Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063278--03596-3070366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit Nr. 13. eine Lüge,, jeder Buchstabe atmet die niederträchtigste Verläumdung. Das „Deutsche Volksblatt", welches diese Kampagne gegen die jüdischen Soldaten anregt, ignoriert geflissentlich auch den Umstand, daß der Kaiser von Oesterreich vor Jahresfrist erst zwei jüdischen Offizieren den Generalsrang verliehen hat. Der oberste Kriegsherr denkt offenbar über den Zusammenhang von Konfession und Berufstreue anders als die patentierten Hetzer und Volksverführer. * Die Vehemenz, mit der die Antisemiten im deutschen Reichstage neuerdings den Versuch unternahmen, das Wort des edlen Kaisers Friedrich: „Der Antisemitismus ist die Schmach des Jahrhunderts" als apokryph hinzustelleu, animiert die Wiener Antisemiten zu der Behauptung, dieser Versuch sei gelungen. Diese Behauptung ist eine Lüge. Das Gegenteil ist wahr. Wenn noch jemand nicht überzeugt war, daß Kaiser Friedrich dieses brandmarkende Urteil über den Antisemitismus ausgesprochen habe, nach der Verhandlung im deutschen Reichstage muß der letzte Zweifel daran geschwunden sein. Es ist begreiflich, daß die Antisemiten nicht davon erbaut sind, wenn ein Kaiser Friedrich sie derart stigmatisiert; es ist auch erklärlich, wenn sie knirschend sich des Ausspruches von Mommsen erinnern: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille". Aber dagegen hilft kein Ableugnen und kein Ablügen. Wen's geniert, der überwinde die „Gesinnung der Kanaille"; wer das nicht mag, wer sich seine verächtliche Meinung über die Juden konservieren will, der gestatte, daß Männern, wie Kaiser Friedrich und Mommsen ihre Meinung über die Antisemiten nicht gefälscht werde. Eine sehr pikante, aber zugleich sehr betrübende Anekdote, aus der man ersieht, daß der Gedanke der Gleichberechtigung auch in Ungarn noch nicht in Fleisch und Blut der maßgebenden Kreise eingedrungen ist, wird in einem hervorragenden Budapester Tagblatte erzählt: Ein Jude bewirbt sich um ein Amt. Er hat die glänzendsten Zeugnisse, '-die ihn uuter allen Bewerbern als den geeignetsten Mann für die kompetierte Stelle erscheinen laßen. Das wird ihm auch gesagt, aber zugleich hört er ein . . . „aber". Man sage ihm nicht, daß seine Konfession ein Hindernis fei. Gottbehüte! Das wäre ja gegen das Gesetz. Man deutet ihm an, daß ein wenig Protektion auch dem berechtigtesten Bewerber nicht schade. „Wessen Protektion?" fragt erstaunt der eingeschüchterte Kandidat. „Hm ... am besten die eines römisch-katholischen Bischofs" lautet die diplomatische Antwort, die aber deutlich genug ist . . . Die Waisenkinder non Kischeuem. Unsere Leser werden sich noch der leidenschaftlichen Angriffe errinnern, denen die offiziellen Kreise des Wiener Judentumes, besonders aber der Kultus-Vorstand und die Allianz, seitens der zionistischen und nationaljüdischen Parteiorgane ausgesetzt waren, weil sie im Vorjahre den von Herrn Belkind und Konsorten arrangierten Kinderzug nach Palästina nicht in offizielle Obhut nahmen. Das Letztere geschah aber keineswegs aus Mangel an Sympathie für die bedauernswerten Waisen der Kischenewer Märtyrer, sondern weil man nach eingeholten Informationen der Aküon des Herrn Belkind das größte Mißtrauen entgegenbringen mußte. Wie sehr nun dieses Mißtrauen berechtigt war, erhellt aus mehreren Artikeln, die die hebräische Zeitschrift „Azofe" in der letzten Nummer veröffentlichte und die wir in wortgetreuer Uebersetzung nachfolgend wiedergeben: In der gegenwärtigen Nummer finden unsere Leser einen Artikel des Herrn Rabinowitsch unter der Überschrift „Bitte um Aufklärung" die Waisenkinder aus Kischenew betreffend, welche unter Führung des Herrn Belkind nach Palästina gebracht wurden. So bitter und schmerzlich die Ausführungen sind, die mit einem scharfen Messer in die Ehre der nationalen Arbeit schneiden, so hallen wir es doch für unsere Pflicht den Artikel zu veröffentlichen. Furchtbare Dinge geschehen bei uns, .Vorgänge, die die Seele bis auf den Grund erzittern machen, und Alles im Namen der nationalen Arbeit, im Namen des Volkswohles. Jeder Krakehler, jeder Unberufene kann unsere Ehre führen, Dank dem Mangel an Aufsicht und dem Mangel an Mut seitens derer, die imstande waren, die Mißbräuche zu verhindern und es nicht tun. Wie kam Herr Belkind dazu, an die Spitze einer Kolonisation gestellt zu werden, wer sind die Leute, die ihm dazu geholfen und ihn gewählt haben? Wir wissen es nicht! Wir erinnern uns, daß schon im Anfang der „Arbeit" des Herrn Belkind Protest-Stimmen in den Zeitungen gehört wurden. Es protestierte Achad Haham, es protestierten noch andere, aber Herr Belkind tat das seinige und fand auch Förderer und Gönner. Furchtbar ist das Gefühl, das uns bedrückt beim Lesen der Briefe der Waisenkinder, es empört sich das menschliche Gefühl und das Gewisfen. Vor allem ist dabei in erschreckender Weise die Ehre des jüdischen nationalen Werkes kompromittiert. Es erschlaffen die Hände und jedes Vertrauen hört auf, denn worauf kann man noch hoffen und warten, wenn die heiligste Arbeit solchen Händen anvertraut wird. Wir rechnen bestimmt darauf, daß Herr Belkind es für notwendig erachten wird, mit klaren und deutlichen Worten auf unseren Artikel zu erwidern, aber nachdem es schon so weit gekommen ist, werden wir uns mit der Erwiderung eines beteiligten und interessierten Menschen nicht mehr begnügen. Notwendig ist eine Beurteilung von außen durch anständige Zionsfreunde, denen die Sache nahegeht. Diese müssen der Sache ihre Aufmerksamkeit zuwenden und nicht glauben, daß man mit Stillschweigen darüber hinweg gehen kann. Man soll endlich erfahren, daß es eine öffentliche Meinung gibt, die über derartige Dinge zu urteilen hat. Der Artikel „Bitte um Aufklärung" hat folgenden Wortlaut: Das Projekt betreffend die Waisenkinder nach den Märtyrern in Kischenew hat s. Zt. wie bekannt eine abfällige Beurteilung von mancher Seite gefunden. — Unter den Gegnern zeichnete sich vor allem der Schriftsteller Achad Haham aus, der in einem Artikel in „Haseman" Nr. 53 (jetzt im 3-ten Bande seiner gesammelten Schriften abgedruckt) eine vernichtende Kritik über das Projekt geübt und die traurigen Ergebnisse vorausgesagt hat, zu welchen es führen würde. Seine Stimme war jedoch die eines Rufers in der Wüste, denn die Kinder wurden damals doch nach Palästina geschickt und dann sprach man nicht mehr davon, aber Achad Haham hat in seiner Warnung damals schon hervorgehoben, daß man sich merken würde, wer die Urheber dieses Projektes sind, die die Lasten der ganzen Verantwortung tragen und daß man von ihnen eines Tages Rechenschaft verlangen wird für das leichtsinnige Unternehmen. Ich wende mich deshalb hiemit an Herrn Belkind und an die anderen Beteiligten mit dem Ersuchen, Aufklärung zu geben über Einzelheiten, die ich in der Lage war den Briefen der Waisenkinder zu entnehmen, welche Briefe sich in den Originalen bei mir befinden. Wenn auch nur ein Teil der darin erhobenen Klagen wahr ist, so ist auch dann schon eine Aufklärung dringend zu fordern. Die Waisenkinder klagen, daß ihre Briefe einer Zensur seitens des Herrn Belkind unterworfen sind und daher alle Nachrichten, die von der sogenannten Schule gemeldet werden, nur gute sind. Nur durch deu glücklichen Umstand, daß eines der Kinder nach wiederholten dringenden Forderungen seiner Mutter nach Hause nach Kischenew geschickt wurde, gelang es endlich einigen der Waisen, durch diesen Knaben nichtzensurierte Mitteilungen an ihre Verwandten gelangen zu lassen und von welchen ich hier im Original einige Stücke mitteile. (Die mitgeteilten Originale sind im jüdischen Jargon, die vorkommenden einzelnen bekannten hebräischen Worte sind mit einer unglaublichen Menge Fehler geschrieben, so daß ersichtlich ist, daß die Kinder nicht einmal die Anfanasgründe des Hebräischen erlernt haben.) Ein Kind schreibt: „Ich bin heraus von der Schule nicht tot nicht lebendig. Es ist in dieser Schule so bitter) wie einem Tobten im Grabe." (na geschrieben °vraim -op ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.