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Die Wahrheit · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. Die Wahrheit Seite 5. lacht, mehr verhöhnt als der unglückliche Shylok, der in früherer Zeit mit langer Nase und rotem Haar auf der Bühne erschien? Manche Kritiker haben es offen und unumwunden ausgesprochen, daß Shakespeare in der „Komödie der Irrungen" die dramatischen Wahrscheinlichkeitsgesetze mit schrankenloser Willkür ignoriert, und daß er in „Heinrich V." aus Patriotismus nicht unparteiisch zu Werke geht. Beim „Kaufmann von Venedig" aber machen sie Halt, ja, sie setzen den ganzen Apparat ihrer Dialektik in Bewegung, um das Gestaltungstalent Shakespeares zu bewundern, rühmen den Reichtum an Nüancen, Formen und Farben der Shylok-Figur, sowie ..die Genialität des Dramatikers in der Auffassung des Rassengepräges und in der Darstellung des eigentümlich Jüdischen". Manche versteigen sich sogar zu der Supposition, in Shylok den „Typus seiner Rasse während ihrer Erniedrigung", oder die „Fleischwerdung aller schlechten Eigenschaften des durch Mißachtung und Unterdrückung verkümmerten und ausgearteten Judentumes", zu erkennen. Ist das aber lebenswahr, ist das naturgetreu, ist das geschichtlich? Haben doch die Juden gerade während ihrer tiefsten Erniedrigung und bittersten Verfolgung, im Zeitalter des Grundsatzes: „Judaei non sunt personae, sunt tantum res“, in den Jahrhunderten der deutschen Kammerknechtschaft, eine mustergiltige Lebensführung betätigt und in ihrem Ghetto Tugenden und Charaktereigenschaften entfaltet, denen sie ihren Fortbestand verdankten. Wo und wann haben die Juden Gefühlsroheit und Christenhaß zur Schau getragen? Sind etwa die Protokolle der mittelalterlicher Folterkammern authentische Beweise? Haben die Aufzeichnungen der Chronisten und Novellenschreiber a la Giovanni Fiorentino den Wert klassischer Zeugnisse? Und ist denn die konfessionelle Parteinahme minder unrühmlich als die patriotische? Stassow betont es, daß Shakespeare den „Kaufmann von Venedig" im Alter von 30 Jahren, bevor er noch die volle Lebensreife erlangte, geschrieben hat. Gut. Wir akzeptieren dies als Milderungsgrund. Aber Shakespeare ist doch älter geworden und jahraus und jahrein Augenzeuge gewesen, wie das verheerende Gift des Vorurteils bei dem wohlrenommierten „Kaufmann von Venedig" reißenden Absatz fand. Warum sann er nicht auf die Schaffung eines wirksamen Gegengiftes? Für sein schöpferisches Talent wäre es ja eine spielende Arbeit gewesen, zugunsten der religiösen Toleranz und der Humanitätsidee ein letztes, kräftiges, unzweideutiges Wort zu sprechen und jeden Zweifel über seine Gesinnung zu verscheuchen. Das hat Shakespeare leider versäumt, zum unermeßlichen Schaden des allgemeinen zivilisatorischen Fortschrittes. Daß mancher Mißgriff Shakespeares dem scharfen Auge Stassows nicht verborgen blieb, ersieht man ganz besonders aus dessen folgender Bemerkung: „Freilich stand Shakespeare sowohl an Geist wie an Urteilskraft weit höher als Wagner, aber vor dem Unsinn und der Abgeschmacktheit eines alten Märchens, aus dem er das Sujet von der Bräutigamswahl entnahm, schreckte er dennoch nicht zurück. Es ist unbegreiflich, weshalb er dieses erbärmliche Märchen wie etwas Gutes, Gescheites und.Brauchbares verwenden konnte." (S. 24.) Nicht minder zutreffend ist, was der Verfasser bei der Musterung der Charaktere des Dramas über Porzia sagt: „Porzia ist eifrig bemüht, den armen Antonio um jeden Preis zu retten, sogar durch vaudevilleartige Verkleidung und possenhafte Rechtsverdrehung; für eine solche gute Absicht kann man ihr nur dankbar sein. Aber eigentlich ist das doch keine sehr lobenswerte Art, diesen Zweck zu erreichen. Was geschähe wohl und was würde sie wohl sagen, wenn man sie vor Gericht erkannt und sie der Falschheit uud Lüge überführt hätte? Das wäre sowohl ihr, wie auch der von ihr vertretenen Sache sehr schlecht bekommen." (S. 32.) Unfehlbar ist eben niemand, auch ein Shakespeare nicht, und muß man dem Verfasser Dank dafür wissen, daß er, üngeblendet .vom Nimbus des., unsterblichen Dramatikers, mehrere Schattenpunkte des „Kaufmann von Venedig" mit dem Tiefblick des Fachkritikers entdeckt und sie als solche sans pfcräse markiert hat. Schon deswegen wünschen wir der mit ungewöhnlichem Geschicke konzipierten, höchst interessanten und auch typographisch sehr hübsch ausgestatteten Broschüre, die kein Leser unbeftiedigt aus der Hand legen wird, die weiteste Verbreitung. Jglau, im Februar. Dr. I. I. Unger. Friedrich Stoltze und Anfelm non Rothschild. (Schluß.) In dem Brief an Dr. Otto Kanngießer, dem Stoltze diese Angaben zur Verwendung im „Frankfurter Beobachter" machte, tut er auch eines humoristischen Geburtstagsgedichtes Erwähnung, aus dem wir ersehen, welche Freude der alte kinderlose Rothschild, der selbst ein witziger Kopf und Erzfrankfurter war, an dem Humor des Altfrankfurter Stadtkindes hatte, das ihm heitere Laune ins Haus brachte. Im übrigen war ihm Stoltze eine Zeitlang ein Gehilfe und Berater in Angelegenheiten des Wohltuns. Die Wohltätigkeit Rothschilds war großen Stils; er gab gern, aber sah sich nicht gern betrogen, was ihm in Dingen, die ihm fremd waren, doch leicht passierte; ich verweise auf das Geschichtchen ..Die Nachtigallen" im Band 5 der „Gesammelten Werke". Gern hat Stoltze in seiner „Latern" von des Alten Wohltätigkeit erzählt. So in Nr. 14 des Jahrgauges 1873> wo es sich um die Teuerung vom Winter 1847 auf 1848 handelt, die so viel dazu beitrug, die politische Unzuftiedenheit der ärmeren Volksklassen in vielen Gegenden Deutschlands bis zur Verzweiflung zu steigern. Rothschild verstand es, die drohende Hungersnot für Frankfurt im Keim zu ersticken. „Der Lääb Brod hat 48 Kreuzer gekost un der alte Amschel hatt, damit die Dheuerung die Unbemittelte net gar so schwer dricke sollt, Brodkarte a 24 Kreuzer ausgewe lasse for Jeden, der derrvo Gebrauch mache wollt, so daß des Brod vor die Hälft der Tax von jedem Becker zu kriehe war. Des hat en allerdings nor e paarmalhunnertdausend Gulde gekost!" Meyer Anselm Rothschild, der älteste Sohn des Begründers der weltberühmten Bankfirma, österreichischer Freiherr und preußischer Geheimrat, war am 12. Juni 1773 geboren und hat bis zum 6. Dezember 1855 gelebt. Es mag sein, daß der alte Herr, der sein Geschäft wie ein Fürst uud Staatsmann betrieb, mit dem jugendlichen Vollblutidealisten aus dem Herzen der Frankfurter Altstadt auch deshalb so gerne verkehrt hat, um sich von ihm über den Charakter der neuanschwellenden Volksbewegung unterrichten zu lassen. Stoltze seinerseits benutzte seine Stellung zu dem reichen Manne, um die großartige Wohltätigkeit desselben auch so manchem zu erschließen, der durch die Demagogenverfolgung in Not geraten war und den das eigene Selbstgefühl hinderte, für sich bittstellig zu werden. Für solche Opfer der Bundestagspolitik ist Stoltze bis ans Lebensende ein treuer Anwalt beim Frankfurter Reichtum geblieben. Als der stets spekulative Bankier dem Dichter aber ein hübsches Jahresgehalt anbot für den Fall, daß er als Journalist in die Dienste des Hauses Rothschild trete, da lehnte er die Verlockung ab, so schwer es war, dem Krösus klar zu machen, warum einem armen Teufel von Dichter ein solches Anerbieten gegen die Ehre gehe. Als Gast am Tische Anselm v. Rothschilds in der schönen Villa in der Bockenheimer Landstraße lernte Stoltze manche Tagesberühmtheit kennen, aber auch manches Geschichtchen, das sich seinem humoristischen Anekdotenschatz dauernd einverleibte. Wie unser Dichter imstande war, auch den Patriarchen dieses, bei allem Glanz schlicht und strenge nach altjüdischem Brauche geordneten Haushaltes von seiner, besten Seite zu nehmen, bezeugt schön das Gedicht, das er dem Gönner nach feinem Tode widmete: „Den sie prunklos draus begraben, Auf dem kühlen stillen Flecke, Und ein Häufchen Erde gaben. Daß es seine Blöße decke; Seiner Schätze Ruhm gedrungen War er stolz durch, aste Zonen. In die Völker aller Zungen, Nach den Hütten und den Thronen.

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