Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9. Die Wahrheit Seite 5. Zitat aus Lev. 19, 18. So Röm. 13, 9. Gal. 5,14. Jac. 2, 8. Nur das Evangelium, Joh. 13, 34, bildet eine Ausnahme. Da heißt es: „Und ich sage Euch nun: Ein neu Gebot gebe ich Euch, daß Ihr Euch unter einander liebet, wie ich Euch geliebet habe, auf daß Ihr einander lieb habet (35). Dabei wird Jedermann erkennen, daß Ihr meine Jünger seid, so Ihr Liebe unrer einander habt." — Hier allerdings tritt das Gebot der Liebe in neuer Gestalt auf. Da soll man nicht mehr den Nächsten schlechtweg lieben, sondern die Christen unter einander sollen sich lieben. Die Liebe ist hier auf den Christgläubigen beschränkt. Ob diese Liebe höher steht als die Liebe im Alten Testament, wo Abraham auch für die sodomitischen Sünder um Schonung bittet, mag dahingestellt sein. Jedenfalls ist in diese Liebe ein Ungläubiger wie Friedrich Delitzsch nicht mit eingeschlossen. D r. K a h a n, Znaim. ßandesvrrsammlung der ungarischen orthodoxen Israeliten. Im Saale der alten Schießstätte wurde am 27. v. M. vormittags der auf mehrere Tage anberaumte Landeskongreß der ungarischen aut. orth. Israeliten eröffnet. Biele orthodoxe Gemeinden hatten ihren Rabbinerlund einen Deligirten zur Versammlung entsendet, so daß die Zahl der Er- . schienenen auf ungefähr 600 geschätzt werden kann. Der Verlaus der Sitzung war folgender: Um 3/2H Uhr vormittags eröffnet Präsident Oberrabbiner Raphael Reich (Budapest) mit einer hebräischen Rede die Versammlung. Er beantragt, dieselbe möge an den König ein Huldigungstelegramm absenden, welcher Antrag mit begeisterter Einhelligkeit angenommen wurde. Sodann erklärt der Präsident die Landesversammlung für eröffnet und bittet die Versammlung, im Sinne der Geschäftsordnung zu dem aus den Oberrabbinern von Budapest, Nagyvärad und Baez bestehenden Präsidium noch drei weltliche Mitglieder aus ihrer Mitte zu wählen, wonach die Wahl von vier Schriftführern vorgenommen werden wird. Er legt den Zweck der Versammlung (die Ergänzung des orthodoxen Landesstatuts) dar, woraus sich der . Rabbiner von Ungvar Eleazar Löw erhob und deutsch zu sprechen begann. Magyarul! Magyarul! tönte es ihm hundertftimmig entgegen. Es dauerte lange, bis sich die Gemüter beruhigten. Rabbiner Löw richtete dann die Bitte an die Versammelten, während der Beratung die Ruhe und den Frieden zu wahren. — Oberrabbiner Kuttner beantragt, daß die Vorsteher der Gemeinden von Budapest, Nagyvärad und Pozsony zu Kopräsidenten gewählt werden sollen. Die Majorität erklärte sich für diesen Antrag; doch wollte die Minorität ihre eigenen Kandidaten aufstellen. Es entstand ein großer Lärm, so daß die Sitzung aus 10 Minuten suspendiert werden mußte. Sodann enunzierte der Präsident, daß die Deligierten M. Freudinger (Budapest), A. Schwarz (Nagyvärad) und M. Gstettner (Pozsony) zu Kopräsidenten und Lichtstem (Uermsny», Korein (Szombathely), Dr. Totis (Budapest), Marton (Papa) zu Schriftführern gewählt wurden. — Sodann begann die Debatte über den Statuten-Ergänzungsentwurs. Als erster Redner sprach Ignaz Marton (Papa), der seine Rede in ungarischer Sprache begann und deutsch sortsetzte. Die jüngeren Delegierten verlangten stürmisch, das Marton ungarisch spreche. Es brach ein Tumult aus, der längere Zeit währte. Redner stellte den Antrag, den Entwurf von der Tagesordnung abzusetzen und ein Komitee mit der Ausarbeitung eines neuen Elaborats zu betrauen. Hiegegen erhob die Majorität lärnrend Protest, der sich erst nach einer geraumen Zeit legte. — Oberrabbiner Fuchs (Nagyvärad) beantragt, man möge das bestehende Einunddreißiger-Komitee durch neue 18 Mitglieder ergänzen, die sich sodann sofort an die Ausarbeitung des Ergänzungsentwurfs machen sollen. Morgen soll dann hierüber referiert werden. Jedoch wünsche er, daß die Paragraphen über die Wahl des Präsidenten und der Verwaltungskommiffion unbedingt in 24 Stunden erledigt werden sollen, da dies den Hauptzweck der Versammlung bilde. (Unruhe.) Er bittet die Anwesenden, ihre Kaltblütigkeit zu bewahren und sich nicht von der Leidenschaft hinreißen zu lasten. — Der Präsident vertagt die Sitzung aus 5 Uhr nachmittags. In der Nach mittag sitzung stellt Dr. Reveß (Balaffagyarmat) den Antrag, daß die neu zu wählenden 18 Mitglieder der Kommission aus sechs Rabbinern und zwölf weltlichen Mitgliedern bestehen sollen. (Großer Lärm). Auch ist er der Meinung, daß man Statuten nicht über Nacht verbessern kann. Der Ausschuß möge die Statuteu einer längeren Beratung unterziehen. (Lärm.) — Oberrabbiner Fuchs präzisiert seinen in der Bormittagssitzung gestellten Antrag und verwahrt sich dagegen, daß man die - Rabbinen als Beamte betrachte. Die Rabbinen sind dazu berufen, darüber zu wachen, daß die rituellen Gesetze aufs strengste bewahrt werden. — Nach der Replik Dr. Röväß' erklärt der Präsident die Debatte für geschloffen, was abermals Anlaß zu tumultuösen Szenen gibt, da noch mehrere Redner zur Sache sprechen wollten. Auf Antrag des Dr. Jakob Schächter wird dem Deligierten Hirsch tKolozsvär) das Wort erteilt, der jedoch seine Rede nur im größten Lärm zu Ende führen konnte. Er reicht einen von 80 Gemeinden gutgeheißenen Beschlußantrag ein, wonach bei den Statuten die Paragraphen betreffs der Wahlen nicht vor allem erledigt werden sollen, und man möge die Wahlen überhaupt so lange ausschieben, bis die Statuten genehmigt sind. (Stürmische Zwischenrufe). — Der Präsident läßt im größten Lärm über den Antrag des Nagyvarader Oberrabbiners abstimmen und erklärt den Antrag für angenommen. Zur Gegenprobe will er auch den Antrag Hirsch' zur Abstimmung bringen, was zu anhaltenden Tumulten Gelegenheit gibt. Schließlich zieht Hirsch seinen Antrag zurück, worauf der Präsident die Sitzung im größten Lärm aus den nächsten Tag vertagte. Der Geist der Kibet. Bon D. A. Sulzbach-Rosenfeld. (Schluß.) In solcher Weise, in gleicher Beleuchtung, Deutung und Anwendung erklärte und erörterte Moses seinen Brüdern auch all die andern Erscheinungen in der Natur und Urgeschichte, so die Erscheinung des liegendogens, den Turmbau von Babel und die Entstehung der verschiedenen Sprachen, den Untergang von Sodom und Gomora, die Beschneidung, ..die Opserwilligkeit Abrahams rc. rc. Es kann jedoch nicht Ausgabe dieser bescheidenen Studie sein, den ganzen großen Komplex des so reichhaltigen Inhaltes des Pentateuchs deutend und anwendend in erschöpfender Weise zur Darstellung zu bringen, dies behalte ich mir vor, so Gott mir das Lehen schenkt, für eine in Vorbereitung befindliche Abhandlung verschiedener Themen der Bibel in Verbindung mit einer Vergleichung der verschiedenen alten und neuen Religionen. * Diese Auffassung unserer Bibel, für welche ich mir einzutreten in diesem geschätzten Blatte erlaubte, mag einen mehr persönlichen und individuellen Charakter zur Schau tragen, weil sie sich, abseits von manchen modernen Bestrebungen aber auch Abirrungen, von dem wahren Geiste und der lebendigen Tradition des Judentums herausgebildet hat. Entspricht aber diese persönliche Auffassung unserer Bibel nicht wirklich dem Geiste des großen Verkünders der Lehre Gottes, Moses, dessen Wort nicht darauf berechnet war, mit zündender Beredsamkeit die verrauschende Leidenschaft der Masse zu entstammen und zu Taten anzuspornen? Die Vertiefung, Verinnerlichung und Veredlung des in stiller Bescheidenheit dahinfließenden Gemütslebens, der Erbauung des menschlichen Geistes an seine erhabene Mision, in den Bahnen eines tugendhaften, gottesfürchtigen Lebens zu wandeln, mit unbeugsamer Willenskraft von dem unerschütterlichen Glauben an eine einzige und wahre Gottesidee getragen, in allen Lebenslagen auszuharren, dient der Geist unserer heiligen Bibel. In dieser erhabenen, sittlichen Idee erblickt Moses die Emanation des göttlichen Willens, durch die Erhebung des menschlichen Geistes zur Höhe dieses Bewußtseins will Moses den Menschen seinem übersinnlichen Schöpfer näher gebracht und das Wort Gottes, den Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen zu haben, zur Tat werden zu lassen. Für diese Idee mußte Moses feine Stammesgenossen erst heranziehen, in die Seele jedes Einzelnen mußte das durch seinen erhabenen Geist erleuchtete Wort Gottes hinein gegossen werden. Denn nur in ein von den sittlichen Ideen der Lehre Moses durchtränktes Gemüt konnte der Begriff eines übersinnlichen Gottes Eingang finden, seinem Verständnisse sich erschließen und die Erhabenheit dieser religiösen Ueberzeugung über den herrschenden Götzenkultus zum vollen und klaren Bewußtsein gebracht werden. Dieser (der Götzenkult) war nur eine der menschschlichen Phantasie entströmende Personifikation der Natur, somit die Anbetung der Natur selbst. Moses war es, der aber in der Natur nur das Werk eines übersinnlichen Schöpfers erblickte. Und diese religiöse Ueberzeugung, mit welcher sich Moses über den Naturglauben der heidnischen Völker gestellt hatte, verstand er in seiner Schöpfungsgeschichte in lebendiger und plastischer Art zum Ausdruck zu bringen. j Bei den heidnischen Völkern waren die Naturereignisse ein I Ringen der Götter um ihre Herrschaft; die Götter selbst sanken