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Die Wahrheit · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Nr. 5. Die Wahrheit Lyrik der Juden nach." In seinem Nachlaß fand sich, wie Franzos mitteilt, eine vollständige metrische Nachdichtung der Psalmen. Sein „Mose" ist von starker religiöser Ueberzeugung getragen und weiß mit formeller Gewandtheit und poetischer Begabung die Hauptmomente aus dem Leben des großen Propheten darzustellen. Dieses Bekenntnis des Dichters muß man im Auge behalten, wenn man sein zweites Epos „Bajazzo" (1863) richtig würdigen will. Der barocke Aufbau, der um die Person des Bajazzos eine Reihe von mehr oder minder selbstständigen Gedichten, Parabeln, Allegorien gruppiert, die sich als eine Art Satire auf alle Stände darstellt, stört die Einheit des Epos, dessen Hauptgeschichte nur wie ein Anhang zu obgeuannter Gedichtreihe erscheint. Wieder zeichnet den Dichter große Beherrschung der metrischen Formen aus. Das sind Elemente, welche die Dichtung völlig modern erscheinen lassen, wichtiger für uns ist ihr tragisches Problem. Es ist unmittelbar aus dem Boden der galizischen Heimat des Dichters hervorgewachsen und versetzt uns in die Konflikte zwischen Altgläubigkeit und Reform, oie in einzelnen Figuren verkörpert erscheinen. Es handelt sich um den inneren Zusammenbruch eines reichen polnischen Kaufmannshauses, der infolge der religiösen Gegensätze erfolgt. Wir glauben die poetische Verklärung von Zügen aus den Biographien der genannten Reformmänner vor uns zu haben, wenn wir von dem reichen Kaufmann lesen, der durch Studien und durch seine aus Deutschland stammende gebildete Frau für die Kultur des Westens gewonnen worden. Die äußeren und inneren Kämpfe, die es dabei setzte, sind sicher aus der Beobachtung der heimischen Zustände hervorgegangen, ja der Sohn des Rabbiners hat gewiß im eigenen Leben und im Leben seiner Freunde ähnliche Erfahrungen durchgemacht. Dadurch gewinnt die epische Darstälung subjektiven Charakter. Wenn aber der Sohn des Kaufmannes am Tage, da er eine liebenswürdige Braut heimführen soll, entflieht, was dem Vater und dem Mädchen den Tod bringt, und aus Liebe zu einer Seiltänzerin der Bande der Fahrenden folgt: so glauben wir die Stimme des Rabbiners zu hören, welcher in der in der Enkelgeneration rasch fortschreitenden Emanzipation eine innere Entwurzelung seines Volkes befürchtete." Reform der indische« Wiener Armenpflege. •-ZA Ueber Einladung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde versammelten sich Montag, den 30. Jänner, 6 Uhr abends, im großen Sitzungssaale der Gemeinde fast sämtliche Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Wohltätigkeits-Vereine und Wohlfahrtsinstitute, wie auch viele Privatpersonen, die sich in der Armenpflege hervorragend betätigen, um über die geplante Gründung eines „Verbandes zur Förderung der jüdischen Wohltätigkeit in Wien" zu beraten. Nach Begrüßung der Anwesenden durch den Vorsitzenden, Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, erstattete Herr kais. Rat Dr. S. Kohn das angekündigte Referat über „die Reform der Wiener jüdischen Armenpflege", das wir im Nachstehenden auszugsweise wiedergeben: In der Einleitung verweist der Referent auf die Unzulänglichkeit und Reformbedürftigkeit der gegenwärtigen jüdischen Armenpflege in Wien, die nicht nur im Zunehmen des Pauperismus sondern auch in dem Mangel eines Zusammenhanges zwischen den einzelnen Instituten, vor allem aber in dem Mangel einer gemeinsamen Informationsstelle bedingt sind. Dem könnte nur durch Zentralisation der Armenpflege abgeholfen werden. Darunter verstehen wir, so führt der Referent aus, das planmäßig geregelte Zusammenwirken der Institute in Bezug auf die Erhebungen und in Bezug auf die Unterstützungen. Viele jüdische Wohltätigkeitsinstitute gehen bereits in gegenseitigem Einvernehmen vor. Was bisher nur fall- und zufallsweise geschehen, dem Belieben und der Einsicht der einzelnen Institute anheimgestellt, das soll nun in feste, geregelte und zweckentsprechende Bahnen geleitet werden. Eine Unerläßliche Bedingung und Voraussetzung für eine so geartete Armenpflege ist die Werbung und Bestellung einer möglichst großen Zahl tüchtiger, geschulter Armenpfleger, die nach Beschaffenheit des einzelnen Falles Rat und Hilfe vermitteln. Je größer die Zahl der Armenpfleger, je besser deren Eignung zu ihrem Amte, desto gesicherter und wirkungsvoller sind auch die Erfolge der Armenpflege. Der Armenpfleger bildet den Grundpfeiler der neuen Ordnung, er ist die Säule, der Träger des neuen Systems, durch ihn gelangen alle jene Prinzipien, welche die moderne Armenpflege charakterisieren, wodurch sie sich von der alten bureaukratisch-Schablonenmäßigen Methode unterscheidet, zur Verwirklichung: die individualsierende Behandlung jedes einzelnen Falles, die vorbeugende und in höherem Maße als bisher die Naturhilfe. Die osienbaren Erfolge, welche die Zentralisation der Wöchnerinnenpflege durch Aktivierung des Verbandes zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen brachte, weisen darauf hin, auch auf den anderen Gebieten der jüdischen Wohltätigkeitspflege denselben Weg zu gehen, und darum schlägt Referent vor, auf vereinsgesetzlicher Basis einen „Verband zur Förderung der jüdischen Wohltätigkeit in Wien" zu gründen. Berufen und legitimiert zum Beitritte sind die israel. Kultusgemeinde und alle jene Institutionen, nach deren satzungsmäßiger Tätigkeit die Unterstützung jüdischer Armer als Haupt¬ oder auch nur als Nebenzweck gilt. Einzelpersonen können . als beitragende Mitglieder dem Verbände angehören. Statutarische Organe des Verbandes sind: I. Die Zentral- Armenkommissson, H. Die Bezirks-Armenkommissionen. IEE. Die Verbands-Versammlung. Die vorbezeichneten drei statutarischen Organe sind nach der Natur ihrer Tätigkeit leitende Organe der Armenpflege. Die praktische ausübende Tätigkeit der Armenpflege erfolgt durch: 1. Die Zentral-Auskunfts- und Hilfsstelle. 2. Die Bezirks- Auskunfts- und Hilfsstellen (Bezirksvereine). An das Referat, über dessen Details wir nächstens ausführlicher berichten, knüpfte sich eine längere Debatte, an welcher sich Herr kais. Rat Anninger, Dr. Schorstein, Frau Zifferer, Herr Schreiber, Herr Buchwald, Frau kais. Rat Dr. Kohn, Dr. Carl Löwy, Ober-Finanzrat Dr. Rappaport, Dr. Ascher, Frau Barany, Rabbiner Dr. David, Herr Sigmund Kauders, Regierungsrat Dr. Schlag, Dr. Winter, Frau Dr. Frischauer, Frau Kohn, Dr. Winternitz und Frau Amalie Beck teilnehmen. Fast sämtliche Rednerinnen und. Redner billigten im Prinzipe die Ausführungen des Referenten und befürworteten den gleich eingangs der Debatte gestellten Antrag, ein engeres Komitee zur Beratung der Details der Organisation einzusetzen, welchem Wunsche auch der Vorsitzende im Einvernehmen mit den einzelnen Vereinen binnen kürzester Frist nachzukommen versprach. Oesterreichisch - Israelitische Union. Montag den 30. v. M. fand unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten Dr. Moriz Ascher eine Plenarversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt. Der Vorsitzende begrüßt die Erschienenen und teilt mit, daß in einer durch den Beirat verstärkten Vorstandssitzung der „Union" der Beschluß gefaßt wurde, im Schoße des Vereines eine Kommission für Kultusgemeindeangelegenheiten zu konstituieren, welche für die Durchführung des bei den letzten Kultusgemeinde- Wahlen vom vereinigten Zentral-Wahlkomitee aufgestellten Wahlprogrammes zu sorgen und Anregungen, Wünsche und Beschwerden, welche sich auf die Kultusgemeinde beziehen, entgegenzunehmen habe. (Beifall.) Redner betont schließlich die Notwendigkeit der Aussprache über die jüngsten Ereignisse in Europa, speziell in Ungarn und Rußland, welche auch für das Judentum höchstwahrscheinlich einen Markstein bilden dürften, und erteilt dem Referenten Herrn Siegfried Fleischer das Wort.

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