Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 13. Die Wahrheu Seite 7. sondern auch von „Heldenhaftigkeit". Darum paßt sie auch so; voll und ganz auf Mordechai, den isoti-sslinäi, den jüdischen! Heldencharakter, der nicht nur seinen eigenen Volksgenossen,! sondern fast noch mehr den Feinden Judas imponierte. j Und nun, wollen wir versuchen, einen Teil des Dunkels, 1 welches die Bestimmung von der „roten Kuh" umhüllt, I aufzuklären. j ' Die jüdische Poesie hat sie in vier Worten präzisiert: j letaher temaim, Jetame tehaurim, zu reinigen die Unreinen, , durch Verunreinigen der Reinen. Klingt nicht dieser Satz rätsel-, ja fast orakelhaft? Und doch bezweckt die ganze, so überaus umständliche Zeremonie, welche die Verordnung der „roten Kuh" umgibt, nicht mehr und nicht weniger, als was die vier soeben zitierten Worte in ihrer prägnanten Kürze besagen. Und wer sollte, wer m utzte sich verunreinen um das Reinigungsmittel herzustellen? Nicht der hohe Priester, aber der, welcher zu seinem Nachfolger bestimmt war. An Eleasar erging das Gebot. Und das Einsammeln der Asche sollte von einem isck tahor, einem reinen Charakter geschehen. Diese Bezeichnung — eine weitere Merkwürdigkeit in dieser so merkwürdigen Verordnung — kehrt in der ganzen Bibel nicht .wieder. Und nun fragen wir: Für wie unendlich wichtig muß boch eine Verordnung angesehen werden, die solches verlangt? Und w e n n sie es verlangt, sollten wir es da wirklich mit einem Geheimnis zu titit haben, von dem die jüdischen Weisen sagen, daß selbst der König Salomon es nicht habe lüften, nicht habe erklären können. Wäre dann der Ausspruch noch wahr, daß die Thora nicht für Engel, sondern für Geschöpfe von Fleisch und Blut gegeben worden? Und deshalb glaube ich auch, daß bei diesem Gebote weniger die Verordnung, als der Sinn der Verordnung die Hauptsache ist. Lösen wir aber die vorgeschriebenen Tätigkeiten und Bedingungen zur Herstellung des Reinigungswassers los, was bleibt dann noch von der Verordnung übrig? Daß hochstehende Personen sich verunreinigen mußten, damit für niedriger Stehende ein Reinigungsmittel vorhanden sei! In die Tiefen menschlichen Elends hinabsteigen, im Schlamme herumwaten, die Herzensreinheit nicht verlieren, seine Menschenwürde sich bewahren, das verlangt eben den isolr-Charakter, einen Heroismus, den unsere Weisen in die berühmten Worte gekleidet haben: „Wo keine Männer s i n d, da befleißige Dich, ein Mann zu sein"; dort, wo niemand den Mut hat, nicht nur offen für das Gute einzutreten — denn dazu bedarf es eigentlich nur eines Wollens — sondern sein Ich in die Wagschale zu werfen, gegen das Schlechte, in welcher Form es sich auch zeigt, welche Hindernisse sich auch in den Weg stellen, — da befleißige Dich, sie hinwegzuräumen, sie zu bewältigen. Und um uns so recht klar zu machen, welche Art von Schlechtigkeiten hier gemeint sind, muß man sich nur die näheren Bestimmungen und den Zweck der Verordnung ansehen. Wo, d. h. in welchem Falle sollte das mit der Asche der „roten Kuh" vermischte Reinigungswasser verwendet werden? Nur da, wo es sich um Verunreinigung durch eine menschliche Leiche handelt. Und damit gar kein Zweifel entstehen kann, fügt die heilige Schrift nochmals hinzu: Dieses ist die Lehre betreff eines Menschen, der in einem Zelte stirbt. Und da fällt uns eine andere Merkwürdigkeit auf, — als ob deren dabei noch nicht genug vorhanden wären. Immer hebt die Schrift den Adam-Charakter hervor, sie spricht ferner von der Seele des Menschen — also lauter Eigenschaften, die auf das G ö ttlich e im Menschen Hinweisen, auf seine höhere Bestimmung. Es sollten also alle Beteiligten zunächst reinen Herzens und lauteren Charakters sein, den Begriff isch und cohen, Priesterschaft und Charakterfestigkeit in sich vereinigen und diese Eigenschaften in die Wagschale werfen, -um ihren hohen Zweck .zu erreichen, das Besserungsbedürftige zu bessern^ auf dieGefahr hin, bei demWerke selbst Schaden .zu leiden; dem dem UntergangeGeweihten beizmspringen, auf die Gefahr hin, mit unterzu- .gehen.! Vor einigen Wochen konnten wir in vielen jüdischen und nichtjüdischen Zeitschristen eine Polemik über das Entstehen des Gebotes der „Nächenliebe" lesen, die natürlich zugunsten der Bibel ausschlagen mußte, wollte man nicht die Wahrheit geradezu auf den Kopf stellen. Hier anknüpfend, möchten wir auf etwas aufmerksam machen, das nicht nur die jüdische Nächstenliebe, sondern das Verhältnis der Bibel zu Nichtjuden im allgemeinen in das hellste Licht zu stellen geeignet ist. Bekannt sind die Worte vor der Gesetzgebung am Sinai: „Und Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern und ein heiliges Volk." Nun wird 3. B. M. Kap. 1. mit der Auszählung, der Opfer und den Vorschriften ihrer Darbringung begonnen, und da ist schon vielfach die Frage aufgeworfen, welchen Zweck diese Vorschriften für unsere Zeit haben, die doch des Opferdienstes entbehren muß. Die Antwort auf diese Frage liegt schon im ersten Worte der Opferbestimmung. Da wird nichts von etnem Priester, oder Fürsten, ja nicht einmal von einem'Juden gesprochen, sondern von einem Menschen, c> cl o na k i jakriw, ein Mensch, und wäre er ein Heide, sobald er sich Gott zum Opfern naht, ward er ebenso wohlgefällig ausgenommen wie der Jude. Also nur sittlich hohe Charaktereigenschaft verlangt das Judentum vom Menschen. Wer diese in die Wagschale werfen konnte, war bei uns Juden zu allen Zeiten ebenso hoch geachtet wie der Höchste wie der Angesehenste unseres Volkes. Gibt es noch eine Religion, die solch ein Toleranzedikt aufzuweisen hat? Würde nicht das „Gottesreich auf Erden" sein, wenn die uns befehdenden Völker sich zu einer solchen Ethik aufschwingen könnten? Wäre es nicht ein wahres Jubeljahr, wenn in diesem Sinne das Wort „Freiheit" ertönen, wir ein wirkliches ssnaan cherasseira, ein Fest der Befreiung von den auf uns lastenden Vorurteilen feiern dürsten? Wir feiern soeben das Purimfest, jenes Freiheitsfest,. von dem unsere alten Lehrer bemerkt haben, daß wenn auch einst alle Feste aufhören, das Purimfest niemals aufhören, das Andenken an die Lichtgestalten einer Esther, eines Mordechai, niemals in Vergessenheit geraten werde. Was wollten die jüdischen Weisen damit lagen? Sie wollten andeuten, daß in diesen beiden Helden der wahre jüdische Geist wie kaum anderswo verkörpert erscheint. Wie Esther niemals ihr Volk vergaß; wie Mordechai mit allen Fasern im Judentum stand; wie Esther in ihrem Wirken die höchste Höhe des jüdischen Solidaritätsgefühles erklommen und wie Mordechai sein Ich nicht höher als das seiner Leidensbrüder stellte — wie Beide also nur für ihre Brüder wirkten, so sollten auch ihre Nachkommen ihnen nacheifern. Wenn in unseren Gebeten oder sonstigen Schriften vom jüdischen Volke gesprochen wird, finden wir stets einen Ausdruck, der, wie kein zweiter, intensiver den Solidaritätsgedanken ansdrückt: Lstb. ^isrool, das Haus Israel, so wird das jüdische Volk treffend bezeichnet und gezeichnet. Aber wir haben in diesem Worte auch den Grund zu all den Vorwürfen und Anwürfen unserer Feinde zu sehen. Ich habe es schon gesagt: In den Augen der Völker sind wir ein Ganzes. Ob in Rußland oder Amerika, in Spanien oder Deutschland, ob Reich oder Arm, Hoch oder Niedrig — überall sind wir das gehetzte Volk. Ueberall wird die Gesamtheit verantwortlich gemacht für die Sünden eines Einzelnen. Können wir nun schon nicht gegen diese Generalisierung ankämpfen — denn der Kampf wäre absolut nutzlos — so wollen wir doch wenigstens Einheit und Einigkeit in uns zu erhalten suchen. Warum konnte Amalek Israel bekriegen? Weil Refidim herrschte, weil das Band der Zusammengehörigkeit gelockert, das Zusammengehörigkeitsgefühl verloren gegangen. Und weshalb glaubte Haman an das Gelingen seiner schwarzen Pläne? Weil Männer fehlten. Und als Mordechai — einem Moses gleich — seine Hände flehend erhob und im ganzen Volke eine Stütze fand; als Aron, d. h. die Besitzlosen auf der einen Seite und Chur, d. h. die in Samt und Seide Gekleideten auf der anderen Seite, ihn stützten, da mußte Israel siegen, weil Einer für Alle und Alle für Einen einstanden.