wirren im Innern zeigt. Aber eines ist bereits sicher: die Einberufung einer Volksvertretung, in welcher Form auch immer, ist unvermeidlich geworden. Selbst die reaktionärsten Blätter sind seit dem Falle Port Arthurs und namentlich seit der schmählichen und ungeheuren Niederlage bei Mukden darüber einig, daß es so nicht weiter gehen könne. In der „Nowje Wremja" bringt es freilich der nationalistische, alte Suworin fertig, zu gleicher Zeit für die „Heranziehung des Volkes" und die „Beteiligung der Gesellschaft" an der Leitung des Staates, aber auch für den Ausschluß der unterdrückten Konfessionen und Nationalitäten, ganz besonders der Juden, zu kämpfen. Die Macht der Tatsachen ist jedoch so gewaltig, daß die mittelalterliche Scheidung der Staatsbürger in dem Augenblicke, wo Rußland sich in einen Rechtsstaat verwandeln wollte, einfach unmöglich werden wird. Die Juden, die am meisten bedrückten und von allen bürgerlichen Rechten ausgeschlossenen Untertanen, sind nicht mehr gesonnen, sich als quantite negligeable betrachten zu lassen. Gerade die Metzeleien in Kischinew und Homel haben ihr Selbstbewußtsein am meisten aufgerüttelt. In unzähligen Eingaben an den Präsidenten des Ministerkomitees bitten sie nicht blos. sondern verlangen sie kategorisch ihre volle bürgerüche Gleichstellung. Einige dieser Eingaben sind interessante Dokumente. I. Eingabe von mehreren Tausenden russischer Juden an den Präsidenten desMinisterkomitees. Gegenwärtig, wo alle Lebensfragen des russischen Reiches dringend der Entscheidung harren, ist auch die Judenfrage in ihrem ganzem Umfange nach vielen. Fahren endlich an der Tagesordnung. Allerdings^ ist/.sie auch bisher nicht vergessen, sondern sogar dringend in den Vordergrund gestellt worden, indem man die/Juden im Privatleben einer grausamen Hetzjagd, im administrativen Wesen fortwährenden Verfolgungen, in der Gesetzgebung allseitigen Beschränkungen unterwarf. Man benutzte die Juden als Blitzarbeiter für die Leidenschaften des Volkes, man bemühte sich, auf sie die durch die allgemeine Mißwirtschaft hervorgerufene Unzufriedenheit zu lenken. Man versperrte den Juden den Weg zur Aufklärung, man hielt sie von jeglichem öffentlichen und staatlichen Dienste fern, man beschränkte sie in der Wahl des Berufes und des Wohnortes; man sperrte die große Menge der Bevölkerung in die überfüllten Städte und Oerter der Ansiedlungszone ein, man stellte es ihnen anheim, durch Hunger und Krankheiten dort auszusterben. Das, was anderen Personen gegenüber als Verletzung der Rechte der Persönlichkeit, des Eigentums galt — ist für Juden zur normalen Lebensweise geworden. Und wie die Masse Der Bevölkerung in ökonomischer Beziehung an den Bettelstab getrieben und den privilegierten Klassen auf jegliche Weise das. Dasein erschwert wurde, so entehrte und beschimpfte man die Juden in moralischer Beziehung, indem man sich bestrebte, ihre Seele durch den Druck der Rechtlosigkeit und die Schmach der Machtlosigkeit zu demütigen. Der Jude, kann keinen einzigen Schritt frei atmend machen, es gibt in seinem Dasein keinen Winkel, in' dem er die Vergewaltigung nicht wie ein Alp auf sich lasten fühlt, wodurch das, was noch Leben genannt werden kann, ihn mit Pein und Zorn erfüllen muß.' Es wird jetzt nun beabsichtigt, die uns betreffende geregelte Willkür zu revidieren und dieselbe einigermaßen abzuändern. Wir können das Resultat dieser Revision nicht voraussehen ohne eine radikale Aenderung der Staatsordnung in-Rußland können wir auf Befriedigung unserer Bedürfnisse nicht rechnen. Dessen ungeachtet halten wir es für unsere Pflicht, in diesem Augenblicke derunumwundenen Kundgebung aller öffentlichen Forderungen, auch laut und unzweideutig unsere Meinung bezüglich unserer Lage als Juden zu äußern und nicht nur unsere Forderungen, sondern auch unsere Motive klarzulegen. Wir erklären hiermit, daß wir jeglichen Versuch, die jüdische Bevölkerung durch irgend welche partielle Verbesserungs-Maßregeln zu befriedigen und zu beruhigen, für fruchtlos halten. Wir erhoffen Gleichberechtigung. Wir wünschen sie nicht etwa, weil durch Erlangung derselben die Juden der übrigen Bevölkerung nützlich sein oder die Zusicherung des Wohlstandes vieler Personen fördern könnten; auch nicht als Dank dafür, daß unsere Brüder auf den Feldern der Mandschurei ihr Blut vergießen, wie sie es auch in den früheren Kriegen getan hatten; selbst nicht aus dem Grunde erwarten wir sie, daß wir historische Beweise unseres Jahrhunderte langen Lebens auf dem Territorium des russischen Reiches anführen können. Wir fordern Gleichberechtigung und Gleichunterordnung den allgemeinen Gesetzen als Menschen, in denen, trotz alles Erlebten, das Gefühl der eigenen Würde noch wach ist, als Bürger eines kontemporären Staates. Wir fordern die Aufhebung der auf uns lastenden Beschränkungen im Namen der elementarsten Menschenwürde, im Namen der Grundgedanken einer kulturellen Rechtsordnung. Ferner erklären wir hiermit, daß wir jegliche Politik allmählicher Beseitigung der auf uns lastenden Beschränkungen für unzweckmäßig halten. Da wir das Recht der Verjährung inbezug auf die Verfolgung eines Volkes nicht anerkennen, sind wir auch nicht der Meinung, daß die lange Dauer der vorhergehenden Verfolgungen der allmählichen Aufhebung derselben als Grund dienen könne. Das, was wir wünschen, ist eine Gesamtsumme von Rechten und kann nicht in Teile zergliedert werden. Es handelt sich nicht um eine Erleichterung unseres Daseins — dieselbe kann größer oder geringer sein — es handelt sich um Gleichberechtigung, und diese ist unteilbar. Wir erwarten, daß uns dieselben Rechte eingeräumt werden, wie dem ganzen russischen Volke, und dann werden wir, gleich allen' anderen Völkern Rußlands unser Leben orga-