Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 10. geschätzte Kunstkritiker des „Vaterland" fungierte. Dieser jüdische Musik- und Kunstkritiker des „Vaterland" war, wie uns von einem Freunde unseres Blattes mitgeteilt wird, niemand anderer als Eduard Kulke, der sich bekanntlich auch durch seine jüdischen Erzählungen einen gefeierten Namen gemacht hat. In seinen Erinnerungen an Hebbel, mit dem Kulke durch eine Jahrzehnte dauernde Freundschaft verbunden war, erzählte er das interessante Moment, daß Hebbel die Absicht hatte, den gelehrten Vater Kulkes — der Rabbiner in Mähren war — aufzusuchen, um von ihm Mitteilungen über das Verhältnis des Talmuds zum Güster des Christentums zu erbitten. Eduard Kulke, der Erzähler von Ghettogeschichten als Kunstreferent des „Vaterland," das ist mehr als ein pikantes Moment. Es beleuchtet den Wechsel der Zeiten in Wien und zeigt, daß die christlichen Blätter in Wien nicht immer lediglich die Ausgabe hatten, dem Judenhaß zu fröhnen. _ Mischehe«. Bon Sanitätsrat Dr. Maretzki in Berlin. Wem die Zukunft des Judentums am Herzen liegt, der kann an den mannigfachen Folgeerscheinungen, welche die namentlich in Mitteleuropa immer häufiger werdenden Mischehen mit sich bringen, nicht achtlos vorübergehen und darum wird die jüngst in der „Jüdischen Presse" erschienene Abhandlung des als Arzt und Forscher bekannten Autors über dieses hochaktuelle Kapitel allgemeinem Interesse begegnen. Von tiefem Ernst, so führt er aus, ist die geistige Entwicklung der Judenheit in unserer Generation getragen. Wir sehen uns in einem schweren Kampfe mit feindseligen Mächten, die wir verachten könnten, wenn sie nicht unseren Lebensnerv bedrohten. Da heißt es, sich mit allen Mitteln ausrüsten zum Kampf gegen Neid und Mißgunst. Da heißt es, zuvörderst unser eigenes Volksleben ergründen. Da ist es erfreulich zu sehen,. wie allerorten in der gesamten Judenheit gearbeitet wird, wie man breitere Bahnen einzuschlagen beginnt, wie alle Kräfte entfaltet werden, um einen tiefen Einblick in unser soziales Leben zu tun, die Gesamtheit emporzuheben zu besserer Er» kenntnis, zu klaren Anschauungen, zu raüoneller Hilfe. Allen diesen Bestrebungen gilt eine ernste Grundstimmung, gilt zielbewußtes Denken. Ebenbürtig zur Seite stellt sich die statistische Wissenschaft, das jüngste Kind sozialer Tätigkeit, aber an Umfang und Verüefung schnell vorgeschritten. Man widmet diesen Dingen mehr Aufmerksamkeit; man kann sie auch gar nicht entbehren, will man einen Einblick in die Massenerscheinungen des Volkslebens gewinnen. Freilich werden gewichüge Stimmen laut, daß es nicht richüg ist, ja, daß es untunlich sei, sich speziell mit der Statistik der Juden zu beschäftigen, vielmehr solle es im Rahmen des gesamten deutschen Volkes geschehen, dessen integrierenden Bestandteil die Juden bilden. Aber der Stand und die Bewegung der jüdischen Bevölkerung wird von den Behörden nach wie vor behandelt werden; es ist sogar von großem Vortheil, die Ergebnisse zu vergleichen. Die allgemeinen Gesichtspunkte kommen dort zur Begutachtung, finden dort fachgemäße Prüfung und Anwendung. Für uns ist es besonders ersprießlich und notwendig, nicht nur unsere Eigenart zu erforschen, sondern auch die Judenheit aller Länder durchzumustern, ihre Lage und Kultur kennen zu lernen, das Gemeinsame und Verschiedene herauszuheben, Vergleiche anzustellen, um die Mittel und Wege für etwaige Aenderungen zu finden. Dafür können nur wir allein Interesse haben, das nur wir allein bearbeiten. Das zu tun ist unsere Pflicht, und ich bin der festen Ueberzeugung, daß es uns gelingen wird, auf Grund genauer und zuverlässiger Kenntnis der Tatsachen richtige und klare Vorstellungen nicht nur für uns, sondern auch, was nicht minder wichtig ist, bei unseren andersgläubigen Mitbürgern zu erwecken. Daß vielfach irrige Anschauungen auch in unseren eigenen Reihen herrschen, ja, sogar Unkenntnis, wird allgemein empfunden. Daß hier Licht und Wissen zu verbreiten ist, darüber kann kein Zweifel obwalten. Dazu soll diese Arbeit einen kleinen Beitrag liefern. Soweit mir die. Litteratur über Mischehen zur Verfügung stand, ist die erste Arbeit i. I. 1887 von Fircks in der Zeitschrift des Königl. preuß. Statistischen Amtes veröffentlicht. Im Jahre 1903 erschien im Hamburger „Israelitischen Familienblatt" ein beachtenswerter Artikel über Mischehen von Steinhardt, der allgemeine Gesichtspunkte brachte. Ausführlicher auf diesen Gegenstand ist Dr. Arth. Ruppin in seinem Werke: „Die Juden der Gegenwart" eingegangen in welchem er ein ganzes Kapitel den Mischehen widmet. Viele Angaben und Zahlen habe ich in seinem Buche entnommen, doch will es mir scheinen, als ob die Sache nicht erschöpfend genug dargestellt ist. Die Mischehe ist aber ein Kapitel, das unsere vollste Aufmerksamkeit erheischt. In Oesterreich sind in den Jahren 1896 bis 1900 jährlich neben 5923 rem jüdischen 130 Mischehen (70 chr.-jüd. und 60 jüd.-chr.) geschloffen worden; letztere bilden also nur 2"/^ der jüdischen Ehen. Die meisten kommen auf Wien, häufig sind sie in Triest und dem Küstenlande, während sie in Galizien und der Bukowina gar nicht Vorkommen. In Ungarn sind in derselben Zeit 6684 rein jüdische und 260 christl.-jüd. und 198 jüd.-chr. Mischehen eingegangen worden, also 6,03°/0 aller jüdischen Ehen. Jeder 35. jüdische Mann heiratet eine Christin, jedes 34. jüdische Mädchen einen Christen. Die meisten Mischehen liefert Budapest, nämlich 179 jährlich, so daß bei 1195 rein jüdischen Ehen jeder 15. Jude eine Christin, jede 14. Jüdin einen Christen ehelicht; die Zahlen finö in den folgenden Jahren gestiegen (1902 203 Mischehen). In Italien ist die Mischehe sehr häufig, ebenso in Schweden, Dänemark, Australien und Frankreich. In Kopenhagen sind von 1880—1903 358 rein jüdische.Ehen und 234 Mischehen geschloffen worden, so daß diese nicht weniger wie 35,50/<> aller Ehen betragen; sie zeigen eine Tendenz zur Zunahme, denn in den 12 Jahren 1880—1891 machen sie 35"/o, in den Jahren 1892—1903 sogar 43,6°/g aller, Ehen aus. Im Deutschen Reich gab es im Jahre 1901, 3878 rein jüdische, 316 chr.-jüd., 342 jüd.-chr., im Jahre 1902, 3925 rein. jüdische, 295 chr.-jüd., und 331 . jüd.-chr. Ehen. In Preußen sind in den Jahren 1876—1900, 60800 rein jüdische, 3817 chr.-jüd. und 3987 jüd.-chr. Ehen geschloffen worden. Die Zahlen haben seit dem Bestehen der Civilehe stetig zugenommen: 1875—79 239, 1895—99 433 Mischehen. Der größte Teil entfällt auf Berlin: 1875— 79 101, 1895—99 201, 1898—1902 bei 607 rein jüdischen Ehen, 212 Mischehen, jeder 6. Mann und jede 6. Frau heiratet Christen. Ju Preußen ist die Zahl in der Zeit nach 1880 nach den amtlichen Berichten bedeutend gestiegen, sie hat sich bis 1901 beinahe verdoppelt, während die absolute Zahl der rein jüdischen Ehen in weit geringerem Grade zunahm. In München wurden 1875—96 136 Mischehen geschlossen (44 chr.-jüd. und 92 jüd.-chr.) in Frankfurt a. M. i. I. 1901 30 Mischehen (24 chr.-jüd. und 9 jüd.-chr.) (Fortsetzung folgt.) „Oesterreichisch israelitische Union." Montag, den 6. d. M-, fand eine überaus zahlreich besuchte Plenarversammlung der ^,Oesterreichisch - Israelitischen Union" statt, in welcher Herr Dr. Hugo Ganz, der ausgezeichnete Kenner des östlichen Judentums, einen glänzenden Vortrag unter dem Titel: „Bilder aus dem Osten" (Das ostjüdische Problem) hielt. Der Vorsitzende, Herr kais. Rat Wilhelm Anninger, begrüßte zunächst die anwesenden Mitglieder des Kultusvorstandes, kais. Rat Wilhelm P o l l a k und Herrmann E l t b o g e n, ferner die Rabbiner Dr. David, Dr. Feuchtwang, Dr. Gelbhaus und Dr. Kam in ka, Gemeinderat Dr. Hein, kais. Rat Dr. K o h n u. s. w., worauf der Vereinssekretär, Herr Siegfried Fleischer, zwei interessante Rechtsschutzfälle neuesten > Dalums unter lebhaftem Beifall zur Kenntnis der Versammlung i brachte. Die Mitteilung, daß sich in jüngster Zeit auch in