Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 4. Wiener Judenschaft im vorigen Jahrhunderte, kann in drei Epochen geteilt werden: Die erste, die Epoche der Rechtslosigkeit, in welcher die Judenschaft Wiens, insoweit man dieselbe als anerkannt gelten lassen mag, 173 Familien umfaßte, deren rechtliche Existenz in vielen Fällen auch nicht über jedem Zweifel erhaben war; die zweite Epoche, in welcher sich ohne Gesetz ein Gewohnheitsrecht herausbildete; endlich die dritte Epoche, von dem Zeitpunkte, als die Staatsgrundgesetze und damit den Juden wohl nicht die verbürgten Rechte, wohl aber zumindest das Recht gegeben wurde, sich über erlittenes Unrecht zu beklagen. Die letzte größere Hälfte dieser dritten Epoche fällt in die Wirksamkeit Klingers. Wenn, wie es manchmal geschieht, über Verschiedenes geklagt wird, was die innere Verwaltung der Kultusgemeinde betrifft, so empfiehlt es sich, an die Zustände zurückzudenken, welche zur Zeit, als Klinger in den Vorstand kam, in der Kultusgemeinde herrschten. So ist es, um nur Einiges zu erwähnen, damals vorgekommen, daß man bei Erledigung von Angelegenheiten nach den diesfälligen Vorakten oder nach den Erledigungen, welche in gleichen Angelegenheiten erftoffen waren, vergebens suchte, da es an einer Registratur fehlte. So ist es vorgekommen, daß an diesem Tische ganz ernstlich darüber gestritten wurde, ob überhaupt ein mit der Ueberwachung der Gebäude der Kultusgemeinde zu betrauendes technisch gebildetes Organ zu bestellen sei. Für die Verleihung von Benefizien, für die Anstellung von Bediensteten, ftir die Regelung ihrer Bezüge fehlte es an bestimmten Normen. Und nun mögen nur noch einige Ziffern den Vergleich zwischen einst und jetzt illustrieren. Im Jahre 1890 waren in allen Bezirken, inklusive der einverleibten Vororte, insgesamt 9865 Steuerzahler mit einer Kultussteuerleistung von rund Iv 350.000. Heute haben wir von nahezu 20.000 Steuerzahlern eine Kultussteuerleistung von rund K 1,150.000. Die Gesamteinnahmen der Gemeinde betrugen im Jahre 1890 rund K 992.000, im Jahre 1903 K 2,243.000. Im selben Verhältnisse sind auch die Ausgaben gestiegen. Diese Ziffern charakterisieren wohl zur Genüge die Entwicklung unserer Gemeinde, an der in erster Linie und in hervorragendster Weise Heinrich Klinger mitgewirkt hat. Die Regelung der Verwaltung nach den erst angedeuteten und nach so vielen anderen Richtungen, überhaupt die Neu-Organisierung der Verwaltung, wie sie heute funktioniert, ist zu großem Teile ein Werk Heinrich Klingers. Gelegentlich seiner ersten Wahl zum Präsidenten — es war dies am 21. Februar 1897 — hielt der Verewigte eine Ansprache, welche es verdient, heute hier wiederholt zu werden. Er sagte unter anderem: Als er vor zirka sechs Jahren, nach dem Ableben des Präsidenten Arminio Cohn, als Vizepräsident des Vorstandes fungierte und nach einer hier gewohnheitsmäßig gewahrten Kontinuität die Voraussetzung bestand, daß ihm das Ehrenamt eines Präsidenten übertragen werden könnte, glaubte er, sich dieser Würde entziehen zu sollen. Seither seien die Zeiten unserer Gemeinde ernster und trüber geworden und angesichts dieser Verhältnisse erachte er es für seine Pflicht, sich auf den Platz zu stellen, auf welchen das Vertrauen des Vorstandes ihn berufen. Er erklärt sohin, die Wahl anzunehmen und gibt der Hoffnung Ausdruck, auch das Vertrauen jener Kollegen zu erwerben, welche durch Abgabe leerer Stimmzettel dargetan haben, daß sie ihn noch nicht kennen. Er erklärt, die Pflichten des Präsidenten im Sinne des Statutes stets gewissenhaft zu erftillen, und erörtert, ohne ein Programm entwickeln zu wollen, unter Betonung des Fernehaltens von jeder Politik, den untrennbaren Zusammenhang, welcher nach seiner Auffassung zwischen der dem Präsidenten statutengemäß übertragenen Vertretung der Gemeinde nach außen und der Vertretung nach innen besteht. Sein eiftigstes Bemühen wird dahin gehen, das Vertrauen der Gemeindemitglieder zum Vorstande zu stärken und begründeten Anforderungen gerecht zu werden. Die Hoffnung, die er aussprach, daß er sich das Vertrauen des gesamten Vorstandes erwerben werde, wurde zur Wirklichkeit. So oft es sich darum handelte, dem Verewigten, sei es durch Wiederwahl zum Präsidenten oder auf eine andere Weise das Vertrauen zu bekunden, geschah es stets einhellig und ohne Widerspruch. Unter dem Vielen und Großen, das er geleistet, möchte ich hier seiner hervorragenden Tätigkeit bei der Gründung der Vereinigung der Kultusgemeinden Oesterreichs, des Allgemeinen österreichischen israelitischen Bundes besonders gedenken. Meine Herren I Ich habe, als ich an der Bahre des Dahingeschiedenen in Ihrem Namen der liefen Trauer Ausdruck gab, als die Leitsterne seines Handelns bezeichnet: die Wahrung des Ansehens und der Würde des Vorstandes, die Wahrung des Friedens in unserer Gemeinde. Wir ehren das Andenken des Verewigten am besten dadurch, indem wir diese Grundsätze zu den unserigen machen. In kurzer Zeit wird die Reihe der in diesem Saale angebrachten Bildnisse der um die Gemeinde hochverdienten Männer um das Bildnis Klingers bereichert werden; es bedarf dieses äußern Zeichens nicht, um den Verewigten im Vorstande und in der ganzen Gemeinde unvergeßlich zu machen. Sein Andenken ist und bleibt gesegnet für alle Zeiten!" Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben der Familie der verstorbenen Frau Josefine Wölfler, Witwe nach dem Spitalsverwalter kais. Rat Bernhard Wölfler, in welchem dem Vorstande für die Veranstaltung des Leichenbegängnisses der Dank ausgesprochen wird; weiters ein Erlaß der Statthalterei, betreffend die Errichtung einer Dr. Adolf und Emma Löwy- Stiftung mit dem Betrage von K 100.000—150.000. An Spenden sind eingelausen: Herr Albert Landau, derzeit in Nizza, zur Anschaffung von Kohle und Holz für arme Bedürftige X 2500. — Herr Dr. Norbert Klinger im Sinne einer testamentarischen Verfügung des Herrn kaiserlichen Rat Heinrich Klinger s. A. zur Verteilung an Arme am Begräbnistage X 400; ferner zur Verteilung an 20 Arme jüdischer und 10 Arme christlicher Konfession je X 20 — X 600, in Summa X 1000. — Herr Julius Mautner anläßlich des Ablebens seiner Schwester der Frau Berta Spitzer für die Armenanstalt X 200, für das Altersversorgungshaus X 200, zusammen X 400. — Herr Ignaz Brüll für einen wohltätigen Zweck X 56°40. — Frau Elise Weiß, Präsidentin des Vereines „Frauenbund", zur Verteilung an 10 Batlonim des XVI. und XVH. Bezirkes X 30. — Frau Marie Stern anläßlich des Sterbegedächnistages des sel. Herrn Sigmund Stern für die- Chewra-Kadischa X 20. — „Natzler" zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder in der Brigittenau X 10. — „L. G." für die Brigittenauer Schulküche X 6. — Herr Leopold Friedländer für das israelitische Siechenhaus X 5. Zum Mitglieds der Bezirkskommission für die Bezirke XU—XV wird an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Salomon Beer Herr Samuel Bernhard gewählt. Herr Kultusvorsteher Marmore! erbittet sich das Wort zu folgender Erklärung: Der verehrte Herr Präsident hat die neue Session unserer Körperschaft mit einer Programmrede eingeleitet, in welcher er uns einen Ausblick auf große und tiefeingreifende Aufgaben eröfftiete, deren Durchführung dem Kultus Vorstande bevorstehen. Er hat aber gerade jene Reformen unerwähnt gelassen, welche die Platform der letzten Wahlen gebildet haben. Als auf dieser Basis Gewählter sehe ich mich veranlaßt, zu erklären, daß ich aus Ueberzeugung und Verpflichtung die Durchführung des Wahlprogrammes mit allem Nachdruck anstreben werde und hiebei bei der Majorität des Vorstandes umsoweniger Widerstand zu finden hoffe, als dieses Programm nur ein Minimum der Wünsche der Wählerschaft darstellt und geeignet ist, zum Wohle der Gemeinde, zur Förderung des jüdischen Geistes, zur Hebung des Gemeinsinnes und zur Beseitigung vieler Uebelstände beizutragen. Dr. Moriz Rappaportffche Preisausschreibe-Stiftung. Im Sinne des Antrages des Kuratoriums wird beschlossen, folgende Themen mit dem Termine bis 31. Dezember 1907 auszuschreiben: 1. ..Das Judentum zu Ende des jüdischen Staates" mit dem Preise von K 3500.—; 2. „Der Anteil der Juden an der österreichischen Finanzaeschichte in dem Jahrhunderte nach dem 30jähriaen Kriege" mit dem Preise von K 2500.—. Subventionen werden bewilligt: dem Waisenvereine, der „Gesellschaft zur Sammlung und Konservierung von Kmist- und historischen Denkmälern des Judentums," dem Kaiser Franz