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Die Wahrheit · 1905-04-07 · Heft 14 (7.4.1905) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion u. Aduliiiistraiion: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Krscheinl jeden Areitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" VernKspyei»: Ganzjährig ... ff. 12.— | Halbjährig . . ff. 6.— Für Cilltusbeaulte: Ganzjährig ... ff. iv — Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark. Ü Rubel oder 16 Fcs.! itv. 14. Wien, 7. April 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Emanzipationskamps der russischen Juden. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Mischehen. — Verschiedene Nachrichten. Feuilleton: Glühende Kohlen. Die geehrten Kerren Aöonnenten werden um umgehende Krneuerung des Abonnements für das am 1. April begonnene 2. Quartal ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Unterbrechung erleide. Ans der Woche. Das Pessachfest naht und die antisemitischen Hetzjournale sind bereits am Werke, das landesübliche Ritualmord-Märchen zu neuem Leben zu erwecken. Die vielen Blamagen, welche sich das „Deutsche Volksblatt" mit seiner infamen Ritualmordhetze holt, selbst die Erinnerung an den Mumienfund, der zu einer blutigen Campagne gegen die Juden ausgeschrotet werden sollte, hält die erfolgreichen Arrangeure der Polnaer-Affaire von der Erfüllung ihrer Lieblingsaufgabe nicht ab. Der Vorfall in Jaslo, welcher mit dem Pessachfest so wenig gemein hat, als der Antisemitismus mit der Lehre der Nächstenliebe, wird von dem „Deutschen Volksblatt," dem in diesem Falle die „Deutsche Zeitung" ihre wackere Unterstützung schenkt, mit einem Aufwande blutrünstiger Phantasie und infamer Entsteüungskunst zu einem Ritualmordversuch gestempelt. Mögen später auch die gerichtsordnungsmäßig festgestellteu Tatsachen die Lügenhaftigkeit der antisemitischen Anklagen erhärten, der Zweck, den diese volkverhetzende Presse anstrebt, ist doch erreicht: der Haß und das Vorurteil gegen die Juden ist neuerdings erweckt worden, das Ritualmordmärchen ist wieder belebt und verbreitet worden. Das alte Wort: semper aliquid liaeret feiert nach dem Wunsche der Antisemiten einen neuen Triumph. * Die antisemitische Presse ist, wie immer/ auch in diesem Falle mit der frechen Verleumdung bei der Hand, die Juden seien bemüht, die Wahrheit zu vertuschen und die Behörden unterstützten sie dabei! Unter dem aufreizenden Schlagworte: „V e r tusch u.n g s v e r s u ch e der Alliance I s r a e lite" veröffentlichte das „Deutsche Volksblatt" in Ergänzung seiner ersten Lügen einen von Entstellungen, Fälschungen und Aufhetzungen strotzenden Artikel, in welchem es u. A. heißt: „Die jüdischen Täter, fünf an der Zahl,, wurden sämtlich sofort verhaftet und dem Kreisgerichte in Jaslo eingeliefert. Von der Alliance Jsraslite" in Wien wurde der Advokat Dr. Friedmann nach Jaslo entsendet und sofort begann die Vertuschung der Angelegenheit, und wie es sich zeigt, nicht ohne Erfolg. Die Staatsanwaltschaft in Jaslo wendete sich an die Oberstaatsanwaltschaft in Krakau mit der Bitte um Aufklärung, was in der Sache weiter zu machen sei. Das Resultat war nach mehreren Tagen der Auftrag, die Juden gegen Garantie zu enthaften. „Der christlichen Bevölkerung hat sich ob dieses Vorfalles große Aufregung bemächtigt und' werden Ausschreitungen befürchtet. Die Juden haben aus Furcht um Verstärkung des Gendarmeriepostens in Zmigrod gebeten." Allerdings, zwei Dinge dürften in dem Berichte des „Deutschen Volksblattes" der Wahrheit entsprechen: Erstens, daß die christliche Bevölkerung — infolge der lügenhaften Hetzartikel in Erregung, zweitens, daß die Juden in Angst versetzt wurden. * * * Anläßlich dieser Hetze der unbedingten Judenfresser verdient das hübsche Bekenntnis des Bürgermeisters Lueger Beachtung, welcher mit erfreulicher Schlichtheit seinen Zuhörern erzählte: „Ich bin kein unbedingter Judenfresser!" Dr. Lueger hetzt eben gegen die Juden nur, wenn es ihm gerade paßt. Ein biederer, vornehmer Charakter! * # * In Rußland sind die Judenfresser auch nicht unbedingt dafür, daß man nur die Juden massakriert. Einem Berichte des ..Berliner Tagblattes" kann man folgende entsetzenerregende Details entnehmen: Aerzte, Rechtsanwälte, Professoren, Studenten, gleichgiltig ob Juden oder Christen, erzählten dem Vertrauensmann des erwähnten Blattes, daß die rohen Massen ganz systematisch zu Massakres gegen die sogenannten „Feinde des Zaren und des Vaterlandes" ausgehetzt werden. Man befürchtet allgemein in den intelligenten Kreisen, daß es infolge dieser schmachvollen Wühlarbeit bald zu blutigen Exzessen nach dem Muster von Kischinew, Homel und Baku kommen werde. Mt dem Unterschiede allerdings, daß je nach den örtlichen Verhältnissen, der Ansturm nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen Polen und Deutsche sich richten werde, überhaupt gegen Alle, die im Verdachte stehen, Reformen für Rußland zu erstreben. * * 4-

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