Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 8. wurden. In einer der Propaganda-Versammlungen, welche das Berliner Lokalkomitee von Ahlem veranstaltet hat, machte die Mitteilung einer Familie über die bei ihrem Kinde in Ahlem erzielten Ergebnisse großen Eindruck. Der Knabe, welcher bis zu seinem achten Jahre an Veitstanz litt und kaum ordentlich sprechen konnte, wurde auf den Rat des Arztes, welcher Erziehung auf dem Lande vorschrieb, in Ahlem untergebracht. Mehrjährige Erziehung daselbst hatte das Kind derartig körperlich und geistig gekräftigt. daß es als normal angesehen werden konnte. Allmählich kam Ahlem zur Anerkennung, welche u. a. darin ihren Ausdruck fand, daß die Jewish Colonisation Association zur Ermöglichung von Neubauten eine Hypothek gewährte und eine Anzahl russischer Knaben in Ahlem erziehen ließ. Im Sommer des Jahres 1904 schickte die Alliance Israelite Universelle einige Lehrer nach Ahlem, welche sich in Gartenbau und Handfertigkeit üben sollten. Konsul Simon hatte auch bei diesen jungen Leuten die Genugtuung, daß sie die Ahlemer Tätigkeit umsomehr liebten, je länger sie dort waren. Auch im Publikum fand Konsul Simon mehr und mehr Anerkennung, so daß die Zahl der Mitglieder und die Beiträge für Ahlem sich stetig vermehrt haben. Der Propaganda für Ahlem war im Anfang Konsul Simons Idealismus schädlich gewesen. Er hatte in den ersten Berichten über mangelnde Teilnahme für Ahlem geklagt; sachlich hatte er damit recht, psychologisch hielt bei dem bekannten Herdensinn der meisten Menschen die mangelnde Anerkennung vom Beitritt zurück. Erst als die Berichte mehr Zuversicht atmeten, wurde das Interesse des Publikums für die Anstalt reger. Konsul Simon, welcher dem Zenttal - Komitee der Alliance Israelite Universelle angehörte, hatte auch hier das Bestreben, seinen Erziehungsideen zur Durchführung zu verhelfen. Er war der richtigen Meinung, daß zunächst die Lehrer im Handfertigkeitsunterricht ausgebildet werden müßten, da es an den Plätzen, in welchen sich Alliance-Schulen befinden, an geeigneten Lehrern fehlen würde. Und nachdem er dies erkannt, gab er nicht etwa den Rat, einen solchen Unterricht im Lehrerseminar der Alliance zu Auteuil einzuführen, sondern kurzerhand schenkte er dem Institut eine großartig eingerichtete Tischlerwerkftätte. Bei einem seiner letzten Besuche in Paris konnte er sich daran erfreuen, daß für die umfangreiche neu erbaute Bibliothek der Alliance die sämtlichen Tischlerarbeiten von den Seminaristen geferttgt waren. Es ist vielfach so aufgefaßt worden, als sei es lediglich das Bestreben Simons, gewesen, eine Anzahl von Knaben dem Gartenbau zuzuführen. Dies hieße seine Idee zu klein ansehen. Vom Gartenbau war er allerdings ausgegangen; aus der Freude, die er selbst an Pflanzen empfunden, (er hatte namentlich Maiglöckchen gezüchtet) war seine Idee hervorgegangen, jüdische Kinder dem Acker- und Gartenbau zuzuführen. Er hatte auch von vornherein den richtigen Gedanken, daß man den Knaben möglichst früh die Liebe zum Boden einpflanzen muß. Allmählich aber kam er zu der Ueberzeugung, daß für alle Kinder eine derarttge Erziehung segensreich sei. Und so trägt die Ahlemer Anstalt mit Recht die Bezeichnung „Erziehungsanstalt" und nicht Ackerbauschule oder einen derartigen Namen. Will man mit wenigen Worten das Lebenswerk Simons schildern, so darf man sagen, daß sein philanthropischer Jnsttnkt ihn den Typus des Erziehungshauses hat finden und verwirklichen lassen, welchen die moderne Pädagogik empfiehlt und welcher gegenüber dem bisherigen Leben in großen Städten und der Beschäftigung mit abstrakter geistiger Tätigkeit bei der jüdischen Bevölkerung erst recht geboten ist. H. M. C. Verband für Statistik der Juden. Am 12. Februar 1905 fand in Berlin in dem Logenraum des U. O. Bnei Brith die Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Inden und im Anschluß an dieselbe eine Versammlung der jüdischen Intelligenz in Angelegenheiten der Statistik statt. Nachdem der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Alfred Nossig, die Anwesenden begrüßt hatte, erfolgte der Vortrag des Referates von Dr. Arthur Cohen, Vorsitzenden des „Vereins für Statistik der Inden" in Bayern, „Statistik und Judenfrage". Nach einer allgemeinen, der Bedeutung der Statistik überhaupt gewidmeten Einleitung ging das Referat aus die Aufgaben der konfessionellen Statistik ein und wies die spezielle Tragweite der Statistik für die Lösung der Judenfrage nach. Allerdings müssen sich die statistischen Organe ausschließlich mir der wissenschaftlichen Behandlung der Statistik befassen, während die praktische Verwendung der Ergebnisse der letzteren den Gemeindeverwaltungen und Wohlfahrtsorganisationen überlassen werden muß. Das in Abwesenheit des Verfassers von Dr. I. Thon vorgelesene Referat wurde von der Versammlung beifällig ausgenommen. Der vom Vorsitzenden erstattete Bericht über die Tätigkeit des Kuratoriums und des Vorstandes für das Jahr 1904 schilderte in kurzen Zügen die auf Grund der Beschlüsse der vorjährigen Generalversammlung erfolgte Bildung des Kuratoriums und Gründung eines Bureaus für Statistik der Juden. Dieses Bureau, welches ani 1. Oktober 1904 unter der Leitung von Dr. Arthur Ruppiu eröffnet wurde, befaßt sich, als eine Zentraliustitution für alle jüdisch-statistiichen Arbeiten einerseits mit Untersuchungen und Ausarbeitungen, die ihm von anderen Institutionen übertragen werden, andererseits mit planvollen Vorbereitungen zu einer wissenschaftlichen Gesamtstatistik der Juden.. Unter den organisatorischen Tätigkeiten des Verbandes ist die Bildung von Kommissionen für Statistik der Juden in Wien und Budapest hervorzuheben. Das Entstehen selbständiger Vereine für Statistik der Juden in England und Bayern veranlaßte die Umgestaltung des früheren Vereines in einen Verband von Vereinen. Zahlreichen Anregungen folgend ersetzte man überdies auf Grund einer Umfrage bei den-Mitgliedern die Worte, „jüdische Statistik" durch „Statistik der Juden". Nach Genehmigung des vom Schatzmeister des Verbandes, Ingenieur S. Eli as b erg, vorgelegten Kassenberichtes ergriff in der hierauf folgenden Diskussion zunächst Rechtsanwalt Dr. Horwitz das Wort, indem er die Frage ventilierte, ob das gesamte von dem Bureau für Statistik aufgebrachte Material zur Veröffentlichung bestimmt sei oder ob gewisse Teile desselben im Archiv zu verbleiben hätten. Dr. K a st a n vertrat die Ansicht, daß die gesammelten Angaben mit möglichster Vollständigkeit publiziert werden sollen. Nach längerer Erörterung dieser Frage, an der sich auch Justizrat Dr. Eugen Fuchs, beteiligte, neigte sich die Versammlung der Ansicht Dr. Kaftans zu. San.-Rat Dr. M a r e tz k i regte hierauf die beifällig aufgenommene Idee an, daß das Bureau sür Statistik über die Lage der in verschiedenen Berufen arbeitenden, zu selbstständigem wirtschaftlichen Leben gezwungenen jüdischen Frauen eine Untersuchung anstelle. Die Diskussion über diesen Vorschlag ergab, daß er nur dann durchführbar wäre, wenn dem Bureau ein spezieller Fonds für diesen Zweck überwiesen werden würde. Im weiteren Verlaufe wandte sich die Diskussion der im Referat Dr. Cohen berührten Frage der Unerläßlichkeit der Statistik für die Arbeiten der jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen zu. Die Versammlung votierte in dieser Hinsicht nachstehende Resolutionen: I. In Erwägung, daß die jüdischen Wohlfahrtsaktionen nur auf Grund genauer statistischer Angaben in wirklich gedeihlicher Weise geführt werden können, werden die jüdischen Organisationen eingeloden, ihr Augenmerk mehr als bisher statistischen Arbeiten zuzuwenden und insbesondere die Auswanderungs- und Kolonisationsaktion tunlichst auf statistischer Grundlage zu betreiben. U. Die jüdischen Organisationen werden eingeladen, behufs Herstellung der unerläßlichen statistischen Basis für ihre Wirksamkeit das Bureau für Statistik der Juden mit Fonds von zweckentsprechender Höhe auszustatten. Dem neuen Vorstande wurde die Direktive erteilt, die Verwirklichung dieser Resolutionen auf geeignetem Wege anzustreben. Aus den Wahlen, welche auf Antrag von Dr. Hirsch Hildesheimer durch Zuruf erfolgte, gingen die meisten Mitglieder des vorjährigen Vorstandes hervor: als Vorsitzender Dr. . Alfred Nossig, als Beisitzer Dr. Martin B u b e r, Berthold F e i w e l, Ing. Stefan P e r e z, Davis Trietsch, Dr. Theodor Zlocisti. An Stelle des auf eigenen Wunsch ausscheidenden Ing. S. Eliasberg wurde Hr. Benno Braun gewählt. In die Revisionskommission wählte man Richard Cassel und Ing. S. E l i a s b e r g. Mit Dankesworten des Vorsitzenden an die. Erschienenen schloß die Versammlung, welche den Beweis erbracht hatte, daß das Verständnis und das Interesse für die Statistik der Juden im Wachsen begriffen seien. - Großfürst Sergius und die Juden. Es ist bekannt, , daß Großfürst Sergius aus politischen Gründen die größten und grausamsten Verfolgungen der Inden sich zum Programm gemacht hatte. Er wollte die Judenfrage mit der Vernichtung der Juden oder mit ihrer Hinausführung aus Rußland lösen. Ein russischer Revolutionär, der in Paris lebt, der Redakteur der „Tribüne Russe," Roubanowitsch, äußert sich wie folgt über diese Seite der Tätigkeit des ermordeten Großfürsten: Manche seiner Me hatten allgemeine Entrüstung hervorgerusen. Man erinnert sich noch der furchtbaren Juden-