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Die Wahrheit · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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eeite 8. Die Wahrheit Nr. 12. Wien (Erster Wiener jüdischer Turnverein.) Der erste Wiener jüdische Turnverein veranstaltet am 25. März d. I. im Ballsaale Ronacher ein Kostümkränzchen (ohne Kostümzwang). Herren Ball¬ oder Soiree-Toilette. Saaleröffnung 9 Uhr. Einladungen und Karten (Preis K 2.—) sind im Vereinslokale, Wien, I., Mölkerbastei 5, ferner bei sämtlichen Bereinsmitgliedern, sowie im Cass de France (Schottenring) und Cass Donau (Praterstraße 10) zu haben. Wien. Der „Brigittenauer ifrael. Unterstützungsverein" hielt heuer seine obligate Purim-Maskenredoute Dienstag, den 21. d. M., im Prachtsaale des Hotel Continental ab. Der Obmann des Vereines, Herr Adolf S chr e i b e r, eröffnete den Abend mit einer Ansprache, indem er alle erschienenen Gäste, insbesondere aber den schönen Damenkranz, herzlichst begrüßte. „Es ist eine schöne jüdische Sitte" — so führte er aus — „niemals sich zu freuen, ohne der Armen und Notleidenden zu gedenken, und darum sei Allen für die Opfer, welche sie auf den Altar edler Menschlichkeit niedergelegt, der innigste Dank gesagt. Unter den Klängen der Kapelle Emil Bauer begann hierauf der Tanz, den Herrn Carl Durand arrangierte. Gegen 1 Uhr nachts wurde ein Kotillon arrangiert, der in einer sinnigen Ovation für Herrn Schreiber kulminierte, welcher für sein humanitäres Wirken lebhaft akklamiert wurde. Sodann gelangten drei Schönheitspreise und 7 Gruppenpreise zur Verteilung. Den ersten Preis, eine goldene Damenuhr, errang Frl. Regine Beck, der zweite Preis, goldenes Armband, fiel dem Frl. Bertha Löwy, der dritte, goldener Ring, dem Frl. M. Klamper zu. Von den hierauf mit je K 20, 10 und 5 prämiierten 7 Gruppen sind besonders die musizierende Gruppe „Espaniola" (6 Herren und 1 Dame) erster Preis, und „Wachand Schließgesellschaft" (5 Damen) zweiter Preis, ihrer Originalität wegen zu erwähnen. Die geistige Urheberin dieser letzteren Gruppe ist Frau Frieda Kaiser. Von Einzelmasken fielen aus: Frl. Mathilde Großmann als Geisha, Frl. Josefine Pordes, „Süßes Maedl", Frau Frieda Kaiser, Domino aus rosa Seide mit schwarzer Spitzengarnierung, Hcnritte Goldsand, Bäckerbursch, die Wr. Pilger, (Gruppe von 3 Herren) Couleurstudentinuen (Gruppe von 3 Damen). Nicht unerwähnt darf auch die hübsche Damenspende bleiben. Alles in allem, war dies ein überaus schönes und recht animiertes Pnrimfest. N. Ch. Floridsdorf. (Ch ewra Kadischa.) Wie alljährlich fand auch dieses Jahr seitens der Chewra-Kadischa, Dienstag, den 14. März -nk'T abends 5 Uhr, eine Gedächtnisfeier statt. Herr Bezirksrabbiner,Dr. Rosenmann gedachte in seiner Rede der im v. I. dahingeschiedenen Mitglieder und schilderte die umfassende und segensreiche Tätigkeit dieses Vereines. Möge den Herren Max N e u m a n n, Obmann der Chewra Kadischa, G. Dukes, Obmann-Stellvertreter und I. E p l e r,Kontrolor, die um das Blühen und Gedeihen des Vereines eisrigst bestrebt sind, noch eine lange Reihe von Jahren gegönnt sein, ihres Amtes zu walten. Floridsdorf. Herr Philipp Lebovitsch, Oberkantor in Nachod, hielt vergangenen Samstag einen Probevortrag in unserem Tempel, wobei er allgemeinen Beifall seitens der Gemeindemitglieder gefunden hat. Lemberg. Am 7. d. M. fand in der sogenannten Fortschritts- Synagoge um 6 Uhr abends eine Trauerandacht für den plötzlich verstorbenen Landesadvokaten Heinrich Gottlieb statt. Der Heimgegangene war viele Jahre hindurch bis zu seinem Tode ein würdiges Mitglied des hiesigen Kultusvorstandes und darum hat auch dieser Vorstand die Trauerfeier veranstaltet. Ein Kritiker nannte diese Erscheinung eine traurige Andacht, da diese gerade am zweiten Tage des Neumondes Adar II. anberaumt worden ist, an einem Tage, an welchem es rituell verboten ist, eine Trauerfeier abzuhalten. Wahrscheinlich haben die gelehrten Herren Vorsteher, unter denen auch streng konservative Mitglieder sind, sowie der ebenso gelehrte und würdige Tempelrabbiner Dr. I. Caro es vergessen, den Kalender zu Rate zu ziehen. Freilich hat der rühmlichst bekannte Oberrabbiner von Prag, Ezechiel Landau s. A., festgestellt, daß es bei einem Leichenbegängnis einer würdigen Persönlichkeit gestattet ist, einen paffenden Nachruf auch an solchen Tagen zum Ausdruck zu bringen, an denen es rituell verboten ist, Trauerknndgebungen zu veranstalten, also nur bei einem Leichenbegängnis, welches doch nicht verschoben werden kann. Die genannte Feier konnte aber ja nach Roschchodesch stattfinden. Viele fanden es auffallend, daß der Oberkantor Js. Halpern, der nicht nur wegen seiner trefflichen Vortragsweise allgemein beliebt sondern auch auf dem rituellen Gebiete heimisch ist und dazu bedeutendes Wissen im Talmud besitzt, auf die rituelle Vorschrift nicht aufmerksam gemacht hat. Wahrscheinlich hat er, der doch als Fachmann bei den gottesdienstlichen Handlungen in der Synagoge zugezogen werden sollte, kein Votum. Einige schadenfrohe Konservative machten sich über diese Taktlosigkeit, sowie über die Trauerandacht zum Andenken des unvergeßlichen Maimonides am Freitag Abend (die noch dazu nicht am Todestag statigefunden — und zwar mit Melodien der katholischen Kirche) recht lustig. Aber strenge genommen ist es recht traurig, daß ein Kahal der Großgemeinde Galiziens eine antiritnelle Handlung begeht. Petersburg.. Der bekannte Judenhetzer und Redakteur des „Beffarabez", Kruschewan, ist, wie dem „Nowosti" aus Kischinew gemeldet wird, wegen Verleumdung zu 40 Tagen Gefängnis verurteilt worden. AeS Wekach Korgel. Eine Purimgeschichte von Armi« Wilkowitsch Reb Melach Gorgel war eine unscheinbare Persönlichkeit, und ich fände wirklich nichts besonderes von seinem Lebenslauf zu erzählen, wenn sich nicht an seinen Spitznamen eine solch drollige Geschichte lüpfte. Doch bevor ich diese Geschichte erzähle, will ich meinen lieben Lesern in kurzen Umrissen das Leben ütid Tteiben dieses Mannes schildern. Reb Melach war ein blutarmer Jude, seines Zeichens Flickschneider. Seine bessere Ehehälfte, hieß Tirzeh und wegen ihrer Unfruchtbarkeit er-- hielt sie den Beinamen „Akore". Reb Melach war ein großer Verehrer von Fleischspeisen und' er hatte den herumirrenden Israeliten in der Wüste nicht Unrecht geben können, daß sie mit Wehmut der Fleischtöpfe Mizraims gedachten. Er pflegte zu sagen: „Fleischspeisen sind Gan-Eden-Speisen", jedoch die Erlangung dieser Herrlichkeiten blieb dem armen Manne für sein Lebenlang versagt. Ein Pfund Fleisch kostete wohl nur 12 Kopeken (ca. 28 Hellerallein 12 Kopeken verdiente er manchmal in zwei Tagen nicht. „Ja die Flickschneiderei ist ein elend schlechtes Handwerk," beteuerte oft Reb Melach, „Reb Mosche, der Schulgabai, der 20.000 Rubel sein eigen nennt, läßt sich auf seinen Stadtpelz keinen Fleck nähen, Mosche, der Sandführer, aber kann mich für meine Kunstarbeit nicht nach Gebühr besolden." Die ganze Woche also mußte sich Reb Melach zum Mittagessen mit Hülsenftüchten oder Kartoffeln zufriedengeben; zum heiligen Sabbath aber oder zu den „besseren" .Feiertagen kaufte er bald einen Rindsfuß, bald ein Ohrenpaar oder dergleichen, damit der heilige Tag nach Gebühr gefeiert werde. Es war an einem Esther-Tainis, des Morgens nach dem Schacharis- Gebete, als Reb Melach mit einem Jubelschrei in sein Haus stürzte:, „Guck Tirzeh!" jauchzte er, „ich habe eine gewaltige Mezie gemacht, habe eine ganze Kälbslunge um 16 Groschen (8 Kopeken) gekauft. Soll mir Gott so helfen, eine große Mezie! Wir werden die Gorgel morgen abends zur Sude haben, die Länge aber setzen wir Schabbes in Scholet." Tirzeh betastete das Kalbsbenschel, drehte es nach allen Seiten, roch dann daran und bestätigte endlich die Tatsache, daß ihr Mann wahrlich eine Mezie gemacht habe. Der Tag ging zur Neige. Die frommen Leute der Gemeinde B., die sich den ganzen Tag durch das Fasten kasteit hatten, gingen nun in das Gotteshaus, um die Erzählung „Esther" aus dem Munde des „Koreh" zu vernehmen und Trost und Zuversicht auf Gottes Hilfe zur Zeit der Not ans dieser Geschichte zu schöpfen. Man lauscht auf die Worte des Vorlesers, als würde man heute zum erstenmale die Erzählung hören. Bei der Nennung des Namens Haman poltert die Zuhörerschaft mit den Füßen, die Kinder drehen leidenschaftlich ihre Ratschen und „Kalikotkes" (ein Polterzeug, das aus Hämmern zusammengestellt ist.) Jeder atmet erleichtert auf, daß der Rachegott die Bedränger Israels vertilgt, sie zu Spott und Schande macht, und ein neues Hoffen drängt sich in der geknechteten und gepeinigten Brust, ein. Hoffen: Vielleicht erbarmt sich Gott bald wieder seiner hartgezüchtigten Kinder Israel. ... Der Gottesdienst war zu Ende und die fromnien Beter gingen nachhause, um nach vierundzwanzigstündigem Fasten Nahrung zu sich zu nehmen. Doch das Mahl ist nach dem Megilehlesen nicht gar zu üppig: Eine Hamantasche (ein dreispitziger Mohnkuchen) und ein Glas Tee, und alle Gänge sind abgetan. Erst am Purimabend geht die große Sude vor sich. . . . Bor der Tempeltüre standen viele Orchim und harrten auf die Einladung zum Sudemahle seitens der heimgehenden Balebattim. Und sie harrten nicht vergebens! Ist doch die Mildtätigkeit und Gastfreundlichkeit bei keinem Volke auf Erden so wie bei den Juden ausgeprägt. Auch Reb Melach winkt einem Orach, ihm zu folgen. Der Orach verneigt sich ehrfurchtsvoll und wünscht seinem Gönner: „Gut 3orn-to^v!" Am Wege ftug, wie schon üblich, Reb Melach, den Orach, nachdem er ihm „Scholomalechem" geboten hatte, von wo und was er sei.--- Im Hause. Reb Melachs trug sich indessen eine fürchterliche Geschichte zu. Tirzeh hatte nämlich die Gurgel so lange kochen lassen, bis sich die Ringlein auseinanderlösten, und so kam es, daß schließlich die Ringlein auf der Oberfläche der Suppe schwammen. Sie kostete eins, noch eins, noch eins und noch eins, ruderte dann mit dem Kochlöffel in dem Topf herum und starr vor Schreck entdeckte Tirzeh, daß der Topf kein einziges Ringlein mehr beherbergte. „O weh, o weh! was wird mein Melach dazu sagen!" stöhnte nun die Sünderin. Aber wie sagt der weise Salomo: „Äsnwos Io juchol l’sakken" (ein Verdorbenes kann nicht wieder gutgemacht werden). Tirzeh wurde vor Schrecken bleich, als sie an der Seite ihres Mannes noch einen Orach eintreten sah. Ihr kam aber gleich ein glücklicher Gedanke. Sie ging auf ihren Mann zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Du brachtest einen fremden Menschen zu Gaste und ich schäme mich, das Messer am Tische ist ganz rostig!" Reb Melach nahm richtig das Messer und ging zur Schwelle, um es abzuwetzen. Tirzeh eilte zum Orach und rief ihm drohend zu: „Entlauft, Reb Orach! Um Gotteswillen! — Mein Mann will Euch die Gorgel abschneiden!" Der Orach stand auf und lief in Todesangst davon. Reb Melach fragte ganz verwirrt seine Tirzeh, was eigentlich geschehen sei, worauf die Listige scheinbar erregt erwiderte: „Der Orach hat die Gorgel erwischt und ist damit auf und davon. Reb Melach lief mit dem Messer in der Hand hinaus und rief mitallen Kräften: „Gebt die Gorgel her!" Der Orach aber schrie: „Na, na, ich geb' meine Gorgl nischt her!". Schon nach einigen Tagen erzählte man in dem Städtchen die Geschichte von der Gorgel, und Reb Melach erhielt für ewige Zeiten den Spitznamen: „Reb Melach mit der Gorgel!"

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