Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Sldministiatiou: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Ilkserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonneinenlsu. Jnserlionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. abrhsit Unabhängige Heitfchrift für Mische Anierejfen. Erscheint jeden Kreitng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!” Verugspysis: || Ganzjährig . . . fl. 12.— i Halbjährig . . . fl. 6.— Für CnltuSbeamte: Ganzjährig ... fl. 10 — jj Für Ausland: >! Ganzjährig ... 6 Mark. I ü öiubel oder lü FcS. > Ur. 9. Wien. 3. Mar; 1993. Inhalt: — Aus der Woche. — Die Nächstenliebe. — Landesversammlung der ungarischen orthodoxen Israeliten. — Der Geist der Bibel. — Verschiedene Nachrichten. —Literatur. — Feuilleton: Ein fataler Name. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. — Zur kantoralen Organisation. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um freundliche Einsendung des Aöonnementsöetrages für das laufende Huartal ersucht. Ans der Mache. Das Schächtverbot. für welches sich der Wiener Stadtrat ausgesprochen, war aus. der Tagesordnung der jüngsten Gemeinderatssitzung gesetzt, aber es kam nicht zur Verhandlung darüber. Wie - in einem Wiener Blatte zu lesen war, hat der Herr Bürgermeister Dr. Lueger die Debatte mit den Worten vertagt: „Darüber werden wir uns unterhalten, wenn ich von Abbazia erholt zurückgekehrt bin." Eine prägnantere, treffendere Charakteristik der Motive, welche dem von dem Stadtrate und den kommunalen Machthabern geplanten Schächtverbot zugrunde liegen, als diese Worte Luegers bieten, ist nicht denkbar. Der Herr Bürgermeister meint, „wir werden uns darüber unterhalten", und er hat damit deutlich gesagt, daß auch der antisemitische Stadtrat in der ganzen Sache nichts als eine „Unterhaltung", eine der beliebten „Hetzen" erblickte, mit denen man sein Mütchen an den Juden kühlen kann. Der Stadtrat hat sich natürlich bei seinem Entschlüsse hinter dem alten Vorwand versteckt, daß er das Schächten verbieten wolle, weil er die Tierquälerei nicht dulden könne. Ein alter Vorwand, der immer fadenscheiniger, schleißiger wird und die wahre Gesinnung, die sich dahinter verbirgt, an allen Ecken und Enden durchschimmern läßt. Die zahlreichen, von christlichen Autoritäten erstatteten Gutachten lassen für keinen objektiven Menschen einen Zweifel darüber aufkommen, daß die bei den Juden übliche Schächtmethode den strengsten, weitestgehenden Anforderungen an Tierschonung entspreche. Die Agitation gegen das Schächten geht von. einer Partei aus, die mit der vorgeblichen Liebe zu den Tieren nur ihrem Judenhaffe sröhnen will. Es ist eine wahre Satire, daß der Wiener Stadtrat, der von dem Geiste Ernst Schneiders inspirierte Stadtrat, gegen die angebliche Tierquälerei sich wendet! Und zwar zur selben Zeit, da die Wiener Antisemitenblätter über die Vorschläge Schneiders zur Unterdrückung der Attentate in Rußland berichten, über Vorschläge, die darin gipfeln, man möge nach; jedem Attentat — wohlgemerkt nach jedem von einem Nichtjuden begangenen Attentate — tausende von Juden töten! Das Geflunker der Wiener Antisemiten, daß sie das Schächtverbot wünschen, weil sie den Ochsen nicht weh tun wollen, wird höchstens den — Ochsen imponieren. Den Juden will man weh tun, die Juden will man durch ein Schächtverbot in ihren religiösen Gefühlen verletzen! Das ist die Wahrheit und daran werden die phrasenreichsten Referate des Stadtrates nichts ändern. Der Beweis, daß das tatsächlich eingeführte Schächtverbot ein Attentat gegen die religiöse Ueberzeugung der Juden bedeuten würde, braucht wohl nicht erst erbracht zu werden. Das weiß der Stadtrat ganz genau, er wäre darüber auch dann nicht im Unklaren, wenn keine oberstgerichtlichen Entscheidungen in dieser Frage vorlägen. Bemerkenswert aber ist, daß der Wiener Stadlrat den gehässigen Streich gegen die Juden zu führen geneigt ist, obgleich ihm kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß durch diese Chikanierung der Juden auch die christliche Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen werden müßte. Man würde durch das Schächtverbot die religiösen Juden in Wien zwingen, sich ihren Fleischbedarf außerhalb Wiens zu beschaffen, oder was uns die einfachste Lösung schiene, die Wiener Kultusgemeinde veranlassen, ein eigenes Schlachthaus, natürlich außerhalb der Gemarkung Wiens, zu errichten, woraus sogar der Kultusgemeinde eine nicht unbeträchtliche Einnahmsquelle erwachsen würde. Tie nächste unvermeidliche Folge davon wäre, daß zahlreiche christliche Fleischhauer, die bisher gegen 1000 Ochsen wöchentlich schlachten ließen und das vordere Fleisch den jüdischen Kunden teurer verkauften, um den Entgang hereinzubringen, mit dem Preise für die christlichen Kunden in die Höhe gehen müßten. Oder sollte vielleicht den Wiener Stadtral nächst dem Judenhasse noch das Interesse für die jetzt ins Leben tretende Großschlüchterei leiten, der zuliebe die Konkurrenz, die mit Rücksicht aus die Juden auch die Schächtmethode anwendet — niedergeschlagen werden soll? * * Wir haben des Vorschlages gedacht, den der Abgeordnete Ernst Schneider allen Ernstes in einer Wählerversammlung machte, um, wie er meinte, den Attentaten in Rußland ein Ende zu setzen. Die Zuhörer, die Schneiders würdigen Zuhörer, nahmen diese mordgierigen Auseinandersetzungen mit einem