Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 4. ü£.:-:■ «rW'MWWLW'L^K'ÄZLLI Die Wahrheit. vergessen, daß er aus Triest kommt, wo zur Zeit seiner dortigen Amtswirksamkeit (es war die Vor-Hohenlohe-Zeit) die antisemitische Partei ein verhätscheltes Schoßkind der Statthalterei war. Es ist nun bekannt, daß eine Reihe von Bewerbern, und zwar mit ganz vorzüglichen Qualifikationen, seit mehreren Monaten bereits auf eine Einberufung im Konzeptsfach der Finanzdireknon harrt — und vergebens harrt. Der Grund, warum ihre Geduld auf eine so harte Probe gestellt wird, soll darin zu suchen sein, daß Herr Knipser mit Ausdauer zu warten gewillt ist, bis christliche Studierende an unserer Hochschule ihre Prüfungen abgelegt haben werden und damit nach gewissen Anschauungen einen Grund liefern, um die vorerwähnten freilich „nur" jüdischen Kompetenten — welche ihre Prüfungen schon längst abgelegt haben — abweisen zu können. Daß dieser Grund sich auf die noch zu Recht bestehenden Staatsgrundgesetze nicht stützen kann, bedarf keiner besonderen Betonung. Wir hoffen jedoch, daß unser objektiver Landespräsident Dr. v. Bleyleben eben diesem vorerwähnten noch auch für Juden geltenden Staatsgrundgesetze zur uneingeschränkten Geltung verhelfen und auch bei Besetzung der Stellen in der Finanzdirektion einzig und allein die Qualifikation und nicht die Konfession entscheiden laffe. Es ist umso dringender dieser Standpunkt zu betonen, als man den Eindruck gewinnt, daß das böse Beispiel, das Hofrat K n i p f e r gibt, sogar die bisher in jeder Beziehung tadellosen Sitten des Ober- Postdirektors Posch zu verderben beginnt. Es sind ja in Czernowitz eine so große Anzahl absolvierter Juristen — darunter freilich viele Juden — welche eine Aufnahme in den Staatsdienst anstreben, so daß die Notwendigkeit, einen Konzeptspraktikanten aus Mährisch-Weißkirchen hieher zu holen, gar nicht vorhanden war. Mit dem System der Einschiebe muß einmal gebrochen werden, denn unsere Hochschule liefert einen genügenden und brauchbaren Beamtennachwuchs. Budapest. In der Synagoge der kön. ung. Rabbinerschule fand letzten Samstag zu Ehren des neunzigjährigen Direktors dieser Hochschule, des weltberühmten Gelehrten Professor Moses Bloch ein Festgvttesdienst statt. Zu demselben strömte eine ungewöhnlich große Zahl von Festgästen herbei, so daß das Gotteshaus nicht einmal den vierten Teil der Erschienenen zu fassen vermochte, und die Meisten auf den geräumigen Korridoren des Jnstitutsgebäudes geduldig ausharrten, bis die gottesdienstliche Feier ihr Ende erreichte und Direktor Bloch von der jubelnden Menge in seine Wohnung geleitet und daselbst lebhaft akklamirt wurde. Im Anstaltstempel waren zugegen: das gesammte Professorenkollegium, das Kuratorium der Anstalt, die gegenwärtigen Seminaristen, viele der aus der Anstalt hervorgegangenen Rabbinen und Religionsprofefforen, welche in den angesehensten Gemeinden hervorragende Stellen bekleiden u. A. Den Festgottesdienst zelebrierte in wahrhaft feierlicher und recht erhebender Weise Oberkantor Professor Adolf Lazarus unter Affistenz des Seminaristenchores. Die Festrede hielt der Oberrabbiner von Groß- Kanizsa, Dr. Eduard N e u m a n n, welcher als erster Rabbiner aus diesem Institute hervorgegangen. Nach der gottesdienstlichen Feier fand große Gratulationscour statt. Am Sabbatausgang veranstalteten die Schüler Blo ch's ihrem gefeierten Meister ein Bankett, das würdevoll verlief. In zahllosen Toasten und Tischreden ward der gelehrte Lehrer, der beredte Verkünder des Gotteswortes und der Verbreiter der Gotteslehre gepriesen. Direktor Moses Bloch ist ein Liebling Gottes, den Gott durch ein ungewöhnlich hohes Greisenalter begnadet und die Gunst gewährte, geistig frisch und ungebrochen sein hehres und heiliges Lehramt als Neunzigjähriger versehen zu können. Möge dies noch lange, lange der Fall sein! v. H. S. Budapest. Letzten Sonntag führte im festlich erleuchteten Tempel Tempel in der Tabakgasse der hauptstädtische Buchdruckereibesitzer Herr Leopold Elek das Fräulein Adele Goldschmied unter das Trauzelt. Zu dieser Feier hatte sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefunden, unter denen wir den Reichstagsabgeordneten Karl Morzsänyi, den Bezirkschef und Stadtrepräfentanten Gustav G. Ehrlich, den Seminarprofessor Dr. Wilhelm Bacher, den Kultuschef Ludwig Adler, den Präsidenten der Pester Chewra-Kadischa Jakob B o s ch a n, den Tempelvorsteher Julius Adler, den Sekretär der israelitischen Landeskanzlei Dr. Franz M e z e i, die hauptstädtischen Advokaten Dr. Josef Spitzer und Dr. Ferdinand Rauschburg bemerkten. Den kultuellen Teil der Trauungszeremonie zelebrierte Oberkantor Profeffor Adolf Lazarus mit gewohnter Meisterschaft. Oberrabbiner Dr. Leopold G o l d s ch in i e d aus Proßnitz, ein Bruder der Braut, vollzog den eigentlichen Trauakt, wobei er eine gehaltvolle Ansprache an das junge Paar richtete und demselben den Segen der Religion erteilte. 8. Budapest. Herr Oskar Mühlberg, Reserveleutnant und Bureauchef des Großhandlungshauses Jakob Fürst & Söhne, verlobte sich mit Fräulein Irene Freund, Tochter des Herrn Heinrich Freund, Eigentümer des Cafe Parlament. Hannover. Konsul Moriz Simon wurde, als er im Badezimmer seines Hauses ein Bad nahm, durch eine Explosion des mit Spiritus geheizten Kessels getötet. Konsul Alexander Simon war der größte Wohltäter der hiesigen israelitischen Gemeinde nnd der Begründer der bekannten israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem. Er war auch ein Hauptförderer der Bestrebungen, den Handfertigkeitsunterricht in den jüdischen Schulen einzubürgern, machte zu diesem Zwecke weite Reisen durch Amerika und Aftika und opferte große Summen. In Ahlem ließ er Lehrer ausbilden, die seine Ideen weiter trugen und an den über die ganze Welt zerstreuten Schulen der Alliance israelite praktisch zur Anwendung brachten. Der Iindttng. Erzählung von Babette Fried, Prag. (15. Fortsetzung.) Von dem Momente an, wo sie ihn als Sohn ihres Kindes erkannt, nachdem sie von ihm Näheres über den Schekel und mithin seine Abkunft erfahren hatte, von diesem Augenblicke an, war er nicht mehr wie früher; er stritt mit seinen Gefühlen^ sie glaubte, als er Kenntnis davon erhielt, daß sie seine Großmutter, er würde ihr nunmehr rückhaltlose Liebe entgegenbringen- Dem war aber nicht so. Ein Schatten stand jetzt zwischen ihnen — seine arme, verlassene, im Elend umgekommene Mutter. Verdenken konnte sie ihm dies im Grunde genommen auch nicht;, im Gegenteil, er stieg in ihrer Achtung dadurch, daß er den Tod seiner ihm unbekannten Mutter nicht gleichgiltig hinnahm, sondern tief betrauerte, und dessen vermeintliche Urheberin dessentwillen nicht lieben konnte. Aber weh tat es ihr dennoch, ungemein weh! Alle ihre schönen Zukunftsträume scheiterten an dem Gemütszustände des jungen Mannes. Die letzte Hoffnung auf eine Sinnesänderung ihres Enkels setzte die Matrone auf den Einfluß, welchen Sophie auf ihren einstigen Jugendfreund ausübte. Frau Eva erkannte sofort, daß die leidenschaftliche Zuneigung, welche ihr Enkel für das junge Mädchen hegte, von diesem erwidert wurde. Sophie rechtfertigte auch das Vertrauen, welches die alte Frau in sie setzte. „Ei, Pinchas," begann sie schlau, „Du scheinst Dich wenig auf den Besuch meines Vaters zu freuen, weil Du bei Erwähnung von ihm so ärgerlich geworden bist." „Auf Deinen Vater mich nicht freuen? Wie kannst Dm nur so was glauben? Wurde er doch der meine, nachdem mein leiblicher Vater von meiner Mutter weggerissen wurde und einem grausamen Vorurteile zuliebe in die weite Fremde getrieben worden. Laß mich aber erst gesund werden, Sophie, und ich durchwandere die Welt, um ihn ausfindig zu machen." Mutiger Entschluß sprühte aus Pinchas Augen. * „So ist es recht, Pinchas, so höre ich Dich gerne sprechen.. Deine Gesundheit wieder zu erlangen, muß jetzt Dein Hüuptbestreben sein, um Deinen Vater aufzufinden und auch mir und Deiner Großmutter zu Liebe. Denn wir beide sind jetzt Eins geworden, Eins in der Liebe zu Dir, Du undankbarer Junge! Eine Beleidigung der Frau, bei der ich nun bleiben soll, fasseich als eigene Beleidigung auf." „Höre ich recht, Sophie? Du bleibst jetzt hier bei mir?" „Nicht bei Dir, sondern bei Frau Eva Goldberg. Willst Du mich also öfter sehen, dann mußt Du Dich auch mit Frau Goldberg gut vertragen, denn „ihr gehören meine Pflichten," zitierte plötzlich gut gelaunt das Mädchen. „Dürfen also die draußen Harrenden endlich eintreten — alle Beide?" Pinchas nickte ihr stilllächelnd mit dem Kopfe zu. Sophie eilte zur Türe, öffnete diese und ließ ihren Vatereintreten. Dem folgte sie alsdann an der Hand der schüchtern und verzagt eintretenden Großmutter. Nach stürmischer Begrüßung seines Pflegevaters ergriff Pinchas die Hand der alten Frau, führte sie an seine Lippen und sagte mit bewegter Stimme: „Vergib mir, teure Großmutter, alle Kränkung, die ich Dir im jugendlichen Ungestüm zugefügt habe. Ich' will Dir durch kindliche Ergebenheit und Treue alles, alles gut machen." Ueber die furchigen Züge Frau Evas flog auf einen Moment ein sonniges Lächeln, dann überkam sie wieder etwas von ihrer alten Kraft und Energie; sie unterdrückte mutig dieaufkeimende Rührung und sagte fast strengen Tones: „Gut, mein Kind, das hoffe ich auch. Aber heute ist es der Aufregung genug für Dich. Du gehst zu Bette und ruhst aus. Wir aber fahren nach Hause. Auf vier Uhr habe ich das Fuhrwerk bestellt und so spät dürfte es schon sein. Also schlaf wohl, mein Junge. Morgen, so Gott will, kommen unsere Gäste allein zu Dir, in der Brennerei wird eingemaischt, ich muß da--- bei sein, die Leute sind unverläßlich." (Schluß folgt.)