Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063272--03532-3070296- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
msm Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 7. selbst so bald seinen Weg zur letzten Ruhestätte.nehmen müsse. Die Trauergemeinde stand noch tief erschüttert unter dem mächtigen Eindrücke der Worte des Predigers, als der Männergesangverein vereint mit dem Tempelchore dem ehemaligen Obmanne seine letzten Abschiedsgrüße in einem wehmütigen Trauerchorale entbot. Hierauf wurde der Sarg mit der irdischen Hülle des Verblichenen im stattlichen Zuge nach dem Friedhofe geleitet. In der Zeremonienhalle, welche ihre Erbauung der tatkräftigen Initiative des Verstorbenen verdankt, ein kleines Kunstwerk moderner Architektur, nahm, nachdem Herr Oberkantor H. Fuchs in ergreifender Weise, unter Affistenz des Tempelchores, das Hazur-Tomim rezitiert hatte, der Rabbiner Dr. P o l l a k namens der Verwandten, des Kultusausschusses, der Beamten und Bediensteten, sowie namens der Freunde und zahlreichen Bekannten des Verstorbenen Abschied von dem Toten. Und als dann der Leichnam in die kühle Erde gesenkt wurde, da glitten mit den Schollen, die dumpf auf den Sarg des Verblichenen niederfielen, in das frische Grab zahllose Tränen aufrichtiger Trauer hinab. F. Zungbuuzlau. Am 1. Februar wurde in unserer Gemeinde der langjährige verdienstvolle Funktionär der Chewra-Kadischa, des Vereines Bi kur Chaulim, des Frauen- und Chorvereines „Harmonia", Herr Ignaz R o L d a 1 o v i c, im 50. Lebensjahre zu Grabe getragen. Die Sympathie, welcher sich der Verstorbene erfreute, wurde durch die geradezu großartige Teilnahme fast der ganzen Bevölkerung unserer Stadt an seinem Leichenbegängnisse bekundet. Der Verblichene war als Glasermeister ein beliebtes Mitglied des Handwerkervereines und Kassier und wirkliches Mitglied des städtischen Feuerwehrvereines. Mit Aufopferung seiner Person fehlte er bei keinem Brande und in der Erfüllung übernommener Pflichten kam ihn: keiner gleich. In der Friedhofshalle hielt Herr Rabbiner Dr. Hoch mit bewegten Worten einen Nachruf, in welchem er die ausgezeichneten Eigenschaften des Verblichenen schilderte. Oberkantor Singer rezitierte die üblichen Trauergebete und dirigierte den gemischten Chor und das Quartett, welches das Mendelssohnsche „Es ist bestimmt in Gottes Rat" in feinster Nuancierung vortrug. Hierauf hoben Feuerwehrmänner den Sarg und ttugen ihn an jenen Ort der Ruhe, wohin der Verstorbene so viele Hunderte seiner Glaubensgenossen selbst bettete. Die gebeugte trauernde Witwe, die als Solosängerin immer eine Stütze unseres Chorvereines war und hoffentlich bleiben wird, erhielt von allen Seiten Teilnahmsbezeugungen, die ihr allenfalls Trost bringen in dem großen Unglück, das sie und ihre Kinder bettoffeu hat. n'S'af'i'JT. B. S. Prag. Die berühmte Altneu-Synagoge, dieses Heiligtum der > Prager Judenschaft, und das jüdische Rathaus, dieser alte, ehrwürdige . Bau mit der seltsamen Fayade, mit den merkwürdigen Uhrtürmen, sind in 1 Gefahr, wegrasiert oder verstümmelt zu werden. Einer der wundervollsten Winkel des Prager Ghettos muß der baulichen Entwicklung der alten Moldaustadt zu einer modernen Großstadt zum Opfer fallen. Zwar wagt sich die große Umwälzung, die sich in den winkligen Gassen der Altstadt und des Ghettos vollzieht, an die Altneu-Synagoge, diesen mehr als 600 \ Jahre alten, unvergleichlichen Tempel, noch nicht heran. Aber die Straße,! die vorbeiführt, soll um anderthalb Meter erhöht werden, so daß die j Wirkung dieses Bauwerkes total verloren ginge. Das Rathaus mit der l angrenzenden Hofsynagoge soll niedergeriffen werden. Der Klub der Freunde Altprags, der zumeist aus Künstlern und Schriftstellern besteht, wendet sich nun an alle jüdischen Korporationen, an den Stadttat und die ganze Oeffentlichkeit, diesen Teil der berühmten Prager Judenstadt soweit als möglich zu erhalten, und er schlägt eine Preisausschreibung für die beste Lösung dieser Frage vor. Budapest. In der am 11. d. M. abgehaltenen Sitzung der Budapester aut.-orthodoxen isr. Gemeinderepräsentanz wurden mit Akklamation wiedergewählt: zum Gemeindepräses Max Freudiger, zu Vizepräsidenten Dr. Jakob Schächter und Adolf Frankl, zum Vorsteher der Schulsektion Dr. Wilhelm Totis, zum Vorsteher der Kultussektion Isidor Abel es, zum Gemeindekassier Edmund Müller, zum Kontrollor Josef Feith. Budapest. Eine glänzende Trauung fand Sonntag im hiesigen israelitischen Kultustempel in der Tabakgaffe statt. Der Advokat Dr. Theodor Forbat führte das Fräulein Mizzi Oesterreicher zum Traualtar.. In den Reihen des anwesenden vornehmen Publikums bemerkten wir unter anderen den Oberbürgermeister Josef Markus, den Bezirksvorsteher Alexander Eßlary, ferner die Stadtrepräsentanten und den Ausschuß des HX Bezirkes unter Führung des Reichstags-Abgeordneten Dr. Karl Morzsanyi und Gustav G. Ehrlich den Beamtenkörper der ungarischen Handels-Aktiengesellschaft, die Direktoren Paul v. Elek, Philipp Weiß, Emerich Vajda, Ignaz Trebitsch, Adolf Zala, Oskar v. Szirmai und Arthur Szftmai. Ferner bemerkten wir den Kultuschef Ludwig Adler, den Präsidenten der ungarischen Handelsakademie kön. Rat Martin Schweiger, Josef v. Wolfner, Dr. Ferdinand Adler, Dr. Alois Unger, Dr. Josef Spitzer u. a. Den liturgischen Teil der Feier zelebrierte Oberkantor Prof. Adolf Lazarus, wobei er mit einem herrlichen Solo die Anwesenden geradezu elektrisierte. Rabbiner Dr. Samuel Kohn vollzog den eigentlichen Trauakt und gab dem Herzensbunde des jungen Paares die Weihe der Religion. Der gelehrte Kanzelredner hielt aus diesem Anlasse eine gedankenreiche Ansprache an die Neuvermählten. I). Bl. 8. Berlin. Die Sterblichkei tunte rden Juden ist nach einem in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift besprochenen, interessanten, neuen Aufsatz des bekannten Hygienikers Dr. Stephan niedriger als in der gemischten christlichen Bevölkerung; insonderheit gilt dies von der Kindersterblichkeit. Ebenso steht es mit der Zahl der Totgeborenen. Daher nimmt die Zahl der Juden relativ schneller zu, als die der übrigen Bevölkerung. Hand in Hand damit geht eine geringere Morbidität. Sosind akute Krankheiten, schwere organische Erkrankungen der Nieren, derr Leber und des Zentralnervensystems, ferner Tuberkulose und Lues bei den Juden relativ selten. Dagegen sind Diabetes, funktionelle Erkrankungen des Nervensystems und Psychose relativ häufig. Breslau. (EinfürstlicherWohltäter.) Der Stadtgemeinim Breslau ist eine fürstliche Schenkung mit der Drei-Millionen-Stiftung des Herrn,'Rittergutsbesitzers Julius Schottländer zuteil geworden. Es ist ein sinniges Zeichen des edlen Mannes, welcher, von anderen Schenkungen abgesehen, die Stadt Breslau mit dem Südpark erfreut und seiner Glaubensgemeinde eine Altersversorgungsanstalt und das Schwesternheim gestiftet hat, zum 70. Geburtstage von neuem einen reichen Segen über die Armen seiner Heimatsstadt auszustrcuen. — Das Stistungskapital beträgt 3,000.000 Mark, davon bestehen 2,000.000 Mark in Effekten und Wertpapieren. Dazu kommt ein dem Stifter gehöriges Grundstück,, welches einen Kaufwert von 1,000.000 Mark besitzt. Die Gesamtsumme von 3,000.000 Mark liefert vierperzentig einen Jahreszins von 120.000 Mark Von dieser Summe sollen 10%, also 12.000 Mark 100 Jahre lang mit den Zinsen und Zinseszinsen aufgesammelt und dann dem Kapital zur Vergrößerung desselben zugeführt werden. Der Hauptteil des Zinsertrages (90%), also 108.000 Mk., soll dazu dienen, woltätige Anstalten, Gesellschaften und Vereine, und zwar nicht blos jüdischen, sondern ohne Unterschied der Konfession in ihrem weiteren Bestehen zu fördern. In Betracht kommen dabei die gemeinnützigen Vereine sowohl seiner Geburtsstadt Münsterberg als auch seiner Heimatsstadt Breslau und des Landkreises. Irgendwelche neue Stiftungen oder neue Anstalten zu schaffen, liegt nicht im Sinne des Stifters. Dagegen hat er Vorsorge getroffen, daß Teile der Stiftung für besondere plötzliche Notfälle, Katastrophen und in Kriegszeiten flüssig gemacht werden. Der edle Mann hat offenbar nur bei Lebzeiten materiell zum Ausdruck bringen wollen, daß auch nach seinem Scheiden aus der Welt die gemeinnützigen Anstalten beider Städte sich nach wie vor seiner steten Förderung erfreuen sollen. Die Verwaltung der Stiftung geschieht nach dem Willen des Stifters auf die allereinfachste Weise; die Formen sind bereits gewählt, die landesherrliche Genehmigung ist bei der königl. Regierung nachgesucht worden. Die Stiftung wird weder dem Magistrat, noch dem Vorstand der Synagogengemeinde übergeben.. Ein besonderes Kuratorium wird dieselbe verwalten. Solange Herr Julius Schottländer lebt, ist er der Verwalter der Stiftung. Die Ernennung von Kuratoren hat er sich Vorbehalten. Nach seinem Ableben sollen seine Frau und seine Söhne, beziehungsweise der jedesmalige Besitzer seines Rittergutes Hartlieb, die Verwaltung führen, sofern derselbe noch Jude ist; nur diese eine Bedingung hat der Stifter an die Verwaltung geknüpft. Dieselbe Bedingung hat er auch ausgesprochen inbezug auf die Beiträge, welche seinen Familien-Stiftungen znfallen; Glieder seines Hauses sollen sich nur dann des Zinsgenusses der Familien-Stiftungen erfreuen, wenn sie noch dem Judentum angehören. Damit hat der Stifter seine Treue am väterlichen Glauben auch über seinen Tod hinaus besiegeln wollen. Der große, durch den Antisemitismus erzeugte, für den Bestand des Judentums gefahrdrohende Abfall vom Glauben der Väter, welcher auch die Gemeinde Breslau ergriffen hat, ist an der Familie des edlen Mannes nicht spurlos vorübergegangen und hat ihm schwere Stunden bereitet. Als er vor Jahren im elgenen Hause von diesem Mißgeschick betroffen wurde, da legte er fteiwillig das Ehrenamt, mit dem ihn die Repräsentanten der Gemeinde Breslau bettaut hatten, in die Hände seiner Wähler zurück. Die Repräsentanten-Versammlung aber wählte ihn unverzüglich in den Vorstand wieder Sie hat damit offenbar zu'erkennen geben wollen, daß sie jede Gemeinschaft des Gewählten mit der Handlungsweise eines abgefallenen Gliedes - seines Hauses von sich weist. Wie der jüdische Gemeindevorsteher Schottländer das ehrende Vertrauen der Breslauer Repräsentation verdient hat, das hat er bei diesem Stiftungsakte bewiesen. Wer in heutiger Zeit die kleine Schar der tapferen Kämpfer verläßt, der geht ins feindliche Lager über und verdient nicht unsere Ächtung^ Ehre dem Manne, der die Fahne desväterlichen Glaubens hochhält. Hannover. Der vor kurzem verstorbene Philantrop Konsul a. D. Bankier Simon hat 2,000.000 Mark zu Stiftungen für humanitäre Zwecke hinterlassen. Sofia. Gefährlich konnte folgender Vorfall für die Juden Bulgariens werden. In Sofia, dem Zentrum der revolutionären Mazedonier,, gingen vor kurzem an einem Sonntage drei Mazedonier durch die Judengasse und belästigten ein am Haustor stehendes Mädchen, worauf dieses um Hilfe rief. Es erschienen einige zufällig bewaffnete Juden. Die Bulgaren zogen die Messer, und die jüdischen Retter verteidigten sich mit ihren Waffen. Dabei wurden die Bulgaren so schwer verletzt, daß sie sofort ins Spital gebracht werden mußten. Der eine starb nach einigen Stunden, und die beiden anderen befinden sich auch in einem gefährlichen Zustande. Die antisemitischen Blätter von Sofia fänden nun Gelegenheit, über die Juden loszuziehen. Nachdem sie den Vorfall ganz entstellt Wiedergaben, schrieben sie, die Juden Bulgariens würden ganz vergessen, daß sie nur als Fremde geduldet werden und möchten übrigens nicht überrascht sein, wenn man eines Tages auch in Bulgarien die Kifchenewer Szenen aufführen wird. Dagegen nahm die. judenfreundliche „Wetscherna Poschta" (Abendpost) die Juden jn Schutz und rechtfertigte den Vorfall als Notwehr. Gleicherweise zog dieses Ereignis keine schlimmen Folgen nach sich. Petersburg. Nach der Zeitung „Naschi Dni" hob das Ministerium des Innern das Verbot des Walderwerbes durch Juden außerhalb ihres- Ansässigkeitsbezirkes auf, da darauf hingewiesen wurde, daß das . Verbotdie Holzpreise drücke.