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Die Wahrheit · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dis IZahrheit Redaktion n. Sldministration: Wien, 11/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate Anabhängige Heitfchrift für Mische AezuAspireis-: Ganzjährig ... ff. is.—!> Halbjährig ... ff. 6.— Interessent Für Cnltusbeamte: LU Hell, per Nonpareille-Zeile. Ganzjährig . . . ff. 10.— Erscheint jeden Areitag. AbonneuienlSu. JusertionS- Für Ausland: betrage und in Wien zahlbar; Ganzjährig ... 8 Mark.^ und klagbar. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" j 6 Rubel oder 16 FcS.! I | Wien. 10. Februar 1905. Inhalt: Jüdisch! — Aus der Woche. — Friedrich Stoltze und Anselm von Rothschild. — Wahlbewegung in Ungarn. — Reform der Wiener jüdischen Armenpflege. — Der Geist der Bibel. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Jahresbericht des österr.-ungar. Kantoren-Bereines. Indisch: Es war im Oktober des Jahres 1896. Hoch gingen die Wogen des Antisemitismus im „gemütlichen Wien.". Nur in der Wiener Judenheit war's recht ungemütlich geworden. Das hatten zwei Spezialfälle zu Wege gebracht. Der eine betraf die Neuwahlen in den größten Gesangverein Wiens, den „Wiener Männergesangverein", der einen jndenreinen Vorstand sich gegeben hatte, — der andere eine aufsehenerregende Gerichtsverhandlung. In dieser waren zwei Offiziere die Hauptmatadore. Die Sache war sehr einfach und hat sich seitdem schon wiederholt zugerragen. Zwei Brüder waren von den Offizieren angerempelt und blutig geschlagen worden; die Offiziere wurden darauf der Militärbehörde angezeigt, von ihr freigesprochen und mußten nun auf deren Veranlassung nicht nur gegen die Brüder, sondern auch gegen den sie vertretenden Advokaten — eine Zierde unseres Barreaus — die Ehrenbeleidigungsklage erheben. Der leider vor einigen Jahren verstorbene Redakteur der „Neuzeit" D. Löwy benutzte in einem seiner trefflichen Leitartikel die Gelegenheit, das, was die ganze Wiener Judenheit bedrückte, in Worte zu kleiden, in Worte, die noch lange die Oeffentlichkeit beschäftigten. Noch nie vorher hatte man es gewagt, den so mißachteten Namen „Jude" der weitesten Oeffentlichkeit in Erinnerung zu bringen, wie jener Advokat es getan: „denn es ist heute gang und gäbe, mit dem Worte „Jude" als Schimpfwort herumzuwerfen und — alle Achtung vor den Herren Offizieren, aber hier möge ihnen gesagt sein, daß wir stolz darauf sind, den Namen ..Jude" zu tragen." So lauteten seine Worte, und mit der Spitzmarke „Der Name Jude unser Stolz" hatte der als Redner wie als Journalist gleich tüchtige Gelehrte dem, was die Wiener Juden bedrückte, treffliche Worte geliehen. Weshalb wir diese Reminiszenz hervorsuchen? Nun, es scheint uns an der Zeit, gewissen Juden, die Wien mit ihrer Gegenwart glauben beglücken zu sollen, obige Vorfälle, die ihnen vielleicht nicht einmal bekannt sind, ins Gedächtnis rufen zu müssen. Daß ein Jude seinen Namen „verdeutscht" oder magyarisiert, ist ja in unserem vielsprachigen Lande erklärbar. Daß aber ein jüdischer Verein seine Tendenzen nicht mehr erfüllen kann, daß ihm sein Lebensnerv unterbunden, weil sein Name „zu jüdisch" ist — das ist das Allerneueste, womit wir beglückt worden sind. Und leider! Wenns am grünen Holze schon zu welken beginnt, wie solls dann da werden, wo erquickende Wärme und Feuchtigkeit fehlen? Wenn der altehrwürdige Name „Chewra Kadischa" in den „Verein für fromme Werke" umgetauft werden muß, weil die sogenannte Judenpresse sich jenes 3000jährigen Namens schämt, was soll man dann zu anderen, kleineren Vereinen sagen, die ähnliches unternehmen? Natürlich, zu entschuldigen ist die Sache weder da noch dort, und nur um den Entjudungen, die in unseren jüdischen Vereinen einzureißen drohen, ein Halt! zuzurufen, haben wir zur Feder gegriffen. Die Sache, um die es sich handelt und die nicht verschwiegen werden soll und darf, ist bald erzählt. Vor 2—3 Jahren wurde von einigen zionistischen jungen Mädchen und Frauen ein Verein gegründet, der sich die schöne Aufgabe setzte, arme Juden in den Spitälern zu besuchen, sich ihrer anzunehmen nach ihrer Entlassung und für sie zu sorgen, soweit die Mittel es erlaubten. Der Verein, mit 25 Mitgliedern gegründet, zählt jetzt über 400. Gewiß ein selten erreichtes Resultat. Und er hat diese Zahl erreicht, trotz seines jüdischen Namens „Bikur Chaulim." Aber dem jetzigen Vorstande schien dieser Name nicht mehr „zeitgemäß", er mußte „getaumelt" werden, nicht getauft. Die Motivierung ist zu klassisch, als daß sie nicht der Nachwelt überliefert zu werden verdiente: „Hat unser Verein mit derKoscherheit was zu tun?" (wir zitieren wörtlich aus dem uns vorliegenden Stenogramm), „wir nehmen Alle, die 20 Kreuzer monatlich aus ihrer Tasche entbehren können, ob Zionist oder nicht, ob koschere oder trefene Juden, das ist uns allerlei. Juden müssen sie sein und ein gutes Herz haben und 20 Kreuzer in der Tasche. Wir wollen jetzt groß werden und hervortreten, aber wir sind gehemmt, und der Name verrät unsere Ab st am mung." Ist das nicht klassisch? Juden müssen sie sein, um spenden zu dürfen, aber sich auch als Juden zu erkennen geben- Gott bewahre, so weit geht die Liebe nicht! Die Moral aus dem Vorstehenden möge sich ein Jeder selbst machen. b—r. Aus der Woche. Im Gemeinderate hat der Herr Bürgermeister zur Abwechslung einmal wieder recht schöne Worte gesprochen, denen aber nur zu kraß die Taten der Christlich-Sozialen gegenüberstehen. Dr. Lueger meinte, sein Bestreben sei, alle humani-

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