Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 7 (17.2.1905)
- Date
- 1905-02-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesterr.-uiigar. Kantoren-Zeitung. Der Snsierismns und die moderne synagogale Liturgie. Von P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. I. Verklungen sind die süßen Harmonien der „Schire Zion", die in diesem Jahre bald hier, bald dort ertönten; verhallt sind bie Gedächtnisreden, die überall einen integrierenden Teil der Sulzer-Zentennarfeier gebildet haben. Fast aus allen Kanzeln ber modernen Synagogen in beiden Hemisphären vereinigten sich Wort und Ton, um den hundertjährigen Geburtstag des berühmten Meisters des heiligen Wortes und Tones zu feiern, und aller Welt wurde laut verkündet, was Salomon Snlzer für die Synagoge gewirkt hat. *) Eine solche Feier ist ohne Zweifel aus zwei Gründen ein Unikum in der Geschichte unserer Synagoge: erstens besaß die Synagoge bis nun keine Geschichte* 2), und zweitens hatte sie bis dahin keinen so berühmten Litnrgen wie Salomon Snlzer. Es mar daher die erste und vielleicht auch die letzte Feier in ihrer umfangreichen und internationalen Bedeutung in der langen Zeit unserer Diaspora, und darum erachte ich es auch als moralische Pflicht, nicht nur die Tätigkeit dieses berühmten Mannes als eine Erscheinung der historischen Vergangenheit zu charakterisieren, sondern vielmehr nach seiner Erbschaft, dem Sulzerismus, seinem Wesen und wiefern er als Genre für die Zukunft in unserer Liturgie gelten darf und kann, diesen Aufsatz zu widmen. Eine objektive Auffassung des Sulzerismus scheint mir von der Ferne leichter möglich als an dem Orte, wo er durch die Macht der Gewohnheit fast unanalysierbar geworden ist, und ich hoffe auch, daß niemand eine solche Analyse als unbescheiden oder gar als Vermessenheit betrachten wird. „Das Genie kennt kein Geschlecht", akklamierte einst Madame de Stael Napoleon I.; das Genie kennt auch keine geographischen Grenzen, es beherrscht die Welt und muß sich eine Weltkritik gefallen lassen, wenn es überhaupt als Genie in der Welt gelten möchte. Zwei Zweige blühten und entwickelten sich seit jeher am Baume der Erkenntnis: die Wissenschaft und die Kunst. Die erste, als Produkt des Denkens, entwickelt sich sehr langsam und mehr intensiv, und ihre Aspirationen sind immer mehr für die Zukunft als für die Gegenwart berechnet, während' die zweite, als Produkt des Fühlens, sich zwar schneller, jedoch weniger intensiv und mehr extensiv entfaltet, weniger beständig ist und ihr. höchstes Ideal in der Gegenwart sucht. Da auch die Kunst bis zu einem gewissen Grade Wissenschaft ist, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir sehen, daß der wissenschaftliche Teil den reinen künstlerischen Teil derselben Kunst sehr oft überlebt. Zwar sind sie beide Sprößlinge einer Wurzel und bleiben auch konsequent in ihren kosmischen Bestrebungen, das Heil der Menschheit zu vermehren, jedoch besteht immer eine Qualitätsverschiedenheit der beiden, die den wahren Wert jeder einzelnen in besonderem Lichte darstellt. Die Dauer einer Kunst dient uns stets als Barometer, an dem wir messen können, welcher Teil darin der dominierende ist, der wissenschaftliche oder der künstlerische. Selbstverständlich teilen auch die Repräsentanten der Kunst und der Wissenschaft das Los der Sache, die sie vertreten. Der Gelehrte ist ein Mann der Zukunft; auch dann, wenn, seine Theorien erschüttert und sein Gebäude demoliert ist, wird das Andenken seiner Individualität nicht so schnell vergehen. Dagegen ist der Künstler ein Mann der Gegenwart, wie das bekannte Dichterwort sagt: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze." *) Auch in Rußland wurden große Vorbereitungen für eine Sulzer- Feier getroffen, diese mußte jedoch" infolge der traurigen Läge, in der sich unser Reich durch den Krieg mit Japan befindet, unterbleiben.' 2) Diese Behauptung des Autors ist denn doch zu gewagt und dürste nicht widerspruchslos hingenommen werden. (Die Red.) Diese Vorausschickung hielten wir für notwendig, um das Wesen und die Tauglichkeit des Snlzerismus leichter zu analysieren. II. Das Wesen Salomon Sulzer's in der Geschichte der modernen Liturgie wuchs durch seine Vielseitigkeit ins Große. In Snlzer konzentrierte sich eine Dreieinigkeit des Komponisten, des Organisators und des Gesangskünstlers. Die ersten zwei, die Früchte der reinen Wissenschaft, sind bis nun die Basis unserer Tempelmusik und bleiben für ewig ein Modell für synagogale Komponisten. Wenn auch einige neuere Autoren den Chorulgesang mit vielen neuen musikalischen Formen und ausgedehnteren harmonischen Spekulationen rc. bereichert haben, sind doch die „Schire Zion" als monumentales Denkmal für ihren Schöpfer zu betrachten, ohne dessen Tätigkeit der weitere Fortschritt unmöglich gewesen wäre. Dagegen kann der Sänger Snlzer, der ganz und gar das Produkt der natürlichen Begabung und der außergewöhnlichen subjektiven Innerlichkeit war, keineswegs als Muster für die gesamten Kantoren dienen. Vor allem besaß der Sänger Snlzer eine allzugroße Dosis des Stoffes, der „von Gottes Gnaden" genannt wird und der nicht jedem in vollen Töpfen gegeben ist. Wie viele unter den derzeit lebenden Kantoren gibt es, die zur ziemlichen Zufriedenheit ihrer Gemeinden sulzerieren, denen jedoch das bischen „Gottes Gnade" versagt ist, und wo das fehlt, fehlt ja alles. Snlzer gehörte zu den Künstlertypen, von denen Kralik sagt: „ Ein Künstler muß können, nicht dies oder das, sondern alles. Er muß das Können können.'') Aber wie selten sind jene, die alles können, die noch dazu das Können können? „Non omnia possnmus omnes.“ Eine große Schwierigkeit liegt auch in dem neuen Genre, das Snlzer geschaffen hat. Als einer der vielen Helfer, die zur Ergänzung der Sulzerfigur dienten, stieg der Sänger zu einem Zenith, der kaum erreichbar ist, jedoch als alleiniger Faktor im Munde der Epigonen muß das Genre sehr oft verblassen. Wir betonen Genre, in dem Glauben, damit einen richtigen Kompromiß zwischen den verschiedenen Meinungen gesunden zu haben, die gerade im abgelanfenen Jahre infolge des Zentennariums über den wahren historischen Wert Sulzer's unter den Fanatikern und Skeptikern zum Ausdrucke gelangten. Wir wollen nicht blindlings mit den Panegyrikern Snlzer als Vater eines spezifischen synagogalen Styls akklamieren, eine solche Dithyrambe würde der Wahrheit nicht entsprechen. Auch würde die äußere musikalische Welt um keinen Preis eine solch zweifelhafte Deklaration acceptieren, wenn wir auch unter uns sich dazu hinreißen ließen. Mit Ausnahme der traditionellen Riten (Nn8ollos8) worin wir Etwas finden, das synagogaler Stil genannt werden kann, sind alle unsere modernen Gesänge bis zurück auf Salomon Rossi (1600) Brocken der verschiedenen kirchlichen und weltlichen Stile der anderen Völker. Wie können die Choralgesänge des „Schir Zion" aus Originalität des Stils prätendieren nach den Chorälen der „Passionen" von Sebastian Bach (1685—1750) der ..Missa" von Palestrina (1515—1594) des „Messias" von Händel (1685—1759), der „Schöpfung" von Haydn 1732—1809), des Requiem von Mozart (1756—1791) rc. die dem Meister Snlzer zur Verfügung standen!? Was sind die kleinen Themen der Melodien und primitiven Formen der homophonen Harmonien der Sulzerischen Choräle im Vergleiche zu dem Reichtum der Themen und poliphonen Harmonien der Obengenannten? Dies zu verkennen, würde uns zu Schmeichlern und Ignoranten stempeln. Vom rein musikalischen Standpunfie wird auch Niemand wagen, den „Schir Zion" in die Reihe der obenerwähnten Werke zu rangieren; vom liturgischen Standpunkte jedoch strahlt die Größe Sulzers in besonderem Lichte und räumt ihm einen ersten Platz in der Geschichte der synagogalen Komponisten ein. _ (Fortsetzung folgt.) I 3) Richard Kralik, Weltschönheit. S. 5. Wien 1894.