Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 10. Psalm 30 und darauf begrüßte der Obmann Herr Leopold G o l d die Erschienenen und zollte besonderen Dank dem Obmann-Stellvertreter Herrn David G o tli b für seine eifrige Bemühung um die gute Sache. Vorsteher L ö b l dankte dem Kultusvorstande für die regelmäßig gewährte Subvention uird appelierte an die Opferwilligkeit der Mitglieder. Die Festrede hielt Herr Rabbiner M a y e r s o h n, der die Bedeutung des'Bethauses als Einigungsmittel hervorhob und die Aufrechthaltung des Friedens zwischen den Parteien empfahl. Mit dem Gebete für Se. Majestät den Kaiser und Absingung der Volkshymne schloß die erhebende Feier. —ü. . Wie» Samstag, den 4. d. M, feierte der bekannte Cafetier Herr Sigmund Schwarz (Cafe Zentral, Taborstraße) das Barmizwahfest seines einzigen Sohnes Lipot, im Bethause des Vereines „Montefiore", woselbst sich zahlreiche Gäste und Freunde der Familie eingefunden hatten. Rabbiner Dr. Rofenfeld hielt an den Konfirmanden eine Ansprache, in welcher er die Beliebtheit und den religiösen Sinn der Eltern gebührend hervorhob. Der Konfirmand selbst hielt sowohl im Tempel, wie auch in der Wohnung eine schöne Barmizwahrede, die allgemein gefiel. Nach derselben wurde sowohl dem „Barmizwah" als auch dem Verfasser und Lehrer, Herrn M. Balog, besondere Anerkennung ausgesprochen. Floridsdorf. Freitag, den 3. und Samstag den 4. d. M. hielt Herr Oberkantor Fränkl aus Nikolsburg in der hiesigen Gemeinde einen Probevortrag und hatte derselbe sowohl durch seinen schönen Vortrag als auch durch sein korrektes Leienen vielen Beifall. Znaim. Am 1. März, den 24. Adar, ist Frau Wilhelmine Großmann, eine edle Frau im vollsten Sinne des Wortes, nach kurzer Krankheit sanft im 74. Lebensjahre verschieden und am Freitag unter ungeheurer Beteiligung zu Grabe getragen worden. Trotz des strömenden Regens haben sich Juden und Christen, unter denen namentlich unser Landtagsabgeordneter und Bürgermeister, Herr Dr. Homma, zu erwähnen ist, nicht abbalten lassen, der edlen Frau die letzte Ehre zu erweisen. Unser Rabbiner, Herr Dr. Kahan, hielt an der Bahre folgenden Nachruf, von dem bemerkt fein mag, daß er des Lobes eher zuwenig als zuviel enthält. Geehrte Trauerversammlung! Wenn sich die Trauer, die Klage nach der Größe des Verlustes richten soll, so müßte sie an dieser Bahre groß, gewaltig, unermeßlich sein, unermeßlich — wie unser Verlust. Und diese Klage würde nicht nur angemessen, sie würde auch gottgefällig sein. Denn unsere Weisen sagen: Thränen, um einen frommen, guten, edlen Menschen vergofien, werden von Gott gezählt und in seiner Schatzkammer aufbewahrt. Und, meine Freunde, eine bessere, edlere Frau haben wir noch nicht zu Grabe getragen, als diese teuere Verblichene war. Aber die Nähe des heiligen Sabbath gebietet uns, die Klage zu dämpfen und einzuschränken. Auch wäre übermäßige Trauer durchaus nicht im Sinne der teueren Verblichenen, die ja stets so geduldig und gottergeben war. Darum wollen wir nur im Anschluß an den Thora-Abschnitt, der morgen zur Verlesung kommt, den Inhalt des Lebens, das nun abgeschlofien vor uns liegt, in kurzen Worten zeichnen. — Bei dem Bau des ersten Heiligtums, das Israel seinem Gotte in der Wüste errichtete, erzählt die heilige Schrift, daß die weisen klugen Frauen mit besonderem Eifer sich an dem Ausbau des Heiligtums beteiligten. — Nun, die teuere Verblichene war eine weise, kluge Frau, und in ihrem ganzen Leben war sie eifrig bestrebt, das Heiligtum Gottes, wie es Israels Lehre versteht, zu pflegen und zu fördern. — Ein Heiligtum in Israel ist die mehrtausendjährige Ueberlieferung, wie wir Gott lieben und verehren sollen. Dieses Heiligtum hat bei der teueren Verblichenen die eiftigste Pflege gefunden. Echte, ungeheuchelte Frömmigkeit, unbegrenztes Gottvertrauen in allen Lagen des Lebens und unbedingte Anhänglichkeit an jüdischen Brauch und jüdische Sitten füllte ihr ganzes Wesen aus — Ein Heiligtum ist ferner in Israel das keusche, traute Familienleben. Und in diesem Heiligtum war die teuere Verblichene die würdigste Priesterin. Mit welcher Liebe, mit welcher Hingebung betreute sie den Gatten! Mit welcher Aufopferung und Liebe hing sie an ihren ttefflichen Kindern! Wie war ihr Sinnen und Trachten dem Wohle der Ihrigen gewidmet! — Und doch nicht nur der Ihrigen. Denn ein ferneres, wichttges Heiligtum in Israel ist die allgemeine, werttätige Menschenliebe. Und da gilt von der teuren Verblichenen das Wort des Spruchdichters, mit dem er das Biederweib in Israel preist: nna© .*tt* "j?1? nana naa Ihre Hand streckte sie oft sie oft und gerne dem Hilfteichen entgegen. Sie suchte das Elend nach Möglichkeit zu lindern, und je mehr sie es konnte, desto größere Freude erfüllte ihr liebevolles Herz. So stellte sie ihr ganzes Leben in den Dienst des Heiligtums und verbreitete unendlichen Segen. — Ja, teuere Verklärte! Du warst ein Segen, solange Du auf Erden weiltest und Dein Andenken wird zum Segen sein, jetzt da Du zu Gott bist eingegangen. Gesegnet Dein Andenken bei Gott, desien Heiligtum Du gepflegt, gesegnet Dein Andenken bei den Deinen, die Du mit unendlicher Liebe umfaßtest, gesegnet bei den Armen, deren Leiden Du gemildert, gesegnet endlich bei uns allen, die wir in Dir eine ehrwürdige, selten edle Freundin verehrten und liebten. JT£2Bn Du hast Dir das ewige Leben, die ewige Glückseligkeit in Liebe errungen! Tabor. Am 4. d. M. verschied hier der bestbekannte und allseits geschätzte Kaufmann, Herr David Fuhrmann, im 66. Lebensjahre. Der Verblichene hinterläßt zwei Söhne. Dr. Friedrich Fuhrmann, k. k. Polizei- Bezirksarz't in Wien und Dr. Emil Fuhrmann, prakt. Arzt in Wien, und zwei Töchter, Frau Cäcilie Weiß und Frau Anna Mendl. Budapest. Der hiesige Hofbuchhändler, Herr Arthur W o d i a n e r d e V a f ä. r h e l y, wurde in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste zum königl. ungarischen Hoftat ernannt. Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden hielt am Sonntag, Nachmittag in Berlin im Hotel Prinz Albrecht seine diesjährige Versammlung ab. Den Geschäftsbericht erstattete der zweite Vorsitzende, Stadtverordneter Dr. Nathan-Berlin. Das Vermögen des Vereines beträgt nach dem Bericht 688,030.48 Mark, der Spezialfonds für die russischen Juden beträgt allein 259,250,10 Mark. Der Geschäftsbericht behandelte.besonders eingehend die Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa. Besonders die Auswanderung aus Rußland ist in letzter Zeit durch die dortigen Vorgänge ganz außerordentlich gestiegen, besonders auch infolge des japanisch-russischen Krieges. Dr. Nathan nahm bei dieser Gelegenheit gegen die zionistiscbe Bewegung Stellung. Die Judenfrage könne nie durch Auswanderung gelöst werden, dazu sei die Zahl der Juden viel zu groß. Es würde sich kein geeignetes Land finden, um sie aufzunehmen. — Die Verwaltung wurde darauf entastet. An den weiteren Verhandlungen, die sich hauptsächlich um Statutenänderungen drehten, beteiligte sich auch der Landtagsabgeordnete, Justizrat Cassel. Mit Dankesworten an die Erschienenen schloß der Vorsitzende Kaufmann James Simon-Berlin die Versammlung. Breslau. Eine seltsame Beisetzung hat kürzlich auf dem alten jüdischen Friedhof in der großen Hamburger Straße stattgefunden. Es wurden achtzehn, der Jüdischen Gemeinde gehörende, nicht mehr gebrauchsfähige Thorarollen in einer kleinen Gruft beigesetzt, um vor Profanierung geschützt zu sein. Eine Gedenktafel soll von der eigenartigen, einem alten jüdischen Brauche entsprechenden Beisetzung Kunde geben. London. (Ein D en km a l j ü d is ch er Soldaten.) Feldmarschall Lord Roberts wird am 19. d. in der Zentralsynagoge in Great Portland Street in London das Denkmal der im Boerskriege gefallenen jüdischen Soldaten enthüllen. Moskau. Letzten Samstag fand hier ein Freudenfest statt, weil der israelitischen Gemeinde seitens der Regierung gestattet wurde, die Synagoge zu benützen, die bereits vor 15 Jahren jertiggestellt worden war. Notiz. Die im Jahre 1838 gegründete Joachim Schlesinger sche Mazzesfabrik wurde durch den gegenwärtigen Besitzer dieses Unternehmens Herrn Leopold Schlesinger in Bisenz, Mähren, abermals vergrößert und einer vollständigen Renovierung unterzogen. Wir machen unsere geschätzten Leser hiermit auf das in unserem Blatte gleichzeitig erscheinende Inserat aufmerksam. Kirr fataler Warne. Humoreske von Adolf Steinschneider. (Schluß.) Wie schon erwähnt,, war ich seit vier Jahren postenloK und alle meine Schritte blieben erfolglos. Doch ich erlahmte nicht in meinen Bemühungen und von vier Seiten abgewiesen, versuchte ich es bei der fünften. Es war eine Stelle in einem unserer ersten Bankhäuser vakant. Ich reichte daher mein Gesuch bei demselben ein und legte meine Zeugnisse bei. Wie ich vermutete, wartete ich einige Wochen vergeblich auf eine Erledigung. Ich begab mich daher in das Bankgebäude, um persönlich mein Schicksal zu erfahren. Welche frohe Zuversicht ich hatte, beweist der Vers aus Dante, der am Eingänge der Hölle angebracht ist: „Lasciate ogni speranza voi chi entrate" (Lasset jede Hoffnung draußen, die ihr hier eintretet), den ich für mich hersummte. Der Beamte, an dem ich meine Anfrage richtete, sah mich vom Scheitel bis zur Sohle, vielleicht auch umgekehrt an, brummte ärgerlich: „Vor einem Monate haben Sie ein Offert eingereicht, und da wollen Sie heute schon eine Entscheidung? Lassen Sie sich nicht auslachen. Bei uns sind bis heute schon 250 Personen vorgemerkt. Sind Sie von jemandem empfohlen, haben Sie irgend welche Protektion? Nein! Jude sind Sie auch. Machen Sie sich also keine Recbnung auf diese Stelle." Mit einer vornehmen Handbewegung entließ er mich. Obgleich ich auf ein solches Resultat gefaßt war, erfaßte mich doch eine sinnlose Wut und ich rief unmutig: „Wo nehme ich denn einen Schwager oder eine Kousine aus diesen Kreisen her?" Einige Zeit hernach erhielt ich ein großes Kouvert mit der Firmabezeichnung jener Bank; Sie können sich vorstellen, wie gleichgiltig ich es öffnete, wußte ich doch im voraus den Inhalt — eine Ablehnung. Da --! ich erbebte, ein freudiger Schreck erfaßte mich --ich las —, die Buchstaben tanzten vor meinen Augen. Das Schreiben lautete: „Infolge Ihrer vorzüglichen Zeugnisse und in Anbetracht der Anempfehlung von hochachtbarer Seite verleiht Ihnen die Bankdirektion die von Ihnen angesuchte Stelle und können Sie am nächsten Montage Ihre Tätigkeit, nach Vorstellung beim Bureauchef, beginnen, wo auch die Gehaltssrage erledigt werden wird." L»'. 'ii ■'