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Die Wahrheit · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion n. Sldmiiiisnalion: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon 31 r. i'fv Druckerei 15302 Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zel>e. Llbonneinentsn. Jnsertions» beträ.,e sind in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Keitfchrist für Mische Jlttfetefett. Erscheint jeden Ar eilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verugspyeis: Äanzjährili . . . K. >2 — Halbjährig ... St. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig . . . St. io — Für Anstand: Ganzjährig . . . a Ma rk. 6 Rubel oder lt> FcS. Ur. 7. Wien, 17. Februar 1SVS. Inhalt: — Aus der Woche. — Das Shylock-Problem. — Friedrich Stoltze und Anselm von Rothschild. — Der Geist der Bibel. — Verschiedene Nachrichten. — Der Sulzerismus und die moderne synagogale Liturgie. Aus der Woche. Die ganze zivilisierte Welt ist von Entsetzen über die Vorgänge in Rußland erfüllt und kein menschlich Denkender vermag die Empfindungen des Mitleides für die Opfer der russischen Despotie zu unterdrücken. Natürlich, die Antisemiten schwärmen weiter für die blutrünstigen Tyrannen, die den Zaren in Unkenntnis der Verhältnisse erhalten und die ihnen eingeräumte Macht mißbrauchen, um Tausende und Tausende zu töten. Denn diese Opfer sind zwar Christen, aber Rußland ist die Burg des — Judenhasses und der Judenverfolgung. Das rechtfertigt in den Augen der Antisemiten alles. Was die Juden für Gorki einnimmt, darüber gibt das „Deutsche Volksblatt" Aufschluß. In der Besprechung einer Theatervorstellung im „Deutschen Volkstheater" heißt es: „Jeder Satz, der auf gegenwärtige Ereignisse in Rußland Anwendung finden konnte, fand natürlich lauten Beifall: am lautesten klang derselbe aber doch, als der Student Schischkin die Behauptung aufstellte, daß es eines anständigen Menschen unwürbig sei, Antisemit zu sein. Diese Stellungnahme Gorkis ist wohl die beste Erklärung der uneingeschränkten Sympathien, deren sich Gorki beim Judentum zu erfreuen hat und die sich jetzt überall in aufdringlicher Weise bemerkbar machen." . Ein beschämenderes Bekenntnis geistiger Armseligkeit konnte der Antisemiten-Moniteur wohl nicht geben. Die vom Judenhaß bis zur Besinnungslosigkeit betörten antisemitischen Schreiber halten ihre Leser für so unsäglich blöd, daß sie glauben, ihnen solche Lügen vorsetzen zu dürfen. Die vornehmsten geistigen Führer aller Kulturstaaten haben mit Enunziationen rückhaltlosester Art ihren Sympathien für den großen russischen Dichter Ausdruck' verliehen, und das dummdreiste Antisemitenblatt will seinen Lesern einreden, daß nur die Juden es seien, die für das Los des gefangenen Dichters sich erwärmen und dessen Befreiung herbeisehnen... * * * Die gehässige Dummheit des „Deutschen Volksblattes" hat in diesem Falle aber auch ihr Gutes. Dank derselben erfahren auch die Antisemiten in ihrem Blatte, wie einer der größten, sittlich reinsten und mutigsten Dichter der Gegenwart über den Antisemitismus denkt und urteilt. Tag für Tag wird den verhetzten und belogenen antisemitischen Lesern vom „Deutschen Volksblatt" eingeredet, daß der Antisemitismus eine noble und gerechte Gesinnung voraussetzt, und daran knüpft sich die nichtswürdige, verlogene Behauptung, daß jeder, der anders über die Juden denkt, diese entweder nicht kennt oder von ihnen bestochen wurde. Von Gorki, dem großen Menschenkenner, der Zeit seines Lebens alle Schichten und Klassen des russischen Volkes studierte, der die Beobachtung, das Studium der Menschen zu seiner Lebensaufgabe gemacht, wird niemand sagen können, daß er über die Juden urteile, ohne sie zu kennen. Die infame Behauptung aber, daß der größte russische Dichter der Gegenwart rat Solde der Juden stehe, werden nicht einmal die Bergani-Leute wagen. Bleibt als Fazit von dem Angriffe aus die Gorki-Begeisterung der Juden nur Eines: Jetzt wissen es auch die Leser des Vergani-Blattes, daß Gorki Antisemitismus und Anständigkeit für unvereinbare Begriffe hält. * * * Das war also einmal recht schlau gemacht von dem „Deutschen Volksblatt" und es wäre nur zu wünschen, daß das Blatt aus diesem Wege fortfahre. Vielleicht erfahren dann auch von Zeit zu Zeit immer weitere antisemitische Kreise es aufs neue, daß die Juden den Historiker Mommsen deshalb schätzen, weil dieser das treffende, ewig wahre Wort gesprochen: ..Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille". Man darf, ohne sich einem naiven Optimismus hinzugeben, hoffen, daß solche Zimte und Hinweisungen in antisemitischen Blättern vielleicht doch manchen Leser stutzig machen können. * ❖ Freilich, die Juden dürfen sich nicht der Erkenntnis verschließen, daß die Wahrheit, die ihnen zugute kommt, größere Hindernisse zu besiegen hat, als die Wahrheit gemeinhin zu bekämpfen hat. Man mag eine Lüge, die sich gegen die Juden wendet, längst tot glauben, sie ersteht doch plötzlich wieder mit ihrer häßlichen Fratze aus dem Grabe und es erweist sich, daß sie nur scheintot war. Wie oft sind jüdische Schriftsteller der von christlichen Theologen und ihren unwissenden Nachbetern aufgestellten Behauptung entgegengetreten, die Nächstenliebe sei eine Entdeckung des Neuen Testamentes und somit sei der große moralische Sieg des Christentums über das Judentum entschieden. Die eklatanten Beweise der jüdischen Gelehrten, daß das Alte Testament keine auf den Glaubensgenossen begrenzte Nächstenliebe lehre, nützen nichts, die so gefährliche Lüge erhebt immer wieder ihr hundertköpfiges Haupt.

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