Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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s* .-f-S.'i'Jöif.TCf '*i ■mm abnheit Redaktion u. Administration: . Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Sir. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonncmenksu. Jnsertionsbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitfchrifi für Mische InLereben^ Erscheint jeden Freitag. Uotto: „Das Ziehet Gottes ist Wahrheit!" Verngspneis-: | i Ganzjährig ... ff. is.— | Halbjährig . . . ff. 6.- |! Für Cultusbeaulte: ( j Ganzjährig . . . ff. 10—! 1 Für Ausland: j| Ganzjährig . . . a Mark.!! li ü Rubel oder io gcs. j| jUv. 10 Wie«. 10. Märr 1905. Inhalt: — Aus der Woche. — Mischehen. — „Oesterreichisch-israelitische Union." — Witzblatt-Antisemitismus. — Moriz Holzmann. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein sataler Name. Ans der Woche. Die Judenfeinde weisen mit freudiger Genugtuung immer darauf hin, daß der große Voltäire, der als Judenfreund begonnen, schließlich eine so schlechte Meinung von den Juden hatte. Da ist es wohl lehrreich, auch die Ursachen zu beleuchten, die Voltaire zum Judenfeinde machten. Ein deutscher Schriftsteller hat soeben eine interessante, auf Akten beruhende Studie über den bekannten Prozeß veröffentlicht, den Voltaire seinerzeit gegen einen jüdischen Juwelier Hirbst in Berlin führte. Aus dieser aktenmäßigen Darstellung wird neuerdings erhärtet, daß der große Voltaire in diesem Handel die schmutzigste Betrügerrolle spielte. Seitdem Voltaire gegen den Juden, den er nicht übervorteilen konnte, den kürzeren zog, haßte er nicht den einen, sondern alle Juden und er gab diesem Judenhaß in seinen späteren Schriften unverhohlen Ausdruck. Man wird zugeben müssen, daß die Gründe, die Voltaire zum Judenfeind machten, lange nicht so peinlich für die Juden wie für die— Antisemiten sind. # * * Die christliche Demokratie in Italien verfolgt in vielen Fragen beiläufig dieselben Tendenzen, wie die christlich-soziale Partei in Oesterreich. Der Papst ist von seiner italienischen „christlichen Demokratie" offenbar nicht sehr erbaut, denn in seinem soeben veröffentlichten Schreiben an den Kardinal Swampa heißt es u. a.: „er bedauere es, daß es katholische Blätter gebe, die das Verhalten der Bischöfe tadeln, welche mit Recht die autonomen Demokraten verurteilen." Falls der Papst über die Vorgänge in Oesterreich gründlich unterrichtet wäre, könnte es ihm nicht entgangen sein, daß hier die christlichsozialen Parteihäupter häufig nicht nur das Verhalten von Bischöfen und Erzbischöfen tadeln, sondern dieselben auch blutig beschimpfen. Er würde ferner wissen, daß es hier katholische Priester gibt, die als Führer und Stützen der christlich-sozialen Partei sich veranlaßt sehen, in öffentlichen Vertretungskörpern das alte Testament, die Basis des Christentums, verhöhnen und sogar das Sakrament der Taufe zu diskreditieren. Der Papst wäre nach diesen Informationen dann wohl nicht wenig entzückt, sich sagen zu müssen, daß er solche Erzfeinde des Christentums, deren Wirken und Streben ihm offenbar in .falschem Lichte dargestelll wurde, durch hohe Orden, Würden und andere Auszeichnungen geehrt habe. * * -i- Seit einiger Zeit zirkulieren in Wien Gerüchte über das Eingehen eines christlich-sozialen Tagblattes, welches sich durch seinen rüden Judenhaß, wie durch seine bei jeder Gelegenheit bewährte Dummheit gleichmäßig auszeichuete. Bisher hat die liberale Partei durch ihre Indolenz das Zugrundegehen liberaler Blätter zu ihrem Schaden nicht verhindert. Tie christlich-soziale Partei hat die Bedeutung ihrer Presse bisher anders und besser zu würdigen verstanden, und so erscheint es vielleicht verfrüht, das Verschwinden des christlich-sozialen Tagblattes heute schon als eine Tatsache zu begrüßen. Sollte diese eintreten, dann wird man freilich nur Eines beklagen müssen: Das in Frage stehende Blatt ist nicht das — „Deutsche Volksblatt." Das neue Theaterstück „Schmelz, der Nibelunge" von Adamus macht viel von sich reden, und zwar nicht in günstigem Sinne. Das Stück behandelt die brennende Judensrage aber in so unehrlicher, aus den äußerlichen Effekt berechneter Weise, daß es alle, die ehrlich für eine Ueberzeugung eintreten. anwidern muß. Der Verfasser soll ein Jude sein. Um so empörender ist es, daß er als seinen ringenden, kämpfenden und trotz seiner Irrwege sympathisch sein sollenden, zum Judentum zurückkehrenden Helden in einem Studenten findet, der seinen Vater verleugnet und ihn angesichts seiner deutschnationalen Kommilitonen mit der Frage empfängt: „Wer sind Sie? Was wollen Sie?" Kein Zweifel, ein solcher elender, erbärmlicher Kerl kann auch aus einem jüdischen Hause hervorgehen. Aber ein solcher Geselle wird jedem Juden als ein erbärmlicher Auswürfling erscheinen müssen und man sollte glauben, daß ein Dramatiker, der in ihm einen „Ausnahmsjuden" erblickt, dem man kleine Jrrtümer zu verzeihen hätte, eher Anspruch auf den Beifall der Antisemiten als aus den der Juden zu zählen hätte. Herr Adamus scheint aber bei aller Anerkennung, die seine Kunst, effektvolle Szenen zu schaffen, errungen, sein Spiel sowohl bei Juden als bei Antisemiten verloren zu haben. Wer es allen recht machen will, wird es keinem Recht machen. Anläßlich des Hinscheidens eines Redakteurs des „Vaterland" war in der ..Wiener Sonn- und Montagszeitung" eine interessante Reminiszenz zu lesen: Es wurde daran erinnert, daß das klerikale Blatt früher Konfession und Politik wohl zu unterscheiden vermochte und dank diesem Umstande einst ein Jude, der Abkömmling einer alten Rabbinersamilie, als der