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Die Wahrheit · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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eeiie 4. Die Wahrheit Nr. 11. Mtzland «nd die Anden. Verachtet, verschütt und verfolgt sind die Juden in Rußland, der Fluch von Generationen lastet auf ihnen. Hunderte von ihnen mußten den Märtyrertod erleiden, und gerade jetzt dringt wieder die Kunde zu uns, daß in Rußland Judenkrawalle befürchtet werden. Befürchtet?! Befürchtet wirklich die Bureaukratie Rußlands die Judenkrawalle? Hat nicht gerade sie in Momenten, wo das Gemüt des Volkes durch Wilkürsakte gereizt war, in Momenten wo Mißernten und niedere Löhne das Volk erregten, die Volkswut auf die Juden gelenkt. Ein Ventil für die Volksleidenfchaft: „Die Juden haut! Sie sind schuld, daß die Ernte schlecht war; sie verschuldeten die niederen Löhne! Haut Sie!" Ich verweise nur auf Kischenew, wo die Volksmassen unter dem Vorwand, daß die Juden an dem schlechten Geschäftsgänge schuld seien, diese mordeten und ausplünderten. Und sie, die armen Opfer dieser Hetze, wie vergelten sie das ihnen angetane Unrecht? Rächen sie die Opfer aus ihren Reihen? Nein! Sie sehen in den Greueltaten ein Strafgericht Gottes und niederer beugen sie sich und fatalistisch lassen sie alles über sich ergehen. Doch die Anstifter, die Befürworter der Mordtaten, die Büreaukratie, das Beamtentum erreicht die Nemesis. Wie ein Orkan, der sich erhebt und über die Landschaft dahingeht, alles entwurzelnd und zerstörend, so erhebt sich jetzt die Revolution in Rußland. Das lang niedergedrückte und gejochte Volk steht auf, will auch seinen Teil an der Verwaltung, an der Regierung haben. Und nicht nur der niedere Stand ist es, der fordert, fordert nicht nur im Bewußtsein des Stärkeren, nein, der ganze Adel, das Lehrertum, überhaupt die ganze Intelligenz, sie alle fordern.-Und wiederum versuchten die leitenden Kreise auf die Juden hinzuweisen, damit diese als Sündenbock das Ziel der Volkswut würden. Wie die Tagesblätter meldeten, ließ General Trepow, der Diktator von Petersburg, eine Abordnung der reichen Juden der Hauptstadt zu sich berufen, um ihnen aufzutragen, auf ihre armen Glaubensgenossen im ganzen Reiche einzuwirken, daß diese an den Unruhen nicht teilnehmen, da er sonst sie (die reichen Juden) zur Verantwortung ziehen würde. Ein Doppelhieb! Denn was wollte Trepow damit bezwecken? Erstens — um im Auslande glaubhaft zu machen, daß die ganze Bewegung von Juden inspiriert sei, wie es ja unsere Antisemiten-Presse behauptet, zweitens — und dies ist der Hauptgrund, um einen plausiblen Grund zu haben, das Volk auf die Juden hetzen zu können. Es hätte nach bewährtem Rezept einfach geheißen: „Die Juden sind schuld, daß ihr keine Verfassung habt, sie bestachen die Kosaken, um in Petersburg auf euere Brüder zu schießen!" Und wiederum hört man, daß der berüchtigte Krus chewa n, der Jnszeneur der Kischenewer Mordtage, in Odessa eintras, wo er Proklamationen verteilen ließ, in denen er das Volk aufforderte, sich der „Fremden", der Juden, zu entledigen. Die Odessaer Polizei befürwortete diese Proklamationen. Nehmen aber die russischen Juden an den Unruhen wirklich teil? Nein! Es sei denn, daß ein verschwindender Teil, diejenigen, die in den Fabriken als Industriezentren, als Arbeiter tätig sind, auch einen Teil der Unzufriedenen stellen; daß der russische Jude ein hingebungsvoller, anhänglicher Untertan ist, bemerkte selbst der gewesene Minister des Innern Fürst Swiatopolsk-Mirsky gegenüber einer Deputation der gesamten Judenschaft Rußlands. Aber nicht nur im Innern Rußlands tobt der Kampf, auch im fernen Osten, auf den Gefilden der Mandschurei, streiten Rußlands Armeen. So mancher russische Soldat erlitt hier den Heldentod, so manches Vaterauge schloß sich; tausende von Kilometern von den Seinen entfernt, für immer. Und diejenigen Psychologen, die da behauptet hatten, der Jude könne kein Soldat sein, weil ihm die Begeisterung, der Mut fehle, sie alle werden angesichts der Heldentaten, des Heldentodes so vieler jüdischer Soldaten, Lügen gestraft. . Doch es drängt sich uns die. Frage auf: Welchen Einfluß wird , der beendete Krieg aus die Verhältnisse, auf die Lage der Juden; in Rußland ausüben? Werden die harten Ausnahmsgesetze, die sie bedrücken und sie zu Menschen letzter Kategorie machen, aufgehoben werden und ihnen, wenn auch nicht die Wohltat der Gleichberechtigung, so doch eine lebenswürdige ^istenz sichern, oder wird ihre Lage stationär bleiben? Wir glauben das Letztere. Wohl werden einige Ausnahmsgesetzc ausgehoben werden, aber diese, wie bisher immer, nur zu Gunsten der besitzenden Klasse. Der Masse aber, den von der Hand in den Mund lebenden armen Juden wird damit nicht geholfen sein. Doch langsam wird endlich auch im russischen Volke die Erkenntnis heranreifen, daß auch ein Jude das Recht hat zu leben, zu leben wie jeder Andersgläubige, wie überhaupt jedes von Gott geschaffene Geschöpf; dann werden auch für Rußland bessere Tage anbrechen, und selbstlos werden alle zum Wohle des Reiches arbeiten, um es von der Tiefe, auf die es jetzt gesunken ist, zu heben, emporzurichten auf die Höhe der Zivilisation! Albert R o s e n b a u m. Ans der Wiener Kultirsgemeinde. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 12. März 1905 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. (Beginn 10 Uhr vormittags.) Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben des Rabbiners S- F ü r st für das ihm anläßlich des Hinscheidens seiner Gattin ausger sprochene Beileid des Kultusvorstandes; ein Dankschreiben zahlreicher Gemeindemitglieder für die Veranstaltung von Vorträgen aus jüdischer Geschichte wird zur Kenntnis genommen und gleichzeitig beschlossen, den Herren, welche in dieser Saison in uneigennütziger Weise Vorträge gehalten haben, den Dank des Knltusvorstandes auszusprechen. — Vorgelesen wird der Erlaß des Ministeriums des Innern vom 31. Jänner 1905, mit welchem die Beschwerde des Kultusvorstandes über die nur für christliche Bewerber erfolgte Ausschreibung einer Berwalterstelle der Landesanstalt in Bad Hall (Ober-Oesterreich) wegen Inkompetenz dieses Ministeriums rückgemittelt wird. Zum Vertreter der Israel. Religion im niederösterreichischeil Landesschulrate wird für die Funktionsperiode vom 1. Juli 1905 bis 30. Juni 1911 der bisherige Vertreter Vizepräsident Dr. Gustav Kohn vorgeschlagen. Zum Mitgliede des Bethausvorstandes für den XVIII. Bezirk wird auf Grund des Vorschlages von Vertrauensmännern Herr Edmund Kohn ernannt. Als Mitglied des Kuratoriums der M. L. Biedermann'sch en Waisenstiftung wird Professor Hofrat Dr. Josef Freiherr Schey von Koromla berufen. Zum Primarärzte der israelitischen Versorgungsanstalt wird Dr. Moriz Inseld ernannt. Der Präsident bringt zur Kenntnis, daß in Angelegenheit des Stadtratbeschlusses vom 22. Feber 1905, wonach in den Wiener Schlachthäusern das Schächten, beziehungsweise die Schlachtung, ohne vorherige Betäubung ausnahmslos verboten werden soll, die notwendig scheinenden Schritte unternommen wurden. — Der Präsident weist insbesondere darauf hin, daß die Frage des Schächtverbotes bereits wiederholt die höchsten Instanzen beschäftigt habe und bringt den Erlaß des Ministeriums des Innern in Erinnerung, mit welchem eröffnet wurde, daß die im Jahre 1888 über die bei den Israeliten übliche Methode des Schächtens der Schlachttiere durchgeführten Erhebungen zu dem Ergebnisse geführt hatten, daß wenn alle Bestimmungen des Rituales erfüllt werden, in der Methode des Schächtens eine tierquälerifche Handlung nicht gefunden werden kann, daher auch für das Ministerium des Innern eine Veranlassung nicht vorliegt, um gegen dieselbe cinzujchreiten; ebenso die Entscheidung des Berwaltungsgerichtshofes, daß die Nichtgestattung des Schächtens mit der den anerkannten Religionsgcsellschaften staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Glaubensfreiheit und Religionsübung (Art 14 und 15 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867 R. G. Bl. Nr. 142) und ebenso mit der Bestimmung des § 25 des Gesetzes vom 21. März 1890 R. G. Bl. Nr. 57 über die äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft, wonach die freie Betätigung der religiösen Ueberzeugung insbesondere auch in ritueller Beziehung nicht behindert werden darf, im Widerspruche stehen würde. Es dürfe wohl der Erwartung Ausdruck gegeben werden, daß der nunmehr von Neuem beabsichtigte Eingriff gleich früheren derartigen Versuchen erfolglos bleiben werde. Die diesjährigen Erträgnisse der Dr. Adolf Sacks'scheu Herzkrankenstistung im Gesamtbeträge von X 8316, werden konform den Anträgen des Referenten Dr. Schnabl, die Erträgnisse der Dr. Adolf S a cks'schen Technikerstiftung im Gesamtbeträge von X. 8400. konform deu Anträgen des Referenten Baurat Stiaßny verliehen. Subventionen, bezw. Subventionserhöhungen, werden bewilligt: Dem jüd. Privatgymnasium in Ung.-Brod X 600 für das Schuljahr 1094—5; dem Tempelvereine im X. Gemeindebezirke Favoriten; dem Vereine zur Veranstaltung von Jugendgottesdiensten an den hohen Feiertagen „Tefilas-Haneorim"; der L. D. Königsberg'schen Mädchen- I schulstistung. Behufs erhöhter Beaufsichtigung der jüdischen Findelkinder

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