Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063273--03542-3070307
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8. Die Wahrheit. Seite 7 Austreibungen, welche auf ausdrücklichen Befehl von Sergius 1887 und 1888 in Moskau stattgefunden haben. In Moskau lebten damals ungefähr 20 000 Juden, welche, trotzdem nur lehr wenige die von dem Gesetze geforderten Eigenschaften besaßen, durch stillschweigende Duldung der Behörden sehr lange Zeit in Moskau geblieben waren. Nur etwa 300 von diesen 20.000 Juden zahlten die vorgeschriebene Gewerbesteuer von 8000 Francs, die ein Recht auf Wohnsitz gab, oder befanden sich im Besitze von Universitätsdiplomen. Nur diese durften in der Stadt bleiben, alle anderen mußten Moskau binnen 24 Stunden verlassen, nur die Prostituierten, welche gelbe -Karten gelöst hatten, erhielten Aufenthaltsbewilligung. Die Austreibung der Juden erfolgte durch den damaligen Moskauer Polizeiprüfekten Trepow. Sie wurde mit brutalster Grausamkeit durchgeführt. Frauen, die sich nahe der Entbindung befanden, wurden bis an die Eisenbahn geschleppt und in die Züge geschoben. Noch aus jüngster Zeit wird folgendes Vorkommnis erzählt welches in den Kreisen der Revolutionäre viel besprochen wird: Eine Studentin jüdischen Glaubens griff, um an der Moskauer Universität weiter studieren zu können, zu dem Mittel, sich als Prostituierte einschreiben zu lassen. Nur so konnte sie in Moskau wohnen. Als die Polizei dahinterkam, daß das Mädchen anständig lebe, woraus die Jüdin übrigens auch kein Hehl machte, wurde das Mädchen wegen Nichtausübung eines polizeilich gestatteten Berufes ansgepeitscht und aus Moskau ausgewiesen. Es wird hier in russischen Kreisen zugegeben, daß seit den Verfolgungen durch Sergius viele Inden sich der revolutionären Bewegung angeschlossen haben, während die Juden früher sich von derselben ganz fernehielten. So hätten der nihilistischen Bewegung der Achtzigerjahre nur äußerst wenige Juden ihre Unterstützung gegeben. Die Jndenschaft Rußlands verurteilte sogar diese Bewegung der Nihilisten und die Gewalttaten. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abends, den 24. d. M., Predigt im Stadttempel. Wien. (Israelitische Kultus gemeinde Wie n.) In der -am 19. Februar 1905 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred .Stern stattgehabten Plenarsitzung des Kultusvorstandes wurde nach eingehender Debatte die Anstellung einer Oberin für die Siechenabteilung der israelitischen Versorgungsanstalt beschlossen. Bei diesem Anlasse kam auch die seit mehreren Jahren geplante Errichtung einer Schule für jüdische Pflegerinnen zur Sprache, worüber sich eine längere Debatte entwickelte. An derselben beteiligten sich die Herren Dr. Rappaport, Salo Cohn, v. G o l d s ch m i d t, Prof. Dr. E h r m a n n, S t i a ß n y, A u s p i tz, K a u d e r s, Tr. Steiner, Dr. Stein und Dr. Schnabl. lieber Antrag des Vorstehers Marmorek wird das Vertreterkollegium ersucht, in einer der nächsten Plenarsitzungen über den Stand der Angelegenheit Bericht zu erstatten, eventuell Anträge zu stellen. In derselben Sitzung wurde eine Ergänzung des Statutes des Spitals und der ^ersorgungsanstalt dahingehend beschlossen, daß im Falle einer später bekannt werdenden Zahlungsfähigkeit von ui diesen Anstalten unentgeltlich verpflegten Personen, der Kultusgemeinde das Recht zusteht, von denselben oder aus deren Nachlasse oder auf irgend eine andere Weise den Ersatz der Verpflegskosten zu beanspruchen. Das Ansuchen des Bethausvereines „Emuiias Awes“ um Beitragsleistung zur Bestellung eines Dajon wird abgelehnt; desgleichen das Ansuchen des Bethausvereines „Adass Jeschurun" um Subvention. Nach Erledigung von Stiftungsangelegenheiten und Personalien wird die Sitzung geschlossen. Wien. (Vortrag aus jüdischer Geschichte.) Donnerstag, den 2. März a. c., präzise 1/a8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Bereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Bortrag des Herrn Dr. Max G r u n w a l d statt. Thema: „Aus dem inneren Leben der Juden in Deutschland und Oesterreich." (Vorführung von Lichtbildern.) Eintritt frei ohne Karten. Wien. (Kaiser Franz Josephs-Ferienheim.) Die Anmeldungen von Petenten für die Aufnahme in die Kolonien des „Ferienheim" beginnen mit 1. März d. I. Das Ansuchen ist p e r s ö nl i ch von den Eltern oder Pflegeeltern des betreffenden Kindes, möglichst unter Vorlage eines Armutszeugnisses, im Vereinsbureau, IX., Türken- -straße 17, an den Tagen: Mittwoch, Donnerstag und Freitag, zwischen 4 und 7 Uhr nachmittags, vorzubringen. Wien. (Wiener I ü d i s ch e T o y n b e e-H a l l e, XX., K a r aj aii g ass e 20.) Vortragsordnung : Sonntag, 26. Februar, Prof. Dr.Adolf Weiß: Die alexandrinischen Juden und die Gegenwart. Montag, 27. Februar, Med. Dr. I. Lederer: Erkältung und Abhärtung. .Dienstag, 28. Februar, jur. Simonowicz: Moralphilosophische Fragen. Mittwoch, 1. März: Diskussion. Donnerstag, 2. März, Dr. Siegmund Werner: 300 Jahre Don Quijote. Freitag, 3. März: Bibelerklärung. Samstag, 4. März: Konzert. Sonntag, 5. März, Profesior Dr. W. Jerusalem: Der Ursprung der Sprache. Wien. Der Lehrerverein im II. Bezirke fjielt am 12. Februar 190s in den Prachtlokalitäten des Hotel Continental em Kostümkränzchen ab, das einen sehr animierten Verlauf nahm. Die Ballmusik besorgte die Musikkapelle des k. u. k. Jnf.-Reg. Nr. 60, das Tanzarrangemenr der beliebte Tanzmeister Herr Julius Singer. Das Reinerträgnis dürste hoffentlich dem Unterstützungsfonde des Vereines eine namhafte Summe zuführen. Baden. lRab bin er-Jubiläum.) Am 19. d. M. feierte Se. Ehrwürden, Rabbiner W. Reich, das 25jährige Jubiläum als Seelsorger der israelitischen Kultusgemeinde Baden. Er hatte das Glück, als junger, begabter und tatkräftiger Mann Rabbiner einer jungen, aufstrebenden Gemeinde zu werden, in welcher sich ihm ein weites Gebiet für feine vom Hause aus mitgebrachten rabbinischen Fähigkeiten eröffnete. Zusehends entwickelte sich da die ihm innewohnende Rednergabe und seine Kanzelreden wirkten immer mehr und stärker, faszinierender und packender, so daß alle seine Anregungen zu Wohlfahrts-Justitutionen in der Gemeinde leicht Auklang fanden und zum Nutzen derselben zur Ausführung gelangten. Sein nach Frieden und Einigkett strebender Sinn bewerkstelligte, die divergierenden Anschauungen der Gemeindemitglieder über Kultus und Unterricht zu vereinigen, so daß jetzt die Kultusgemeinde Baden sich eines guten und ruhmvollen Namens ersteut. Und der Vorstand dieser Gemeinde, mit seinem Präses, Herrn Moriz L e i t n e r, an der Spitze, der das Gute stets zu würdigen weiß, nahm also die 25. Jahreswende der seelsorglichen Amtstätigkeit dieses seines Rabbiners zum Anlasse, um ihm in einer besonders schönen und würdig durchgeführten Jubiläumsfeier den Dank und die Anerkennung der Kultusgemeinde zum Ausdrucke zu bringen. Der Verlauf der Feier selbst war folgender: Um fünf Uhr abends geleitete der Gesamtvorstand den Jubilar vom Kanzleigebäude in den hellerleuchteten und mit Pflanzen dekorierten Tempel, in dessen Vorhalle ein Baldachin aufgerichtet war. Hierselbst, von vielen hervorragenden Gästen erwartet, wurde er von eurem Schulknaben mit einem Gedichte begrüßt, welcher ihm zum Schluffe ein Blumeubouquet überreichte. Nach einer kurzen Erwiderung betrat der Rabbiner den bis auf das letzte Plätzchen besetzten Tempel, worauf Herr Oberkantor M. Seifert das „Ilulr Towu" mit Chorbegleirung anstimmte. Kauur war der Gesang verhallt, betrat der feiernde und gefeierte Rabbiner die Kanzel und fesselte in einer halbstündigen Festrede die Zuhörer, unter welchen die Bezirkshauptmannschaft, das Bezirksgericht, das Platzkommando, die Stadtgemeinde, wie sämtliche Schulinstitutionen vertreten waren. Nach Verrichtung des Kaisergebetes bei offener Bundeslade durch den Rabbiner erfolgte das Minchagebet durch den Oberkaittor. Den Schluß des Festes bildete die Absinguug der Volkshymne durch den Tempelchor. Nach Beendigung der Feier im Tempel wurde der Jubilar in den Sitzungssaal geleitet, wo ihm der Kultusvorsteher Herr Moriz Leitner nach einer an ihn gerichteten Ansprache, eine höchst geschmackvoll ausgeführte Adresse überreichte. Herr Anton Schneider richtete im Namen der Chewra Kadischa, zu deren Vorstand er gehört, eine Ansprache an den Rabbiner und feierte ihn zugleich als Anreger zur Gründung des in der hiesigen Kultusgemeinde segensreich wirkenden Frauenvereines. Mit Absingung des 111. Psalmes schloß die so seltene, schöne und erhebende Feier. Telegraphisch, beziehungsweise schriftlich gratulierten: Se. Exzellenz Graf Kielmannsegg, Statthalter von Nieder-Oesterreich; k. k. Statthaltereirat Freiherr v. Lasier; k. k. Bezirkshaupttnann Baron Egger, Baden; Baron Günzburg, Petersburg; Baronin Charlotte Königswarter; David Ritter von Gutmann; Hostat S. Ritter von Hahn: Hofrat Prof. Marchet, Reichsratsabgeordneter; k. k. Gymnasium Baden; Bürgermeister Baden; Bürgermeister Böslau; Israelitische Allianz; Oesterr.-israelit. Union: Landesrabbiner Dr. Platschet; Oberrabbiner Dr. Güdemann; Rabbiner Dr. Schmiedl; Rektor der israel.- theol. Lehranstalt Prof. Schwarz: Dr. Ungerleider, Berlin; Dr. Hildesheimer, Berlin; Dr. Ehrentreu, München; Dr. Mühsam, Graz; evanqel. Pfarrer Jronius, Baden und viele andere Rabbiner, Gemeinden und Korporationen von nah und fern. Baden. Frl. Gisela Schäfer, Tochter des langjährigen, beliebten und allgemein geschätzten Kantors. Herrn Jakob Schäfer, hat sich mit Herrn Geza B r e i n e r (Firma Weiser & Bremer) verlobt. Szenicz. Sonntag, am 19. d. M. wurde auf Antrag des Herrn Kultuspräses S ch ö n in a n n Mor unser Landsmann. Herr Samuel Wo ln er, aus Peoria, Jll., Amerika, anläßlich seines 60. Geburtstages zum Ehrenmitglied der Gemeinde erwählt, das Gleiche geschah auch von Seiten der Chewra-Kadischa. Herr Samuel Wollner verließ in seiner frühesten Jugend unsere engere Heimat und ging nach Amerika, woselbst seine Brüder bereits ansässig waren. Die Gebrüder Wolner haben durch Fleiß, Tüchtigkeit und Redlichkeit großes Vermögen erworben und sich eine hervorragende soziale Stellung errungen. Herr Samuel Wolner insbeionders hängt ttotz seiner hervorragenden angesehenen Stellung, die er in Amerika einnimmt, mit allen Fasern seines Herzens an seinem Geburtsort. Es ist für ihn ein Herzensbedürfnis, von Zeit zu Zeit die weite Reise zu machen, um seine Geburtsstätte aufzusuchen. Alljährlich an der Jahreswende seines Geburtstages, am 11. März, schickt er an unseren ehrwürdigen Herrn Rabbiner Marmorstein eine cble Spende zur Verteilung an die hierorttgen Armen und Bedürftigen. Bor einigen Jahren schentte er der Kultusgemeinde ein prachtvoll ausgestattetes, silbernes Ner-Tomid und so oft er hier weilt, herrscht Jubel und Freude in unserer Gemeinde. Die Gemeinde benützte daher mit Vergnügen die Gelegenheit, ihn an seinem Freudentage zu ehren und durch die Ernennung zum Ehrenmitgliede auszuzeichnen. Die hiesige

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.