Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-03-03 · Heft 9 (3.3.1905) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 9 (3.3.1905)
Date
1905-03-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063274--03550-3070316
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seile 4. Die Wahrheit Nr. 9. Gröhlen des Wohlbehagens auf, und man konnte daraus sehen, daß das blutrünstige Scheusal Schneider auch in Wien auf verständnisinnige Genossen zählen kann. Nichtsdestoweniger finden sich die Wiener liberalen Blätter damit ab, Schneider gegenüber den Standpunlt einzunehmen, der jedem an delirium tremens leidenden Kerl gegenüber am Platze wäre. Sie ruft: Schaffet Trinterasyle! Mit Verlaub, wir halten diese Auffassung für eine sehr frivole. Man kann einen besoffenen Menschen, der unter dem Spott und Mitleid der Passanten auf der Straße, einhertorkelt und lallend Flüche ausstößt, in einem Trinkerasyle wohl an seinem Platze sehen. Wie steht die Sache aber, wenn ein unter dem Schutze der Immunität stehendes Individuum die aufreizendste, verbrecherischeste Agitation gegen vollberechtigte Staatsbürger betreibt und hiebei Zustimmung bei seinen Zuhörern findet? Besoffen mag ja Schneider o f t sein, aber er ist es nicht immer; er schleudert aber seine verbrecherischen Aufforderungen zu jeder Zeit und in jeder Gemütsverfassung in die Menge. Da märe schon die Frage geboten: „Gehört der Mensch ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus?" Die Frage kann strittig sein; sicher aber ist, daß er nicht in eine gesetzgebende Körperschaft gehört. * In Rußland scheint man des Rates von Schneider nicht bedürftig zu sein. Verschiedenen Berichten zufolge ersieht man, daß dort neuerdings planmäßig der Versuch unternommen wird, die erregten Leidenschaften der Bevölkerung, insbesondere der bäuerlichen, dadurch vor dem Ausbruche gegen die Machthaber abzulenken, daß man die Unzufriedenen systematisch auf die Juden hetzt. Neu ist das Manöver nicht, aber so bitter die Juden schon oft darunter zu leiden hatten, erfolgreich auf die Dauer hat es sich niemals erwiesen. Zuletzt büßten doch am härtesten jene, die mit solchen Mitteln der infamsten Gewissenlosigkeit operierten. Vor kurzem (am 9. Februar) war der 150jährige Todestag des berühmten französischen Schriftstellers Montesquieu und weder die politischen Tagesblätter noch jüdische Zeitungen hatten desselben gedacht. Durch sein Eintreten für die Juden verdient er es aber, daß sein Name in jüdischen Zeitungen ehrenvoll erwähnt rverde. Bereits Graetz hat im 11. Bande seiner Geschichte darauf hingewiesen, wie Montesquieu seine Stimme gegen die barbarische Behandlung der Juden erhoben hat, und eine sehr interessante Stelle aus Montesquieus „esprit des lois“ („Geist der Gesetze") angeführt. Jetzt, wo man wiederum an unserem herrlichen Gebote der Nächstenliebe herumnörgelt, dürfte es am Platze sein, aus eine andere interessante Stelle hinzuweisen, die bei Graetz nicht angeführt ist und die sich in Montesquieus „Persische Briefe" findet. Montesquieu bemerkt daselbst: „Die jüdische Religion ist ein alter Stamm und die beiden Zweige, die er getrieben, der Islam und das Christentum, erstrecken sich über die ganze Erde. Öder sie ist vielmehr eine Mutter, welche zwei Töchter geboren, die ihr tausend Wunden geschlagen; denn die nächstverwandten Religionen sind die bittersten Feindinnen. Aber wie übel sie auch von ihnen behandelt worden, wird sie doch nicht müde, sich zu rühmen, daß sie sie zur Welt gebracht hat. Sie bedient sich der einen wie der anderen, um die ganze Welt zu umfassen, während andererseits ihr ehrwürdiges Alter alle Zeiten umfaßt." _ Die Nächstenliebe. Ueber die Nächstenliebe ist schon soviel geschrieben und debattiert worden, namentlich ob sie in ihrer Allgemeinheit christlichen oder jüdischen Ursprungs sei, daß man meinen sollte, die betreffenden Quellen seien so dunkel und verworren, daß kein bestimmtes Resultat zu erzielen sei. Und doch ist die Sache viel einfacher, als man es nach dem Stimmengewirr annehmen könnte. Man braucht nur die betreffenden Texte des Alten wie des Neuen Testamentes, ohne Vorurteil ins Auge zu fassen, und das ist doch wohl das Erste, was man,'zwar nicht von einem gewöhnlichen Unterrichtsminister, aber von einem, der darüber für die Oeffentlichkeit schreibt, verlangen darf und soll. Daß also der Satz: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" schon im Pentateuch, und zwar Lev. 19, 18 steht, wollen wir bei allen Gebildeten, trotz jenes Unterrichtsministers, als bekannt voraussetzen. Aber diese Stelle spricht, wie der Zusammenhang lehrt, und wie Maimonides ((Madda YI, 3) kodifiziert, nur vom Volke Israel. Dagegen heißt es im selben Kapitel 33, 34: Und wenn ein Fremdling (ger) bei Dir in Eurem Lande wohnt, so sollt Ihr ihn nicht bedrücken. Wie der Einheimische unter Euch sei Euch der Fremdling, der bei Euch wohnt, und liebe ihn wie Dich selbst, da Ihr ja Fremdlinge (gerim) wäret im Lande Aegypten. Diese Stelle sagt deutlich, daß die Nächstenliebe sich auch auf Nicht- Israeliten erstrecken soll. Allerdings hat bei den Rabbinen das Wort ger die Bedeutung von Proselyt angenommen, und so erklärt auch Maimonides (15.) diese Stelle. Etwas ähnliches deutet auch Friedrich Delitzsch in seiner Zuschrift an die „Neue Freie Presse" an.. Aber die Worte der Schriftstelle: „Da Ihr ja gerim wäret im Lande Aegypten" schließt diese Erklärung einfach aus. Denn daß die Israeliten in Aegypten keine Proselyten waren, ist wohl klar. Aber selbst angenommen, unter „rea" Nächster in obiger Stelle sei nur der Israelit und unter „ger" nur der Proselyt gemeint, so ist uns Friedrich Delitzsch noch immer den Beweis schuldig geblieben, daß Jesus die Nächstenliebe a n d e r s, allgemeiner aufgefaßt hall Denn wo in den Evangelien von Nächstenliebe die Rede ist, tritt sie immer als Zitat aus dem Pentateuch auf, ohne daß dieses Zitat irgendwie kommenttert oder erweitert wäre! So Matth. 22, 35—39 : Ein Pharisäer fragte Jesus : Welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz (en to nomo, bekannter Ausdruck für Thora, Pentateuch). Jesus aber sprach zu ihm: Du sollst lieben Gott u. ff. w. Dies ist aber das vornehmste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Stellt hier Jesus ein selbständiges Gebot auf? Er zitiert nur aus der Thora, Deuteronomium 6, 5 und Levitikus 19, 18. Aehnlich Markus 12, 31. Nun ftagt es sich: Hat vielleicht Jesus das Gebot der Nächstenliebe allgemeiner verstanden? Hat er sie vielleicht auch auf die sogenannten Heiden angewendet wissen wollen? Gerade das Gegenteil ist der Fall. Als eine Kanaaniterin Jesum um Hilfe anfleht, gibt er ihr gar keine Antwort. Und als seine Jünger ihn darum bitten, sagt er: Ich bin nur gesendet zu den 'verlorenen Schafen aus dem Hause Israels! (Matth. 15, 22 ff.) — Diese Zwölf sandte Jesus, gebot ihnen und sprach: Gehet nicht auf der Heiden Straße, und ziehet nicht in der Samariter Städte; sondern gehet hin zu den verlornen Schafen aus dem Hause Israel. (Id. 10, 5 ff.) — Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch, daß Ihr, die Ihr mir seid nachgefolgt, in der Wiedergeburt, da des Menschen Sohn wird sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, werdet Ihr auch sitzen auf zwölf Stühlen und richten die zwölf Stämme Israels (Id. 19, 28). Die anderen Menschen kommen für Jesus gar nicht in Betracht. Ja, bei jeder Gelegenheit spricht er von den Heiden mit der größten Verachtung. „Wenn Ihr betet, sollt Ihr nicht viel plappern, wie die Heiden, rd. 6, 7. — „Ihr sollt nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden." (Id. 31, 32.) — „Wenn jemand unversöhnlich ist, sei er Dir wie ein Heide." (Id. 18,17.) Es ist nach alledem geradezu unbegreiflich, wie man behaupten kann, Jesus habe eine andere Liebe gepredigt, als das Alte Testament. Selbst jene Stelle in der Bergpredigt (Matth. 5, 43), wo Feindesliebe geboten wird, kann doch nur von Israeliten sprechen, da dort als Gegensatz zu Freund (rea, pläsion) der Feind (echthron) erscheint, beide also Volksgenossen. Selbst in den Episteln erscheint die Nächstenliebe nur als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.