Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 6. tären und charitativen Bestrebungen zu vereinigen. Aus der Wohltätigkeit solle jede Politik entfernt werden. Die Redner der Opposition hätten es leicht gehabt, nicht nur durch Zwischenrufe, sondern auch durch ein erdrückendes Beweismaterial darauf hinzuweisen,. daß die Christlich-Sozialen auch auf dem Gebiete der Wohltätigkeit sich lediglich vom parteipolitischen Standpunkte beeinflussen lassen und daß speziell die Rechte der Juden, soweit eben auf diesem Gebiete die Macht der kommunalen Herren reicht, nur noch auf dem Papiere stehen geblieben sind. Ob der Herr Bürgermeister schöne oder hetzerische Worte spricht, darauf kommt es schließlich nicht an — die Taten entscheiden. * * * Bezüglich der Juden- und Wohltätigkeitsfragen in Wien wird uns von einem Freunde unseres Blattes eine Reminiszenz mitgeteilt, die gerade in diesem Augenblicke erhöhtes Interesse in Anspruch nehmen kann. Unser Gewährsmann schreibt uns: „Die Poliklinik hatte bei ihrer Schaffung und auch später vielen gehässigen Anfeindungen zu begegnen. Eines Tages wurde der Regierungsrat Professor Schnitzler gelegentlich eines Diners beim Erzherzog Karl Ludwig, zu dem auch er eingeladen war, von dem hohen Gastgeber direkt gefragt: „Sagen Sie mir, lieber Professor, wie kommt es, daß man die Poliklinik eine „jüdische" Institution nennt?" Professor Schnitzler, der sich stets mit Stolz als Jude fühlte, antwortete hierauf: „Kaiserliche Hoheit, das mag aus dem Grunde geschehen, weil die Juden das meiste Geld zur Errichtung der Poliklinik gegeben und die Christen den meisten Vorteil davon haben." Der Erzherzog nahm diese Erklärung mit freundlichem Lächeln entgegen." * Einer der hervorragendsten deutschen Kirchenfürsten, der kürzlich verstorbene Erzbischof von Bamberg, Robert v. Schork, hat sich, wie aus den Mitteilungen einer ihm nahestehenden Persönlichkeit hervorgeht, als ein entschiedener Gegner des Antisemitismus bekannt. Der Erzbischof meinte, als Mensch könne er die Juden nicht hassen und als Christ müsse er alle Menschen lieben. Ueberdies aber sei er überzeugt, daß die Schmutzwellen des Antisemitismus noch die katholische Kirche bespritzen werden. Die Worte des Erzbischofs haben überall ihre Bestätigung gefunden, wo der Antisemitismus die Unterstützung und Patronanz kirchlicher Kreise fand. Erst kürzlich haben gerade die christlich denkenden und empfindenden Kreise mit schmerzlicher Beschämung erfahren, daß ein antisemitischer Hochstapler wie der Ritter von Orlowski, nur weil er seinen echten Judenhaß mit scheinheiligen, christlichen Phrasen verbrämte, die Protektion hochstehender österreichischer Kirchenfürsten gewinnen konnte, die ihm sogar zu einer päpstlichen Auszeichnung verhalfen. In Rom ist man sich begreiflicherweise über die Qualitäten der österreichischen Antisemitenhäuptlinge nicht immer im Klaren. Das mag auch die Erklärung dafür sein, daß auch der Herausgeber des „Deutschen Volksblattes", Ernst Vergani (der mit Begeisterung für Ernst Schneider, dem unflätigsten Beschimpfer von Bischöfen und Päpsten eintritt) durch einen hohen päpstlichen Orden ausgezeichnet wurde. * * * Unter den Ibsen-Briefen, die kürzlich erschienen, hat bekanntlich das Schreiben des großen nordischen Dichters an Georg Brandes besondere Aufmerksamkeit erregt wegen der folgenden Stelle: „Der Staat ist der Fluch des Individuums. Womit ist Preußens Stärke als Staat erkauft? Mit dem Aufg^hen der Individuen in den politischen und geographischen Begriff. Der Kellner ist der beste Soldat. Und auf der anderen Seite das Volk der Juden, der Adel desMenschengeschlech tes, wodurch hat es sich in Absonderung, in Poesie erhalten, trotz aller Roheit von außen? Dadurch, daß es sich nicht mit einem Staate herumzuschleppen brauchte . . Die antisemitischen Blätter wissen nicht recht, wie sie sich seither gegen Ibsen verhalten sollen, den sie früher als einen her größten und erhabensten Geister feierten. Daß auch Georg Brandes ein Jude ist, mag den Antisemiten die Pille noch bitterer machen . . . In der letzten Zeit begegnet man den ganz auffälligen Bemühungen in den antisemitischen Blättern, Ibsen als einen nunmehr geistig gebrochenen, der Paralyse verfallenen kranken Mann hinzustellen. Daran wird mehr oder minder deutlich die Bemerkung geknüpft, daß in diesem geistigen Verfall Ibsens seine Auffassung über die Juden ihre einzige Erklärung finde. Dem gegenüber kann nicht genug entschieden daran erinnert werden, daß der in Rede stehende Brief Ibsens an Brandes aus dem Jahre 1870 stammt, aus einer Zeit, i it der Ibsen auf d e r Höhe seines Schaffens stand. Vielleicht wäre Ibsen, wenn er wirklich so gebrochen ist, gerade jetzt geneigt, seine Ansicht über die Antisemiten gründlich zu ändern. * * * Das Schicksal Maxim Gorkis erregt das innigste Mitgefühl Aller, die Respekt vor einem großen Dichtergenius haben. Daß die Wiener antisemitischen Zeitungen auch diesen Fall dazu benützen könnten, um aus Begeisterung für den Zaren, die Sympathiekundgebungen zu Gunsten Gorkis als eine „jüdische" Sache zu stigmatisieren, kann nicht überraschen. In eine komische Situation ist hiebei die „Deutsche Zeitung", das offizielle Parteiblatt der Christlich-Sozialen geraten. Mehrere Mitglieder der Redaktion, darunter der Herr Leitich und Rumpf gehören einer Joürnalisten-Vereinigung an, die für Gorki demonstrierte. Die ..Deutsche Zeitung" fällt aber doch wütend über die „Juden" her, die Gorki retten wollen! Der „Deutschen Zeitung" gelingt es doch immer, als das dümmste Antisemitenblatt sich zu bewähren. Sie zeigte sogar diesmal, daß das Blatt nicht nur ohne Kopf, sondern auch ohne — Rumpf gemacht wird. _• Friedrich Stoltze und Anselm non R-thschild. Das jüngst erschienene Lebensbild des berühmten Frankfurter Poeten Friedrich Sto ltze von Johannes Pr o elß*) bietet gleichzeitig eine überaus interessante Darstellung der Geschichte der alten deutschen Krönungsstadt Frankfurt a. M. seit dem Jahre 1816 und eine treffliche Zeichnung der freiheitlichen Bewegungen, die sich daselbst, gefördert von. hervorragenden literarischen Persönlichkeiten, zu Beginn der Vierzigerjahre des vorigen Jahrhundertes kundgaben. In jenen Jahren stand Frankfurt im Frühling einer neuen Zeit; auf allen Gebieten regte sich frisches Werden. Mit dem Ringen nach politischer Freiheit zeigte sich zuerst in katholischen Kreisen eine Bewegung, der als Ideal eine Wiederaufnahme der deutschen Reformation von seilen aller Konfessionen zur Herstellung einer einigen nationalen Kirche der freien Gottesverehrung vorschwebte. Es schloß sich ihr daher die protestantische der Lichtfreunde an, die von Königsberg unter dem Drucke der erstarkten lutherischen Orthodoxie unter Führung des Predigers Rupp ihren Ausgang genommen hatte, und sie begegnete sich auch mit der deutschnationalen Reformbewegung unter den gebildeten Juden, deren Führer der Hamburger Advokat Gabriel Rieß er war. Bezeichnend für den Charakter dieser Bewegung ist das Gedicht, mit dem Th. Creizenach 1847 die Beschlüsse des ersten preußischen Landtages zugunsten der Juden begrüßte: „Das deutsche Volk, das bis zum Belt Den dunklen Urwald konnte lichten, Hat nicht umsonst die weite Welt Belehrt in Büchern und Gedichten. Des deutschen Volkes Stimme preist! Gekommen ist die Siegesstunde. Messias, der uns schon umkreist, Messias wird der freie Geist Dem neuen und dem alten Bunde." Auch Berthold Auerbach ist hier zu nennen, der Anfang der Vierzigerjahre öfter in Frankfurt war und dann in Bockenheim viel mit Rießer verkehrte, erfüllt von der Wirkung, *) „Friedrich Stoltze und Frankfurt am Main." Bon Johannes P r o e l ß. Neuer Frankfurter Verlag. Frankfurt a. M. 1905.