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Die Wahrheit · 1905-03-17 · Heft 11 (17.3.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aßrßeit atebaftion 11. Slbmiiiiftiation: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Si’lfjibüH Dir. '•er Druckerei 15302 JnVtvatK 20 £>rii. per Nonpareille-Zeile. LlvoiuiemeillSu. JuselliouS» betrüge ftiib in Wie» zahlbar mtb klagbar. Heiischrist für jüötsche »ntcrejjfcn. E r sch eint jeden Kr eilag. Noilo: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ I Dexngspirei»: jj Äaiizjayrig ... ff. i»._ |! Halbjährig ... ff. 6— i Für Cilltusbeamte: j Äauzjährig ... ff. tu.— : Für Ausland: | lÄauzjährig ...» Mark, j 6 Rubel oder io FcS. jtr. II. Wien. 17. März_11)05. Inhalt: — Aus der Woche. — Die Juden in Rußland. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Die Zukunft des ungarischen Israel. — Die jüdischen Kolonien in Argentinien. — Mischehen. — Verschiedene Nachrichten. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. — Aus dem österr.-ungar. Kantoren-Bereine. Ans der Woche. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Ich habe mit Interesse die Bemerkungen gelesen, die Sie über das gegenwärtig im Raimund-Theater gespielte Stück, „Schmelz, der Nibelunge", machten. Es ist wirklich empörend, daß ein Dramatiker einen jüdischen Studenten, der von seinen Glaubensgenossen als Auswürfling betrachtet würde, als einen sympathischen S chwärmer und idealen Humanitätsapostel hinstellt. Kein Vernünftiger wird Herrn Adamus, dem Autor dieser Komödie, das Recht bestreiten, einen Lumpen von jüdischen Studenten auf die Bühne zu bringen, aber man wird Protest dagegen erheben dürfen, daß dieser Lump als Ehrenmann ausstasfiert erscheint. Gewiß gibt es — unser politisches Leben kennt solche Gestalten — auch geborene Juden, die da glauben, durch die Taufe sogar das Recht erworben zu haben, als Antisemiten auszutreten, aber wem wird es einfallen, in solchen Subjekten edle Repräsentanten des Judentums zu erkennen? Das Werk des Herrn Adamus bedeutet aber meines Erachtens umsomehr ein Attentat auf die Ehre des Judentums, als der Autor, wie versichert wird, selbst ein Abkömmling von Juden ist." Eine zweite Studenten-Komödie mit gleichfalls bitter-traurigem Hintergrund bot der Hochschultag deutscher Studenten, welcher vor einigen Tagen in Wien abgehalten wurde. Die jungen Herren, die Deutschtum jetzt identisch mit Antisemitismus halten, nähern sich dem russischen Standpunkt in der Judenfrage: sie. stellten die Forderung auf, daß die Juden nur im perzentuellen Verhältnis zu den arischen Staatsangehörigen zu den Universitätsstudien zugelassen werden sollen. Nicht Talent, Neigung und freier Wille sollen den Weg zum Studium bezeichnen, sondern — unbekümmert um die Staatsgrundgesetze, die die Antisemiten immer mit Füßen treten müssen — das „perzentuelle Verhältnis". Die „idealen" jungen Herren schwärmen für das „perzentuelle Verhältnis" natürlich nur in jenem Falle, wo es den Juden unbequem, lästig und hindernd sein kann. Die Forderung, daß man z. B. in Wien jüdische Beamte, Lehrer rc. bei Anstellungen und Avancement in dem Maße berücksichtige, welches dem „perzentuellen Verhältnisse entspräche, diese Forderung zu erheben, wäre den deutschen Jünglingen nicht im Traume eingefallen. * * Die Antisemiten, die mit Stolz den Dreschgrasen Pückler zu ihren Führern zählen, weil er schließlich als der Abkömmling eines alten Adelsgeschlechtes anerkannt werden muß, werden wenig davon erbaut sein, zu erfahren, wie ein echter Geistesaristokrat aus der Familie Pückler, der berühmte Verfasser der „Briese eines Verstorbenen", Fürst Hermann Pückler- Muskau, über die Judenfrage dachte. Dieser glänzende Schriftsteller erklärte im Jahre 1834, daß er, seit er zu Verstand gekommen, nie einem gebildeten Juden begegnet sei, ohne sich gewissermaßen vor ihm zu schämen, indem er lebhaft fühlte, „daß nicht wir zur Verachtung seiner Glaubensgenossen, wohl aber er zur Verachtung der unserigen, das Recht habe". Der Dreschgraf Pückler, der sich kürzlich einer Gerichtsverhandlung mit dem Hinweis aus seine hochgradige Nervosität entzog, könnte in einem lichten Moment, eine Variante zu diesem Ausspruch des Fürsten Pückler-Muskau liefernd, erklären: „daß seit er von Verstand gekommen, — Antisemit geworden sei." * * * Herr Dr. Lueger wird angeblich seinen nächsten Urlaub zu einer neuen Romreise benützen, um den Papst über den Streit zwischen den Konservativen und den Christlich-Sozialen in Oesterreich zu informieren. Der Herr Bürgermeister könnte eines kuriosen Empfanges gewärtig sein, wenn vorher der Papst darüber informiert wäre, daß Dr. Lueger der Führer einer Partei ist, die es mit ihrem Christentum vereinbar findet, einen Fürsterzbischos als — „Juden" zu beschimpfen.! * | Aus Paris und aus London kommen Berichte, welche die! Fortsetzung des menschenmordenden Krieges zwischen Rußland j und Japan als unmöglich hinstellen, da die Hochfinanz zu keinen! russischen Anleihen mehr zu haben sei. Zum Kriegführen gehört l gewiß, wie schon das berühmte Wort Montecucculis besagt: j Geld, Geld, Geld. Es ist daher wirklich jammerschade, daß die! Kapitalsmächte nicht, wie dies in allen antisemitischen Zeitungen und Versammlungen mit rührender Einhelligkeit behauptet wird, „echt jüdisch" sind. Wären die herrschenden und entscheidenden Finanzmänner wirklich „Juden", Rußland hätte längst die Waffen strecken müssen. * * * Paul Heyse feiert dieser Tage seinen 75. Geburtstag. Der Dichter, der die deutsche Literatur mit einer langen Reihe herrlicher Werke bereicherte, dürste von den Antisemiten getrost ' als Beweis für die „Verjudung" des deutschen Volkes angeführt! werden. H e y s e s Mutter war jüdischer Abstammung.

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