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Die Wahrheit · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr.. 12. Die Wahrheit Lette s. das Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben" nicht auch eines von den zehn Geboten? Ist bei dem Götzenkultus der Babylonier eine solche Aeußerung gerechtfertigt? Und die Nächstenliebe, von der bereits der Buddhismus ein halbes Jahrtausend vor dem Christentum glänzende Beweise gegeben, sie sollte vor der Bibel in Babel schon einen mehr als bei dem Judentum vorhandenen Universalismus geatmet haben? Kennt Professor Delitzsch nicht Kapitel 13 im Propheten Jesaias, den Ausspruch über Babylon nicht, wo ihn Vers 11 eines besseren belehren könnte, in dem die Grausamkeit, der Tyrannengeift Babels Ausdruck findet. Und ist es Wahrheit, daß das Sittengesetz der Nächstenliebe bei den Juden sich auf die Angehörigen des eigenen Volkes beschränkt, wenn, abgesehen davon, daß (Leviticus 19, 18) der „Nächste", „Reau, den Delitzsch und seine Freunde mit ..Volksgenossen" übersetzt, der zu lieben ist, sich genau wiederfindet in Exodus 11, 2, wonach der Egypter als „Nächster", „Rea“, bezeichnet wird, abgesehen hiervon, ist Professor Delitzsch denn unbekannt, daß der Israelit ein Recht hatte für den Fremden wie für den Einheimischen, nach dem Wortlaut seiner Bibel, Lev. 24, 22, daß er „den Fremden lieben sollte wie sich selbst" nach Lev. 19, 34, daß also die Nächstenliebe in Israel den höchsten Universalismus erreicht hat? Wozu einem Gelehrten wiederholen, was tausendmal mit dem Hinweis auf die Urschrift der Bibel ausgesprochen wurde. ..Es darf nicht geduldet werden, daß auch die Tugend der Nächstenliebe zu einem Monopol des israelitischen Volkes gestempelt werde." Auf diese Worte hier verweise ich die Vergötterer Delitzsch' auf die Humanitätsgesetze der Bibel, die die Sklaverei verpönt, die die Menschenrechte proklamiert und sie ausnahmslos angewendet wissen will (siehe Exod. 21), auf die Verbote der Kränkung von Fremdlingen, Witwen, Waisen, auf die Verbote des Wuchers wie der Pfändung des Notwendigsten, auf die Verbote sich zu rächen (Lev. 19 und Deuteronomium 22), wo selbst gegen des Feindes Tier Schonung geboten wird:, 5. Wenn Herr Prof. Delitzsch die alttestamentliche Verspottung der babylonisch-assyrischen Gottheiten beim 2. Jesaia als ein „Kleben an der äußerlichen Gottheit" hinstellt, so trifft dies durchaus nicht zu, denn es handelt sich den Propheten nicht um Spottsucht gegen steinerne Götzen, sondern um die Blödigkeit und die Unvernunft der vom Monotheismus abtrünnigen Juden genau so zu brandmarken, wie es Moses in seinem poetisch schönen Schwanenliede getan. Es handelte sich also nicht um etwas Aeußerliches, sondern um die Grundsätze des mosaischen Gesetzes, welche auch im neuen Testament als solche anerkannt wurden. Auf die Frage, welches ist das Hauptgebot im Gesetz, antivortet Christus: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig." Damit fällt auch die These im dritten Babel- Bibel-Vortrage: ..Zahlreich find die Spnren, die darauf hinführen, daß gleich den Philosophen Griechenlands und Roms, auch die tieferen Denker Babyloniens hinter der Mannigfaltigkeit der Einzelgottheiten die ideelle Einheit der Gottheit ahnten," Denn, daß die Einzelgottheiten ideelle Kräfte und moralische Mächte darstellen, das ist eine philosophische Ansicht einzelner. Der Gesamtheit der Heiden galten sie als wirkliche Götter, vor denen man das Knie beugte, zu denen man betete, weil man in ihnen nicht Ideen und Kräfte, sondern die Personifizierung allvermögender Gottheiten erblickte. Und dann gibt ja Delitzsch selber zu, daß, wie in Griechenland und Rom es Philosophen gab, die sich zu einer ideellen Gotteinheit aufzuschwingen vermochten, so haben tiefere Denker auch in Babylon sich über die Durchschnittsmenschen erhoben. Allein die Gesamtheit blieb hiervon völlig unberührt, und nur äußerst geringe war der Einfluß solcher Jdealgestalten auf das Gesamtvolk. Im Judentum dagegen wandte sich das Bekenntnis der einen Gottheit seit den Tagen Mosis nicht an Einzelne, Auserwählte, sondern an die Gesamtgemeinde, deren jedes Einzelglied dies Bekenntnis mit einem religiös-sittlichen kategorischen Imperativ eingeleitet hat, nämlich mit dem Worte: „Höre Israel!"*) *) Man vergleiche meine vorjährige Abhandlung gegen Delitzsch: Der J. H. W. R.-Fund von Babel in der Bibel. Der Schluß über den Schlußvortrag von Friedrich Delitzsch lautet: „Nachdem der deutsche Kaiser in jenem vielberufenen Briefe an Admiral Hollmann sich die Konsequenzen der Grabungen für das neue Testament verbeten hatte, hat Delitzsch diesen Schlußvortrag nicht in der deutschen Orientgeseüschaft gehalten. Diese Folgerungen aber lassen sich natürlich nicht abweisen; sie antworten mit dem geächteten Luther auf die Frage, wo sie denn nun zu bleiben gedenken, nachdem der Kaiser ihnen das doch verwehrt: „Wir bleiben unter dem Himmel." Dieser Schlußsatz enthält eine Wahrheit: Wir bleiben unter dem Himmel, denn um den Himmel in seiner Höhe zu ersteigen, bedarf es jener unanfechtbaren Wahrheit, die als das Siegel der Gottheit bezeichnet worden ist. Die himmelstürmenden Babel- und Bibelhypothesen aber stehen weit ab von der Wahrheit Himmel, so weit, daß das Wort des Propheten Jesaias 55, 9 auf sie zutrifft: „So erhaben hoch der Himmel über der Erde ist, so erhaben hoch sind meine Wege über die Euren und meine Gedanken über Eure Gedanken. Wahrlich, das ist die Wahrheit: Wir bleiben unter dem Himmel." Indische Solidarität. Bortrag gehalten in der Jüdischen Toynbee-Halle am 19. März 1905. Bon Hermann Berliner. In der Rüstkammer der Judenfeinde befindet sich eine Waffe, die bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit gegen das Judentum geschwungen wird, sie heißt: Jüdische Solidarität. Diese soll es verschuldet haben, daß die ganze Welt den Juden tributpflichtig sei, und es müsse daher — so argumentieren unsere Feinde — alles aufgeboten werden, ein solches Joch abzuschütteln. Der Krieg zwischen Rußland und Japan sei nichts als eine jüdische Machination, um den gegen die Juden in Rußland begonnenen Vernichtungskampf abzulenken. Daß Rußland zum Kriegführen kein Geld mehr — oder nur unter schweren Bedingungen — erhalten könne, haben ebenfalls nur die Juden verschuldet, lind so geht es weiter. Kurz: wo in der Welt etwas passiert, das dem einen oder anderen Staate von Nachteil ist, überall sind es die Juden, denen die Schuld zugemessen wird; und immer ein vollgehäuftes Maß. Eigentlich sollten wir nun auf solches Uebergewicht stolz sein. Und wir dürsten es sogar, weyur.-ja wenn das, was unsere Feinde behaupten, wahr wäre. Leider aber ist es nicht wahr, und mit Scham müssen wir es gestehen, daß nicht nur das Jüdische im Judentum, sondern unser Palladium, das Solidaritätsgefühl, welches unsere Feinde uns andichten und das in der Tat früher einmal bestanden hat, nicht nur immer mehr zu schwinden droht, sondern kaum noch den Namen Solidarität verdient. Und doch bildet sie die Basis unseres ganzen Volstumes; und doch ist sie allein das Geheimnis unseres Bestehens, trotz einer 2000jährigen Bedrückung ohnegleichen in der Geschichte; und doch sollte jener Ruf des sterbenden Patriarchen, als er an seinem Sterbelager von seinen Söhnen Abschied nahm: „Sammelt Euch und haltet zusammen", der Leitstern der jüdischen Nation sein und bleiben! Die Juden feiern drei Freiheitsfeste, in denen neben den religiösen Momenten die nationalen in so wunderbarer Weise zur Geltung kommen. Zum Beginne des Winters das C h a n u k a f e st, an dem das religiöse Moment zwar überwiegt — denn der Zweck von Juda Maccabis opferfreudiger Schar galt ja in erster Linie der Wiederherstellung des religiösen Judentumes — das aber niemals den nationalen Charakter abstreifen konnte, weil es unseren Vorfahren neben dem Judentum auch dem jüdischen Volkstum galt. Am Ende des Winters das Freiheilsfest, das Geburtsfest unseres Volkes, dessen Opfer der Verbindung des Religiösen mit dem Volklichen gegolten. ..Kein Fremder soll davon zehren," so lautet das Opfergebot. Und dazwischen unser Freuden - Volksfest, Purim. Es bildet den ewigen Mahnruf an das jüdische Bock,

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