Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063265-3063273--03539-3070304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

L-:. « Seite 4. Die Wahrheit Nr. 8. auch Vorschlägen, daß der Vereinsvorstand den bereits vorhandenen, ziemlich ansehnlichen Baufond nicht bis zur Erreichung der ganzen, für die gesamte Anlage notwendigen Bausumme thesauriere, sondern, da wahrscheinlich die Anstatt im Pavillonsystem gedacht ist, schon jetzt mit der Erbauung eines oder zweier Pavillons beginne und diesen Teil seiner Bestimmung zuführe. Ist einmal die Anstalt in Aktivität, dann wird es auch leichter sein, das Interesse der weiteren jüdischen Oeffentlichkeit für dieselbe zu erwecken und ihren Ausbau in dem ursprünglich geplanten Umfange zu ermöglichen. Daß dieser Zeitpunkt baldigst eintrete, wünschen wir im Interesse unserer armen, kranken Glaubensbrüder, denen in der Aera religiöser Unduldsamkeit die Aufnahme in ähnliche Heilstätten schwerer als je gemacht wird. Aus der Mache. Die Diskussion über die Frage, ob das alte Testament schon das Gebot der Nächstenliebe kenne, ist, wie wir neulich an dieser Stelle bemerkten, auch durch die Demonstration aä oculos nicht immer entschieden worden. Einen pikanten Beweis hiefür bietet eine Reminiszenz, die in der „Neuen Freien Presse" dieser Tage zu lesen war. Da hieß es u. A.: „Ein österreichischer Reichsratsabgeordneter namens B .. . fuhr mit einem k. k. österreichischen Unterrichtsminister vor vielen, vielen Jahren in einem Kupee und es entspann sich ein Gespräch über das Thema „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Der Abgeordnete bemerkte, daß dies schon im alten Testamente stehe; der Unterrichtsminister wollte es nicht glauben. In der nächsten großen Station wurde eine Bibel herbeigeschafft — aber der Minister traute seinen eigenen Augen nicht." Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir zu diesem Thema eine Zuschrift, die einen Standpunkt vertritt, der uns ebenso originell als beachtenswert erscheint. Wir teilen hier die Hauptstellen mit: „So absurd und falsch die von den Judenfeinden mit so vielem Behagen aufgetischte Behauptung auch ist, daß das alte Testament das Gebot der Nächstenliebe nicht lehre, so würde ich doch einmal zur Abwechslung Vorschlägen, daß wir Juden diese Lüge akzeptieren. Dagegen aber sollten wir die Frage aufstellen: Lehrt das alte Testament nicht ausdrücklich, daß wir uns nicht rächen sollen, daß wir uns nicht freuen dürfen, wenn unser Feind unter seiner Last zusammenbricht, und daß wir ihm Beistand leisten sollen? Befiehlt das alte Testament nicht, daß wir Gerechtigkeit üben sollen, daß wir Lüge und Verleumdung hassen sollen? Wie wäre es nun, wenn die Antisemiten, denen ihr angebliches Christentum — wie sie behaupten — zuerst die hehre, erhabene Pflicht der alle Menschen umfassenden Nächstenliebe gebracht, den Juden gegenüber nur jene ethischen Lehren befolgen würden, die — wie sie selbst zugeben — das alte Testament Jedermann gegenüber als Pflicht hinstellt. Die ..Nächstenliebe" hat die Antisemiten nicht gehindert, gegen die Juden ungerecht, haßerfüllt vorzugehen, sie begeistert sie, im Kampfe gegen die Juden von den . vergiftetsten Lügen und Verleumdungen Gebrauch zu machen. -Die Juden schenken ihnen diese „Nächstenliebe." Die Juden -wären ganz zufrieden, wenn die Judenhasser zum Tausche dafür sich der armseligen, bescheidenen, primitiven Tugenden befleißen -wollten, die das alte Testament predigt. An dem Tage hätte das 7 letzte Stündlein des Antisemitismus geschlagen, der wie man .feit nahezu zwei Jahrtausenden sieht, trotz des Evangeliums recht üppig gäreiht. * Anläßlich des grauenhaften Todes, der den Großfürsten Sergius ereilte, ermüden die antisemitischen Blätter nicht, darauf hinzuweisen, daß das die „Rache für Kischinew" sei. Diese Borniertheit müßte ein Lächeln Hervorrufen, wenn sie - nicht so gehässig und aufreizend wirken würde. Die gesamte europäische Presse bringt -spaltenlange Mitteilungen über die grausamen Handlungen des Großfürsten, unter denen — nicht die Juden, sondern unzählige christliche Studenten und Studentinnen zu leiden hatten. Sie erinnern an hie furchtbaren Verfolgungen, welchen die geistige Blüte Rußlands, alle freisinnigen Elemente des Landes durch den herzlosen, brutalen, tyrannischen Großfürsten Sergius preisgegeben 'waren. Und da soll das Attentat auf Sergius ausschließlich und lediglich die „Rache für Kischinew" sein? Das ist zu dumm. Vielleicht glauben es nicht einmal die Schreiber der Antisemitenblätter selbst, obgleich diese durch das ewige Wiederkauen ihrer eigenen Borniertheiten gewiß schon auf ein sehr tiefes, geistiges Niveau gesunken sein dürften. * * * Der Abgeordnete Pernerstorfer hat mit einem Freimut und einer Objektivität, die ihm alle Ehre macht, die klerikalen Abgeordneten, die einen erhöhten Schutz gegen die Beleidigungen der katholischen Kirche fordern daran erinnert, daß mit der Hetze gegen die religiösen Gefühle — die Antisemiten angefangen haben.. Damals meinte er, als die ..heiligen Bücher" der Juden im Parlamente dem Spotte und der Verhöhnung preisgegeben wurden, hätten die klerikalen und überhaupt die sich als Christen fühlenden Abgeordneten dem schändlichen Treiben entgegen treten sollen. Herr Pernerstorfer hätte noch weiter gehen können. Er hätte die Herrschaften daran erinnern dürfen, daß an dieser Hetze sogar katholische Geistliche in hervorragender Weise sich beteiligten und daß es nun Niemanden überraschen dürfe, wenn die Alldeutschen nicht viel Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Testament machen. -i- * * Einen kleinen Beitrag zum Kapitel der christlich-sozialen Parteiwirtschaft registrieren Wiener Blätter: Die Tochter des Stadtrates Brauneiß, eine provisorische Unterlehrerin mit drei Dienstjahren, wurde zur B ü r g e r s ch u l l e h r e r i n ernannt. Die junge Dame übersprang bei ihrem Avancement eine Reihe von Lehrerinnen, die mehr D i e n st j a h r e, als Fräulein Brauneiß Lebensjahre zählt! Ünd diese christlich-soziale Partei erkühnt sich zu behaupten, daß sie ins Leben getreten sei, um die Korruption zu bekämpfen! Notabene, die von dem christlichsozialen Stadtratstöchterchen überflügelten Lehrerinnen waren keine — Jüdinnen. In dem Falle hätte ja in Wien niemand etwas auffallendes an der Sache zu finden. Daß Juden und Jüdinnen in der christlich-sozialen Aera zurückgesetzt und unterdrückt werden, gilt ja schon als allgemein anerkanntes — Gewohnheitsunrecht. Die Größe desselben muß sogar schon Herrn Dr. Lueger eingeleuchtet haben, denn das letzte Lehreravancement brachte auch einigen jüdischen Unterlehrern das lange vorenthaltene Definitivum. Allerdings höchst bemerkenswert ist es, daß der Herr Bürgermeister dabei den Wunsch geäußert haben soll, über das gutgemachte Unrecht vor der Oeffentlichkeit möglichst zu schweigen. Prager örieke. In der letzten Nummer d. Bl. war die Mitteilung zu lesen, daß das alte jüdische Rathaus und die daran grenzende Hochsynagoge demoliert werden sollen, daß aber Freunde von Alt-Prag Schritte unternommen haben, das zu verhindern. Selbstverständlich muß es für einen jeden, der noch einigermaßen jüdisch fühlt, wenn er auch sonst kein Freund von Alt- Prag ist, nicht blos eine religiöse, sondern auch eine Herzenssache sein, die jüdischen Alter- und. Heiligtümer zu erhalten. Ob aber nach den Erfahrungen, die die israelitische Beerdigungsbruderschaft und auch andere Korporationen bei ihren Bemühungen, den altehrwürdigen jüdischen Friedhof unverkürzt zu erhalten, gemacht haben, auf die Erhaltung der jetzt in Frage kommenden Objekte gehofft werden kann, ist; zum mindesten nicht mit Sicherheit zu bejahen. Ja, wären diese Alter- und Heiligtümer nicht Zeugen einer ruhmvollen jüdischen Vergangenheit, wären sie überhaupt nicht jüdisch, dann würden allerdings die Dinge anders stehen. Vor einigen Wochen berichteten die hiesigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.