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Die Wahrheit · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12. Die Wahrheit Leite 5. schrieben mrnyp.) Sie können nichts darüber schreiben, da > man sie nicht läßt. Wer einen schlechten Brief schreibt, wird strenge bestraft. Man kann gar nichts machen, es ist auf einem Felde. Als ich von dort endlich fort konnte, hat N. (der Name eines anderen Waisenkindes) vor mir geweint und geschrien: Vergiß nicht die Briefe, die ich Dir aufgegeben habe zu schreiben. (Der Verfasser dieses Briefes ist der Waisenknabe Iecheskel Machlin, dem es gelungen ist, von der „Schule" zu entkommen und nach Amerika auszuwandern.) Ein zweiter Knabe schreibt: Das Essen, das man uns hier gibt, habe ich bereits beschrieben. Ich kann nur kurz schreiben, da ich mich mit dem Briefe verstecken muß. Viele Kinder wollen davonlaufen, sie wissen nur nicht, wie sie es machen sollen. Ich habe es ihnen versprochen, ihnen zu helfen, sobald Du mich von hier herausnehmen wirst. Du wirst noch einen anderen Brief von mir bekommen außer diesen, Du sollst aber diesen nicht glauben, der auf Kommando geschrieben sein wird. Hier schreibe ich Dir die ganze Wahrheit im verborgenen." Als Herr Belkind von diesen heimlichen Briefen erfahren hatte, rief er, wie eines der nach Kischenew glücklich zurückgelangten Kinder erzählt, alle seine Zöglinge zusammen und verlangte von ihnen, daß sie die Namen der Briefschreiber denunzieren. Einer fand sich, der gestand, einen Brief mitgeschrieben zu haben, die anderen wollte er jedoch nicht angeben, was man ihm auch tun möge. Dieser Knabe wurde von der Anstalt des Herrn Belkind entfernt, u. zw. heimlich, so daß seine Kameraden ihn nicht sehen konnten, als er die Schule verließ. Folgende Einzelheit ist bezeichnend und hängt offenbar mit der Zensur des Herrn Belkind zusammen. Ein Brief enthält ein Postskriptum, das folgendermaßen lautet: „Du sollst wissen, daß der Fleck gar nichts ist, das ist nur ungern! Diese rätselhaften Worte klären sich aus, indem man tatsächlich auf dem Briefe einen dunklen Fleck ähnlich der Spur einer Träne sieht. . . . Eine zweite Einzelheit, die der Aufklärung-bedarf, ist die Absicht bezüglich der Zukunft der Schüler. Seinerzeit hieß es, daß die Kinder nach Absolvierung der Anstalt je. ein Stück Ackerland in der Kolonie erhalten würden. Einer der Zöglinge schreibt nun folgendes: Ihr habt doch gewiß gehört, was Belkind gesagt hat, daß jeder Knabe später 20 Dissiatin Feld erhalten wird. Jetzt sagt er uns, daß Niemand etwas erhallen wird, sondern jeder, der die Schule beenden wird, wird zu der Mutter nach Hause geschickt werden, sie mögen mit ihnen machen, was sie wollen. Die älteren Kinder haben nun berechnet, bis zum 18-ten Jahr sollen sie in dieser Schule sein, kein Handwerk lernen und dann höchstens als Taglöhner 15 Kopeken pro Tag erwerben, dazu hat man uns doch nicht von unserer Familie weggenommen." Ein anderer schreibt: „Ich frage mich, was soll denn der Zweck sein? Was der Herr Belkind versprochen hat, darauf, sagt er, jetzt sollen wir gar nicht rechnen. Er hat uns versammelt und uns erklärt, daß Geld, um uns zu Kolonisten zu machen, nicht vorhanden ist. Wir müssen erst hoffen, daß ein reicher Mann käme, um uns zu versorgen. Ich ging dann zu Kolonisten in der Nähe, was wohl später sein wird, wenn wir bis zum 18. Jahre in der Schule verbracht hätten, darauf erklärten sie mir, daß wir dann Aussicht hätten, später durch Erdarbeit etwa 25 Kopeken zu verdienen. Schauderhaft ist die Orthographie der einzelnen hebräischen Worte, die in diesem Briefe Vorkommen, woraus hervorgeht, daß die Kinder, obwohl sie schon ein Jahr bei Belkind sind, nicht einmal noch die Anfangsgründe des Hebräischen gelernt haben. Die Pädagogik, die in der Schule eingeführt ist, wird durch folgenden Passus eines Briefes illustriert: ..Wir haben einen Lehrer, geht herum mit einer Peitsche und schlagt klein und groß. — Ein Knabe W—n, der einen Versuch gemacht hat, davon zu lausen, wurde dann mit einer Einsperrung von drei Tagen bestraft. Odessa, 25. Februar (10. März). A. Ra bin o witsch. Ans die obigen Angaben weiß Herr Ingenieur Ussischkin, einer der Hauptveranstalter, jener leichtsinnigen Expedition der Waisenkinder, in einer Erklärung in demselben Blatte nichts anderes zu erwidern, als daß er im wesentlichen die Verantwortung von sich abweist und auf das zionistische Aktionskomitee in Wien schiebt. Er veröffentlicht Nr. 661 des „Azofe" vom 24. März folgenden Brief an die Redaktion: „Herr Achad Haham hat furchtbare Dinge über den Stand der Schule für die Waisenknaben aus Kischenew mitgeteilt. Was darin wahr ist oder übertrieben, weiß ich nicht. Diejenigen, denen die Aufsicht über die Schule obliegt, werden gewiß untersuchen, was verbesserungsbedürftig ist. Ich finde mich hiedurch veranlaßt öffentlich bekanntzugeben, wer für diese Anstalt eigentlich verantwortlich ist. 1. Alle Gelder, die von der ganzen Welt für die Waisen von Kischenew gesammelt wurden (zusammen Frcs. 170) wurden an das zionistische Aktions-Komitee in Wien geschickt. Dieses allein hat die Verwaltung des ganzen Fonds und der ganzen Schule.*) 2. Als ich Palästina im September 1904 verließ, waren die Waisenkinder noch nicht eingetroffen. Ich überließ dort die Oberaufsicht über Herrn Belkind und das zu gründende Institut einem Komitee von drei Personen, dem Vertreter der Zionisten Levantin, dem Vertreter der Chewra Zion Herrn Mayersohn und dem Vertreter der palästinischen Juden Herrn Dr. Hille! Jaffe. 3. In den ersten Monaten erhielt ich kurze Nachrichten von diesem Aufsichtskomilee über die Ankunft der Waisenkinder und deren Unterbringung im Rischon de Zion, aber bald hörten diese Nachrichten auf. Herr Mayersohn legte sein Amt als Vertreter der Aktion nieder, Dr. Jaffe erkrankte und Herr Levantin ist überbürdet durch seine Tätigkeit für die zionistische Bank. Von Herrn Belkind haben wir auch nicht einen einzigen Brief während der ganzen Zeit erhalten. 4. In den Konferenzen des Aktionskomitees von Wien hat man wiederholt von einer gründlichen Reform dieses Institutes gesprochen. Es sollte auch ein anderer Direktor ernannt werden, was Wohl bald geschehen wird. M. Ussischkin." HUfsverein für Galinen. Sonntag, den 26. März, 10 Uhr vormittags, fand in den Räumlichkeiten des israelitischen Humanitätsvereines „Wien" B'nai B'rith, IX., Universitätsstraße 4, die diesjährige ordentliche Generalversammlung des Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien statt. Den Vorsitz führte der Vizepräsident des Vereines, Herr Gottlieb Lederer, der nach Begrüßung der zahlreich erschienenen Delegierten der Kultusgemeinden und der hervorragendsten jüdischen Korporationen der anwesenden Mitglieder und Vertreter der Ortsgruppen des Vereines, sowie der sonstigen Gäste den seit der letzten Generalversammlung verstorbenen Mitgliedern der Bereinsleitung Dr. Leon Horowitz, Dr. Alois Pollak und Heinrich Teltscher. warm empfundene Nachrufe hielt und auch der in dieser Zeit mit Tod abgegangenen Vereins- Mitglieder gedachte. Die Versammelten erhoben sich während dieser Gedenkrede zum Zeichen ihres Mitgefühles von den Sitzen. Hierauf erstattete der Sekretär des Vereines, Herr Dr. Wilbelm L ö w y, einen umfassenden Bericht über die vielseitige Tätigkeit des Hilfsvereines während des Jahres 1904, die vorwiegend die Einführung und Förderung verschiedener Hausindustrien und Schaffung von Arbeitsgelegenheit anstrebte. Der Berichterstatter verbreitete sich eingehend über die Entwicklung der H a a r n e tz i n d u st r i e, über die int Berichtsjahre angestellten Versuche zur Einführung der K l e i d e r k o n f e k t i o n, die Erzeugung von Metalltäschchen und Fezquasten, über die Errichtung einer H ä k e l s ch u l e in Krakau, einer Spitzenklöppeiei inKolomea und einer Spitzenhäkelei in Sombor und Drohobpcz. So wurde aus mannigfache Weise der armen jüdischen Bevölkerung Galiziens, männlichen und weiblichen Geschlechts, Gelegenheit geboten, sich ein wenn auch kärgliches Brot zu verdienen und den Hunger zu stillen. Um eine größere Anzahl galizischer Knaben bei Handwerksmeistern außerhalb Galiziens zu tüchtigen Handwerkern ausbilden zu lassen, schloß *) Anmerkung der Redaktion: Diese Sammlung war seiner Zeit eine irreführende, denn die Fürsorge für die Waisenkinder in Kischenew war von den offiziellen Organisationen, sowie der hiesigen Allianz und die verwandten Körperschaften durch die von ihnen ausgebrachten reichlichen Mittel in ausgiebigster Weise veranlaßt worden. Es ist bedauerlich, daß nicht damals von den offiziellen Kreisen gegen die unnütze Ausbeutung des Mitleides durch die zwecklose Sammlung für die von Belkind durch Europa geführten Waisen protestiert wurde.

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