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Die Wahrheit · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ET Nr. 5. Die Wahrheit Seite 7 Der Referent bemerkt einleitend, daß die heutige Versammlung in einem welthistorischen Augenblicke einberufen wurde, in welchem mächtige, als unerschütterlich geltende Werke, wie Hie dualistische Grundlage der Monarchie, und das Bollwerk der Reaktion in Europa, der russische Zarismus, ins Wanken geraten sind. Redner. bespricht sodann den Kabinetswechsel in Cisleithanien. Er charakterisiert zunächst den bisherigen Ministerpräsidenten Dr. v. Körber als eine Persönlichkeit, welcher jeder ehrlich und gerecht denkende Mensch seine vollste Sympathie .entgegenbringen müssen Herr v. Körber sei ein wohlwollender, entgegenkommender und gerechter Mann. Wenn es Herr von Koerber, gleich seinen Vorgängern seit dem Ministerium Taaffe, auch nicht gelungen sei, seine politische Mission zu erfüllen und das Parlament arbeitsfähig zu machen, so habe er doch in der Verwaltung neue Bahnen gelegt und gewiesen, welche von seinen .Nachfolgern nicht leicht werden verlassen werden können. (Beifall) .Herr Dr. v. Koerber habe auch die Beschwerden der Juden in vollem Maße gewürdigt und Abhilfe geschaffen. Referent geht dann znr Charakterisierung des neuen Ministerpräsidenten Dr. Freiherrn von Gautsch über, von dem er hervorhebt, daß er gewiß nicht antisemitischer Gesinnung sei, da er seinerzeit den Hetzverein „Narodni obrana", der die Prager Judenexzesse inzseniert hat, auslöste und den Abgeordneten Schneider verhinderte, eine Hetzrede gegen die Juden zu halten. 'Er werde gewiß korrekt das Gesetz handhaben. Die Bestrebungen des Baron Gautsch, das Parlament wieder arbeitsfähig zu machen, müssen die Inden mit aller Kraft unterstützen, weil der Konstitntionalismus die Basis ihrer staatsbürgerlichen Rechte bildet. (Lebhafter Beifall.) Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner betont, daß die Juden nur im Anschlüsse an die freiheitsliebende Arbeiterschaft ihre politische und wirtschaftliche Existenz sichern können. Redner bespricht eingehend die grundstürzenden Vorgänge in Ungarn und die freiheitliche Bewegung in Rußland, welche die Hoffnung auf bessere Zustände in ganz Europa erwecke. Wenn die Sonne Her Freiheit irgendwo aufgehe, werde von ihrem Abglanz die ganze Welt erleuchtet. (Anhaltender Beifall.) Es sprachen noch die Herren Dr. Weisengrün und Dr. Kadisch vom jüdisch-nationalen, Dr. Piekarskie vom zionistischen Standpunkte, ferner die Herren Rosenzweig, Teweles, 'Redakteur Kraus und Sax, worauf nach einem kurzen Schlußworte des Referenten die anregende Versammlung in vorgerückter Stunde geschlossen wurde. Kegine Fleischer. Am 24. Jänner um die Mittagsstunde hat Regine Fleischer, Hie treue Lebensgefährtin des allgemein verehrten Baurates Max Fleischer, für immer die Augen geschlossen. Eine wahrhaft edle Frau von seltener Herzensgüte und tiefem Gemüte ist mit ihr dahingegangen, ein Muster von Zärtlichkeit und liebevoller Fürsorge für ihren Gatten, mit dem sie durch Dezennien in glücklichster Ehe verbunden war. In ihrer außerordentlichen Bescheidenheit trat sie wenig in die Oeffentlichkeit; ihr Haus war die Stätte ihres emsigen, unermüdlichen Waltens für das Wohl ihres Gatten; allein alle, die das Glück hatten, sie näher zu kennen, -wußten die trefflichen Charaktereigenschaften dieser Frau zu würdigen, ihr echt jüdisches Herz, die reichen Quellen ihres Gemütes, die sie empfänglich machten, für alles Gute und Schöne, teilnahmsvoll für fremdes Leid, mildtätig gegen die Unglücklichen und Verlassenen. Unzählige Wohltaten hat sie in aller Stille geübt, kein Armer ging unbeschenkt von ihrer Tür. Ihr Heimgang hat innige, herzliche Anteilnahme hervorgerufen, die sich in überwältigender Weise bei dem Leichenbegängnisse am 26. Jänner manifestierte,, das ihrem letztwilligen Wunsche zufolge von der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes aus stattfand. Man kann sagen, daß alle Namen von Klang mnd Ansehen in unserer Gemeinde bei dieser Trauerfeier vertreten waren. Tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich der ansehnlichen Trauerversammlung, als Oberkantor Dünmann die Leichenfeier durch die meisterhafte Rezitation der Trauergebete einleitete, worauf Ehrwürden Rabbiner Dr. Taglicht an die Bahre trat, um der Entschlafenen einen tiefempfundenen Nachruf zu widmen. Sie war ein Biederweib, so führte der Redner aus, die Krone ihres Gatten und ihres Hauses. Mit grenzenlos hingebender Liebe umhegte sie den treuen Lebensgefährten. Der Gedanke an ihn erfüllte ihre ganze Seele. Sein Wohl, sein Glück war Inhalt und Zweck ihres Daseins. Wie dankbar, wie beseeligt hat sie zu ihm, dem Hochstehenden, aufgeschaut, und wie hat sie durch ihren Seelenadel, durch ihr liebersülltes Herz ihn beglückt. Sie war ein jüdisches Weib; von tiefer aufrichtiger Frömmigkeit, von innigem Glauben, von unerschütterlichem Gottvertrauen erfüllt. Gott lebte in ihrem Herzen, jüdischer Geist in ihrem Hause. Mit peinlicher Genauigkeit betätigte sie die Satzungen des Judentums und breitete so den poetischen Schimmer der Religion über ihr Haus. Gesättigt an Leiden, aber auch reich an innerem Glück zieht sie nun in die Seligkeit ein. Friede mit ihr, Amen! Nachdem die Worte des tiefbewegten Redners verklungen waren, setzte sich der imposanie Trauerzug zur Familiengruft in Bewegung, jener sinnigen, stilvollen Ruhestätte, die sich Baurat Fleischer als sein „ewig Haus" erdacht und erbaut und in welche die sterblichen Ueberreste Regine Fleischers unter herzlicher Teilnahme aller Anwesenden gebettet wurden. Ein edle Seele ist heimgegangen in das Reich des Friedens; die Erde sei ihr leicht! Frau; Kaempf. (Der Tod eines Sechzehnjährigen.) Das Hinscheiden eines kaum den Kinderjahren entwachsenen Jünglings wird, ganz abgesehen von dem Schmerze seiner Angehörigen, sicherlich -unter allen Umständen auch die allgemeine menschliche Teilnahme erwecken. Ein seltener Fall aber ist es, daß der Tod eines Sechzehnjährigen auch zu der erschütternden Klage Anlaß gibt, es seien mit ihm nicht nur Hoffnungen, sondern reiche Gaben des Geistes und des Gemütes und hervorragende künstlerische Fähigkeiten zu Grabe getragen worden. Franz Kaemps, dessen Leichenbegängnis am 27. v. M. stattfand, war eine ungewöhnliche Erscheinung. Von seinem sechsten Lebensjahre an schwer leidend, erschloß sich dem Knaben, der durch seine Krankheit an einem regelrechten Unterricht teilzunehmen verhindert war, eine hehre, ideale Geisteswelt, in der die dem Kinde angeborenen Talente zu bewundernswürdiger Entfaltung gelangten. Eine Reihe poetischer Arbeiten, die der Jüngling hinterläßt, zeugen von der Tiefe seiner Empfindungen, von der Reise seines Geistes, von wahrem dichterischem Berus; seine prachtvollen Schöpfungen auf dem Gebiete der Plastik und der Malerei erregen das Staunen der Kenner, das noch gesteigert wird, wenn sie erfahren, daß ihr jugendlicher Urheber niemals einen Lehrer gehabt. Die ergreifendste und erschöpfendste Würdigung des so früh Verblichenen bietet die Trauerrede des Herrn Rabbiners Dr. D. F e u ch t w a n g, in welcher auch das die jüdischen Kreise besonders interessierende Moment hervorgehoben wird, daß Franz Kaemps, Sohn des Herrn Maximilian Kaemps, der einzige Enkel des als Kanzelredner und Gelehrten berühmten Regierungsrates Dr. S. I. Kaemps war. Die Rede des Herrn Dr. D. Feuchtwang hatte folgenden Wortlaut: „Von aufrichtig tiefem Schmerze erfüllt, umsteht diese große Trauergemeinde die Bahre, welche die sterblichen Reste des edlen Jünglings Franz ipa) Kaemps birgt, der in seinem sechzehnten Lebensjahre Eltern, Großeltern und Geschwistern zum unsäglichen Weh entrissen wurde. „Freue dich Jüngling deiner Jugendzeit" rät der weise Lebenskenner Salomo: und sicherlich hätte der jugendliche Entschlafene gerne diesem Rat gefolgt. Doch ach, dieses Koheletsatzes anderer Teil ließ die Erfüllung des ersten nicht zu: „wenn dein Herz es dir Wohlergehen läßt in deiner Jugend."

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