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Die Wahrheit · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5. Die Wahrheit -Seite 5. von einer anderen radikalen Partei mit gleicher Elle gemessen wurden, daß man ihnen gegenüber die Verfassung und das Strafgesetz verletzen darf, ohne daß die Staatsgewalt mit der nötigen Energie dagegen einschreitet. An gesetzlichen Dämmen und Schranken gegen politische, religiöse und gesellschaftliche Verhetzung fehlt es nicht. An Strafbestimmungen gegen die Uebeltäter leidet Oesterreich keinen Mangel und an preßpolizeilichen Verfügungen zur Unwirksammachung solcher Agitationen steht den Staatsanwälten ein ganzes Arsenal zur Verfügung. Man braucht kein neues Reglement, keine neuen legislatorischen Maßnahmen — es würde vollständig genügen, wenn die Staatsbehörden die schon bestehenden zur Anwendung brächten. Diese Anwendung muß aber eine unparteiische, eine nach allen Richtungen mit gleichem Maße messende sein. Sie muß allen Bevölkerungsklassen, allen Nationalitäten, allen Konfessionen in gleichem Maße gerecht werden. Sie darf auf der einen Seite nicht begünstigen, was sie auf der andern Seite für verwerflich und strafwürdig erklärt, sie darf auf der einen Seite nicht mit vielsagenden Schmunzeln dulden, was sie aus der anderen Seite mit dem Eifer eines Torquemada verfolgt. Und was von der Staatsgewalt gilt, das gilt auch von den einzelnen Parteien. Den Vertretern der katholischen Vereine möchte man in diesem Augenblick zurufen, daß das alte, gut deutsche Sprichwort: „Was Du nicht willst, daß man Dir tu', das füg' auch keinem Andern zu!", auch für sie grundsätzliche Geltung hat unv daß eine Mißachtung früher oder später, wie sich da jetzt eben gezeigt hat, auch sie selbst in den Wirbel der allgemeinen Rechtlosigkeit hinabziehen muß. Nreisansschreibnng der Unppnport- Stiftmrg. Nach langen Beratungen und Verhandlungen im Schoße des Kuratoriums der „Dr. Moriz Rappaport-Stiftung" und der „Historischen Kommission" hat der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde, wie bereits in letzter Nummer dieses Blattes berichtet wurde, gemäß dem Anträge des Kuratoriums für die Preisausschreibung der Rappaport-Stiftung zwei Themen akzeptiert, und zwar: 1. „Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" mit dem Preise von L 3500 und 2. „Der Anteil der Juden an der österreichischen Finanzgeschichte in dem Jahrhunderte nach dem 30jährigen Kriege." Die wenig erfreulichen Resultate der bisherigen Ausschreibungen, die bis nun kein einziges wirklich wissenschaftlich bedeutsames Werk zutage förderten und das letztemal sogar ohne jeden Erfolg waren,, hätte das Kuratorium denn doch bestimmen sollen, einem von ernster Seite gestellten Anträge näherzutreten, der dahin ging, eine Aenderung des Stiftbriefes in dem Sinne anzustreben, daß. ähnlich wie beim Bauernfeld-Preis und anderen hervorragenden Preisen, das beste, jeweilig in den letzten drei Jahren erschienene wissenschaftliche Werk über jüdische Geschichte aus der Rappaport-Stiftung prämiiert werde. Im Interesse der jüdischen Wissenschaft und derjenigen, die sich aufrichtig und ehrlich um dieselbe verdient machen, bedauern wir, daß das Kuratorium und der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde dieser Anregung nicht gefolgt sind, wollen aber hoffen, daß die Erwartungen, die an die Preisausschreibung geknüpft werden, diesmal nicht wieder Enttäuschung finden und zur Lösung der aufgestellten Themen Arbeiten geliefert werden, denen nicht nur in unseren jüdischen Kreisen das leider oft nur allzu leicht gespendete Lob zuteil wird, sondern Produkte ernster Forschung, die auch der strengsten wissenschaftlichen Kritik standhalten. Ueberaus zeitgemäß und als ein Akt der Pietät für den Stifter, dessen Geburtstag sich im Jahre 1908 zum hundertsten Male fährt, wäre es uns übrigens erschienen, einen Preis auszuschreiben für eine historisch kritische Ausgabe der Werke Dr. Moriz R appaport s mit einer streng wissenschaftlichen Biographie desselben. Die Bedeutung Rappaports ist unseres Erachtens bisher gerade von jüdischer Seite viel zu wenig gewürdigt worden, umsomehr dürfte unsere Leser ein schönes und treffendes Urteil interessieren, das wir in der jüngst erschienenen Lieferung der „Deutsch-Oesterreichischen Literaturgeschichte," einem von streng katholisch-konservativem Geiste erfüllten Werke, über Dr. Moriz Rappaport finden. In dem Abschnitte „das Zeitalter der Josephinischen Aufklärung" lesen wir daselbst: *) War so der Boden durch die allgemeinen Kulturströmungen im Judentum vorbereitet, so traten bald in Galizien selbst Schrifisteller auf, die. wenrr auch nach dem Vorbild der vorgeschritteneren Schule der böhmischen Dichter Kompert, Frankl u. a., doch in eigentümlicher Art aus den Zuständen ihrer Heimat heraus literarische Werke schufen. Sie schilderten die inneren und äußeren Kämpfe der Emporstrebenden, verfolgten die Wirkungen der Aufklärung und des Josefinismus bis in die einzelne Familie, entwarfen Kulturskizzen und Genrebilder, Stimmungsbilder aus dem Ghetto, oder sammelten nach Art der „Sippurim" Sagen und Denkwürdigkeiten der Vergangenheit. Kein Zweifel, auch hier verband sich vorwärtsdrängende Aufklärung mit rückfchauender Romantik, die sich gerne in elegischen Farben offenbart. Sie wohnte sich mit Liebe unter den Trödelkram des Ghettos ein oder erzählte in pathetischen Wendungen von Martyrium und Leiden der Vergangenheit und pries den Segen der Toleranz und Aufklärung. Nicht selten verfallen die Poeten in biblischen Ton, die würdigen Rabbiner mit weißem Bart nehmen Patriarchenhafte Züge an, die polnischen Bedränger erscheinen wie alttestamentarische Verfolger und es fehlt nicht an . tapferen Judiths und klugen Esthern, die für ihre bedrängten Glaubensbrüder einstehen. Mit den josefinischen Agrarprojekten und dem Vorbild des Karaitendaseins mag das schon bei Kompert zuweilen auftauchende agrarische Ideal Zusammenhängen. So klagt der Jude in Frankls „Inden und Zigeuner": „Warum darf ich ein Feld nicht haben, Um drauf zu ernten und zu graben? Wie süßer muß der Wein dem munden, Der ihn gepflanzt, geharkt, gewunden" u. s. w. In die Enge und den Schmutz des Ghettos fällt so viel verklärendes Licht, daß wir Goldbaum beistimmen, wenn er zunächst im Hinblick auf Sacher-Masochs Judengeschichten bemerkt: „seine galizischen Juden sind von einer inneren Reinlichkeit, welche mit dem Seife- und Wasserbedürfnis ihres Aeußeren in einer umgekehrten Proportion steht." Es sei hier nur auf einige typische Erscheinungen im besonderen hmgewiesen. Recht ein Verbindungsglied zwischen dem josefinischen Reformjudentum in Galizien und dem „jungen Deutschland" bildet Moriz Rappaport (geb. Lemberg 1808), der Sohn des Rabbiners und modernhebräischen Dichters Salomon. In Lemberg studierte er das Gymnasium, in Wien vollendete er die philosophischen und medizinischen Studien. Von 1833—1872 übte er in Lemberg ärztliche Praxis aus und wirkte als Schriftsteller und Gemeinderat im Sinne der deutschen Kultur. 1872 übersiedelte er nach Wien, wo er 1880 starb. Seine Dichtung hat vieles gemein mit der L. A. Frankls, der, obwohl zwei Jahre jünger, früher als Dichter aufgetreten war und Rappaport beeinstußt hat. Beide huldigten den Heroen der deutschen Kultur und blieben doch wie ihr Vorbild Moses Mendelssohn echte Juden, wie sie denn ihr Bestes — Frankl in der „Rachel" und im „Primator" — leisteten, wo sie aus den Gedanken- und Gefühlskreisen ihres Volkes heraus schufen. Wenn der Sohn des Rabbiners und modernhebräischen Dichters 1842 mit einem biblischen Epos ..Mose" auftrat, denken wir unwillkürlich an die genannte „Moseide." Ebenso bildete er in seinen „Hebräischen Gesängen" (1860) die „Perlen der religiösen *) Deut sch-O österreichische Literaturgeschichte. Ein Handbuch zur beschichte der deutschen Dichtung in Oesterreich-Ungarn. Herausgegeben von I. W. N a g ( und I. Zeidler. 26. Lieferung, beziehungsweise 9. Lieferung des Lcblußbandes. K. u. k. Hof-Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhandlung Carl Fromme, Wien.

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