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Die Wahrheit · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit Lette 5. die das Studium Spinozas, von Strauß' „Leben Jesu" und Ludwig Feuerbachs „Wesen des Christentums" auf ihn ausgeübt hatte. Die. tiefe, von Vorurteilen freie Religiosität, die Friedrich Stoltze und den Frankfurter literarischen und künstlerischen Kreisen eigen war, gab ihm das .Bruderlied" ein: „Ein einiger Himmel überspannt Die weite Welt, Es ist nur eine Vaterhand, Die alles hält. . . Wer es auch ist, Jud oder Christ! O Bruder, weg mit allem Spott! Wir glauben all' an einen Gott, Der ewig ist." Der Geist der Toleranz, ja der Geist des religiösen Gemeingefühles, das im Sinne Lessings die Anhänger der verschiedenen Bekenntnisse vereinigen sollte, feierte damals in Frankfurt schöne Triumphe. Dem entsprach es auch, daß die Frankfurter Katholiken die Subskriptionsliste für den Ausbau des Bartholomäusdomes auch andersgläubigen Mitbürgern vorlegen ließen und daß die Protestanten inbezug auf die Restaurierung der Nikolaikirche das Gleiche taten. Das hatte auch seine humoristische Seite. Als dem alten Baron Anselm v. Rothschild, der streng am Glauben der Väter hielt, die Liste siir den Dom gebracht wurde, meinte er zwar abwehrend: ..Der Dom hat kei Spitz un ich Hab kei Schneid", aber er zeichnete doch einen größeren Beitrag. Aehnlich verfuhr er, als Stoltze im Auftrag Seufferhelds mit der Bitte zu ihm kam, für das Altargemülde Rethels. „Die Auferstehung Christi" in der Nikolaikirche einen Beitrag zu zeichnen. „Dhun ich Ihne e Gefalle damit," sagte der Alte lächelnd, „so gebe Se her der List! — Was leit mir draa, ob er uffgestanne is oder net!" Dies ist eine der vielen Anekdoten, die Stoltze im Alter gern aus seinem Verkehr mit dem alten Amschel Rothschild erzählte, und jener Besuch im Auftrag Seufferhelds hat als der Anfang dieser Beziehungen zu gelten. Ueber den Charakter derselben sind verschiedene Angaben überliefert. Langjährige Bekannte des Dichters, die nach seinem Tode über ihn schrieben, Otto Hörth und Otto Kanngießer, lassen vermuten, daß Stoltze noch vor 1848 zu dem damals schon siebzigjährigen Beherrscher des Geldmarktes der Welt in ein ähnliches Verhältnis trat, wie er es vorher zu Seufferheld gefunden hatte. Hörth hat in dem biographischen Abriß, den er dem Band der „Vermischten Schriften" aus Stoltzes Nachlaß voranstellte, die nähere Angabe gemacht, der junge Dichter habe eine Zeitlang das Amt eines Vorlesers bei Rothschild versehen und ihr ist neuerdings von Adolf Stoltze in seiner Plauderei: „Erinnerungen aus meiner Kindheit" widersprochen worden: Rothschild sei erst durch das Erscheinen der ersten Krebbel-Zeitung im Jahre 1852 auf seinen Vater aufmerksam geworden. Dies letztere ist ein Irrtum. Stoltze selbst hat im Alter, als ihm einmal in der Hitze eines Reichstagswahlkampfes die „Wohltaten" vorgeworfen wurden, die ihm Anselm v. Rothschild erwiesen habe, nähere Angaben über das Verhältnis gemacht. „Ich habe im Jahre 1846 dem Baron Amschel zu dessen goldener Hochzeit ein Gedicht gemacht, und zwar weil ich dazu aufgefordert wurde. Baron Amschel ließ es in großen Prachtexemplaren an seine Brüder und Neffen nach Paris, Wien, London und Neapel senden und eigens noch einmal in blauem Druck bei Buchdrucker Kitz 500 Exemplare aufertigen und auf dem Bureau und in der Stadt verteilen. Ich habe auch ein Gedicht auf die Vermählung des Baron Willy gemacht. Baron Amschel forderte mich selbst dazu auf.. . . Ueberhaupt hat mir der Baron Amschel nie Wohltaten erzeigt, es müßte denn sein, daß ich in seinem Garten spazieren gehen und mir vom Gärtner Blumensträuße für meinen Schatz und später für meine Frau machen ließ. Gutes dagegen habe ich Manches im Haus Rothschild genossen: gekelterte und ungekelterte Trauben, Orangen, Kuchen und Mazzen. Dafür habe ich ihm alles mögliche Getier, Tauben, Vögel, Kaninchen und sogar Raubvögel ins Haus und in die Volleren gebracht." (Schluß folgt.) Wahlbewegrmg in Ungar«. Die Wahlen für den ungarischen Reichstag find vorüber, die Nation hat gesprochen, die liberale Partei und die Regierung sind zu Falle gebracht und der Ministerpräsident Graf Stefan Tis za muß gehen. Ein kleiner Rechenfehler hatte zur Folge, daß Majorität und Minorität die Rollen wechselten. Doch nicht politische Betrachtungen wollen wir hier anstellen, sondern die Leser Ihres Blattes darüber informieren, was Ihr jüdisches Interesse bezüglich der Zusammensetzung des neuen Abgeordnetenhauses besonders in Anspruch nimmt. Vor Beginn der Wahlen wurde seitens der unterlegenen Partei, sowie seitens der Regierung die Parole ausgegeben, daß 3 Juden im Reichstage für die ungarische Haupt- und Residenzstadt zu viel seien, obgleich Budapest nach dem Maßstab der Seelenzahl 4 Abgeordnete jüdischer Konfession haben müßte. Im Reichstage sitzen jedoch nur ungarische Abgeordnete und diese sind weder Juden noch Christen, sondern — Ungarn. Für Budapest, hieß es also, sind 3 Juden als Abgeordnete zu viel, aber auch für ganz Ungarn sind 20 jüdische Abgeordnete eine viel zu hohe Ziffer. Und was geschah tatsächlich? Im hauptstädtischen VI. Bezirke stellte die liberale Partei, vielmehr die Regierung, dem bisherigen Ablegaten Tr. Wilhelm Vüzsonyi in der Person des kön. ung. Handelsministers Karl v. Hieronymi den denkbar mächtigsten und einflußreichsten Gegenkandidaten auf. Doch hier erlitt die Regierung ihre allergrößte Niederlage, Nach einem mehr als 41 Stunden währenden, unvergleichlichen Wahlkampfe ging Dr. Wilhelm Väzsonyi glänzend als Sieger hervor. Seitdem es in Ungarn Wahlen gibt, hat es noch nie eine ähnliche Wahl gegeben, und einzigartig war der Jubel und die Begeisterung der christlichen Bürger für den Juden Vazsonyi! So schnell wird es nun Keiner mehr wagen, diesem ungewöhnlich beliebten Volksmanne im Wahlkampfe entgegenzutreten. Budapest hat nun seine 3 jüdischen Abgeordneten aus der Wahlschlacht glücklich ins Abgeordnetenhaus gerettet und in Sicherheit gebracht. Infolge der ausgegebenen Losung haben von den früheren liberalen Abgeordneten Hofrat Berthold Weiß und Theodor Wolfner de Ujpeft auf eine Wiederwahl verzichtet und sind gar nicht mehr als Abgeordnetenkandidaten aufgetreten. Dr. Ambrus Nemsnyi ist noch vor der Auflösung des Reichstages mit Tod abgegangen. Bei der Neuwahl sind unterlegen die früheren Abgeordneten: Dr. Paul Mandel, Hofrat Dr. Armin N e u m a n n, Dr. Franz H o l t a i und Alexander N a g y. Von den neuen Kandidaten sind durchgefallen: Dr. Franz Chorin jun. und Moskowitz de Zemplsnyi. Von der alten liberalen Partei fehlen demnach 7 jüdische Abgeordnete, und zwar solche Männer, deren Stimmen nicht gezählt, sondern gewogen wurden. Von den neuen Abgeordneten jüdischer Konfession gehören 7 zur liberalen Partei, 12 zur Kossuth-Partei, 1 zur Bänffy- Partei und 2 sind Demokraten, somit hat das gegenwärtige ungarische Abgeordnetenhaus 22 jüdische Ablegaten, was einen numerischen Zuwachs bedeutet; die Liste der neuen Abgeordneten, welche Söhne Israels sind, lassen wir hier folgen: Dr. Desi Geza, Cseke (neu), Dr. M a r k b r e i t Julius, Bizakna (neu), Nemes Sigmund, Facset (neu), Revai Moriz, Szek, Dr. Rosenberg Julius, Abrudbünya, S ä. n d o r Paul, Budapest, V. Bezirk, Dr. Veßi Josef, Budapest, III. Bezirk, liberale Partei. — Dr. Bakonyi Samuel, Debreczen, H. Bezirk, Barta, Edmund, Felvidek, Farkashüzi-Fi scher Sigmund. Llesd (neu), K ü l l a y Thomas, Szökelyudvarhely (neu), Dr. Kelemen Samuel Szatmär (neu) Molnä-r Eugen. Szentes, Nagy Alexander, Nagylak, Dr. Rajk Aladä-r,Baja, S omo gyi Ä. Török-Szt. Miklös (neu), Dr. SzatmäriM., Margitta, S z u n y o g h M., Müteszalka (neu), Dr. V i s o n t a i Soma, Gyöngyös, Kossuth-Partei. — Barta Ignatz, Csikszentmarton (neu), Neue Partei. — Dr. Leitner Adolf, Miskolcz, H. Bezirk (neu) und Dr. V ä. z s o n y i Wilhelm, Budapest, VI. Bezirk, Demokraten.

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