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Die Wahrheit · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Nr. 7. >1 ■'./, 11 K\ f;l; Die Wahrheit Eine interessante Zuschrift in der „Neuen Freien Presse" beschäftigt sich mit Friedrich Delitzsch, der gleichfalls die alte, gegen das Judentum geschleuderte Anklage erhebt, es habe den Begriff der allumfassenden Nächstenliebe nicht gekannt. Da lesen wir: „In ..Babel und Bibel", dritter Vortrag von Friedrich Delitzsch, findet sich folgende Stelle: ..Was aber die Tugend der Nächstenliebe betrifft, wird niemand dem Volle Israel die Erhabenheit seines Sittengesetzes: „Liebe Deinen Nächsten, als dich selbst", bestreiten, trotz dessen unleugbarer Beschränkung aus die Angehörigen des eigenen Volkes (3. B. M. 19, 18)". Nun möge der Leser das dritte Buch Moses, Kapitel 19, ausschlagen und V. 33 ff lesen. Sie lauten (nach der Uebersetznng des Kirchenrates und Theologieprosessors E. Kautzsch in Halle): „Und wenn sich ein Fremder bei Dir aushält in Eurem Lande, so sollt Ihr ihn nicht bedrücken (34). Wie ein Landeseingeborener aus Eurer Mitte soll Euch der Fremde gelten, der sich bei Euch aufhält, und D u s o l l st i h n l i e b e n, wie Dich selbst; denn Ihr - seid auch Fremdlinge gewesen in Aegypten." Ich frage nun: Kennt Friedrich Delitzsch diesen Vers oder nicht? Und wenn er ihn kennt, warum verschweigt er ihn und wie kann er seine Behauptung, daß das mosaische Gesetz der Nächstenliebe sich nur auf das eigene Volk beziehe, rechtfertigen? Ein Laie." Der „Laie" hat der Wahrheit gegenüber dem „Gelehrten" Delitzsch Ausdruck verliehen. Wird sie endlich siegreich den Platz behaupten? Sollte nicht auch die „christliche" Nächstenliebe Mitwirken, daß die Wahrheit über die vom Alten Testament gelehrte Nächstenliebe nicht ferner grausam mißhandelt wird? Das Shytok-Urobtem.*) Die kritische Shakespeare-Literatur, die im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts den Büchermarkt überflutet hat, erhielt in der vorliegenden Schrift, die durch Form und Inhalt fesselnd und anregend ist, ungeachtet ihres bescheidenen Umfanges, eine nicht unwesentliche Bereicherung. Stassow, der als begeisterter Vorkämpfer für Recht und Freiheit, sowie als Kunsthistoriker, einen klangvollen Namen hat, stellt sich hier die Aufgabe, die mehrfach ausgesprochene Behauptung, daß der geniale Weltdichter die Vorurteile seiner Zeit gegen Juden und Judentum geteilt und durch den „Kaufmann von Venedig" propagiert hat, zu entkräften. Nach einer knappen, wissenschaftlichen Analyse, bei welcher er die Shakespeare-Kritiker Revue passieren läßt und mit einigen von ihnen mehr oder weniger streng ins Gericht geht, schreitet der Verfasser zur Sichtung und Prüfung der nicht wenigen Quellen, die das Märchen vom Stück Fleisch aus dem Leibe des Schuldners mit mancherlei Variationen zum Inhalte haben, die aber lange Zeit von jeder böswilligen Reflexion, von jedem verschmitzten Hintergedanken frei waren. E „Im Laufe des Mittelalters — schreibt der Verfasser — trat jedoch auch der Moment ein, wo diese Erzählungen plötzlich eine häßliche, widerliche, antisemitische Wendung und Färbung annahmen. Im Jahre 1378 braute ein italienischer Novellenschreiber, der Notar Giovanni Fiorentino, aus dem französischen Roman in Versen „Dolopathos" und aus anderen alten Dichtungen und Erzählungen eine neue umfangreiche Novelle und veröffentlichte sie in einer Novellensammlung, die den Titel „Pecorone" führte. Diese Erzählung hat denselben Inhalt wie alle früheren, nur trat hier eine durchaus andere Stimmung hervor. Der Verfasser verlegte seine Geschichte nach Venedig und machte aus dem Gläubiger einen jüdischen Kaufmann. Dadurch wurde natürlich sofort alles geändert." (Seite 19.) S t a s s o w forscht nun nach dem psychologischen Motiv jener teuflischen Geschichtssälschung und bringt letztere mit dem *) Ueber Shakespeares „Kaufmann von Venedig" und das Shylok- Problem. Von Wladimir S t a s s o w, Ehrenmitglied der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen. Bon Wilhelm H e n ck e l. München 1905. Verlag von A. Buchholz. 50 Seiten. „schwarzen Tod" und mit der bodenlosen Beschuldigung der Juden, die Brunnen und Quellen vergiftet zu haben, in Zusammenhang. Wenn damals aber Quellen vergiftet worden sind, so waren es nur die Geschichtsquellen, und zwar in ganz ungeheuerlicher Weise von dem sauberen Notar Fiorentino. Hören wir nun des Verfassers weitere Ausführungen: „Aber 200 Jahre nach dem wenig wählerischen italienischen Novellenschreiber Fiorentino trat ein großer Engländer auf, der über die allgemeine Ungerechtigkeit entrüstet war und die alte Fabel nach alten Materialien wiederholen, sie aber, allen früheren Bearbeitungen entgegen, ganz neu gestalten wollte. Bei ihm wurde die Gerechtigkeit wieder hergestellt, er gab dem angeklagten, bespieenen, unglücklichen Menschen die Möglichkeit, sich zu verteidigen, er gestattete ihm, alle die einfachen, natürlichen Argumente zu seiner Rechtfertigung auszusprechen, die unsinnigerweise leider längst von allen vergessen waren. Und was war die Folge? Siegte er sofort und gelang es ihm, der Welt die klare Wahrheit einzuflößen? Nein, durchaus nicht." (Seite 20 ff.) Wie Heine, hält auch Stassow den Shylok für eine der „respektabelsten Personen des Dramas" und huldigt der Anschauung, daß Shakespeare die Tendenz verfolgte, durch die triftigen Argumente, die Shylok geltend macht, den Zuschauern zu verstehen zu geben, daß die abstoßenden Charaktereigenschaften der Juden das natürliche Ergebnis ihrer unausgesetzten Verfolgungen find, und daß eine Besserung ihrer Verhältnisse im Interesse der Allgemeinheit angestrebt werden muß. Zugegeben aber, daß Shakespeare einen solchen Anlauf zugunsten der Juden genommen hätte, merkte er nicht sofort dessen Mißerfolg? Konnte es ihm denn ein Geheimnis bleiben, daß die Auffassung des Shylok-Charakters im Zuschauerkreise eine diametral entgegengesetzte war? Mußte er nicht schon aus der Tatsache, daß „Der Kaufmann von Venedig" ein Lieblingsftück der Londoner Bühne und die gesuchte Lektüre der dortigen Familienkreise geworden war, die Ueberzeugung schöpfen, daß man Shylok nicht als respektable Persönlichkeit, sondern als Ausbund der Verworfenheit und Abscheulichkeit betrachtete, und daß man seinen Argumenten nur Spott und Hohnlachen entgegenbrachte? Nicht ein Haar besser stand es damit in den höheren und höchsten Gesellschaftskreisen. Jakob I., ein Anhänger der bischöflichen Kirchenverfassung, ließ den „Kaufmann von Venedig" in der Fastenzeit des Jahres 1605 zweimal in der Woche in seiner Gegenwart aufsühren. Offenbar erblickte der fromme Fürst in dem konfessionellen Kontrast der dramatischen Charaktere ein stimmungsvolles Erbauungsmittel, eine Art wohlfeiler Selbstbespiegelung^ Hat Shakespeare aber jene antagonistische Auffassung seines Dramas als eine peinliche Enttäuschung, als eine. Durchkreuzung seiner Intentionen empfunden? War er darüber verstimmt und ungehalten, daß er die unfreiwillige Rolle eines Rufers in der Wüste ein volles Dezennium hindurch gespielt hat, ohne daß es ihm gelungen ist, „der Welt die klare Wahrheit einzuflößen"? Keine Spur von alledem. Das stete Sympathisieren des Theaterpublikums mit dem beliebten Bühnendichter bürgt vielmehr dafür, daß zwischen diesen Faktoren im Punkte der dramatischen Tendenz ein volles Einverständnis obwaltete. Die Geschmacksverirrung der Zeit besprechend, sagt der Verfasser sehr treffend: ..Es wäre dies wohl anders gewesen, wenn in diesem ..aufgeklärtesten" Jahrhundert, nur wenige Jahre vor Shakespeare, einer der größten Männer jener Zeit — Martin Luther — nicht ein fanatischer Judenhasser gewesen wäre." (S. 20.) Richtig. Es wäre aber noch viel mehr anders gewesen, wenn der große Engländer dem kleinen italienischen Falschmünzer nicht auf den Leim gegangen wäre. Obschon es historisch feststeht, daß ein jüdischer Shylok niemals existiert hat, malt ihn Shakespeare grau in Grau, ohne an ihm ein gutes Haar zu lassen, karrikiert ihn in der grausamsten Weise und liefert ihn dem zügellosen Spott der Zuschauer aus. „Die Komödie — sagt Lessing — will durch Lachen bessern, aber nicht eben durch Verlachen."*) Wer aber wird mehr ver- Hamburg. Dramaturgie, I. 29. Stück.

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