Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 4 (27.1.1905)
- Date
- 1905-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Die Wahrheit Lette 5. i --- -.r.“ auch so viel einer solchen armen Frau zu, daß sie unbedingt nervös werden muß! Der Mann ärgert, die Kinder ärgern und die Dienstboten! Die Frauen, die selbst keine, aber gar keine Arbeit verrichten, haben natürlich, keinen Maßstab, was sie von den letzteren fordern können, machen sich irgend ein unerreichbares Ideal eines Dienstmädchens, „wie es sein soll", treu, fleißig, nur auf das Interesse und die Bequemlichkeit der Frau bedacht, selbst genügsam in allen Ansprüchen, ohne Wunsch für sich, aber — solche Ideale gibt es eben nicht, und da ärgert man sich nun fortwährend und wechselt, wechselt, um doch endlich so ein Ideal zu finden. Muß man da nicht nervös werden? Ja — wenn es ihr Jecholes ist, warum nicht? „Wer kann, der mag", ist ein altes jüdisches Sprichwort. Wir wollen ja gewiß den Reichen nicht zumute», zu sparen und zu knausern, diejenigen aber, die es nicht tun können, die mögen endlich mit ihrem Nachäffen der Reichen aufhören. Eines wird gar oft übersehen. Es geht einem manchesmal ziemlich gut. man kann sich etwas gönnen, ja, hat man es aber bei der Unbeständigkeit der Verhältnisse sicher, daß dies so bleibt? Wäre es nicht gescheiter und vorsichtiger, in guten Zeiten an die oft nachkommeuden „sieben mageren Jahre" vorzudenken? Könnte man nicht zurückkehren zur einfachen Lebensweise unserer Väter, zur einfachen Lebenshaltung in Wohnung, Kleidung und Halten der Dienstboten? Würden unsere jungen Männer nicht oft ein besseres „Geschäft" machen, wenn sie sich zur Lebensgefährtin ein einfach arbeitsam erzogenes Mädchen wählen, als eine ..reiche Partie" zu suchen, wo die Frau gewöhnt ist, ein Viertel ihrer Mitgift jährlich zu verbrauchen? Wäre es nicht vernünftiger, wenn die Männer ihren Frauen immer ganz klar den Geschäftsgang mitteilen, sie nicht unnütz der ganzen Mitwelt die Augen aufreißen, Mißgunst und Haß erwecken, die Welt neidisch machen auf ein Leben, das oft mit einem Knalleffekt ein schreckliches Ende nimmt?" Der Minierpalast in Petersburg nnd die Inden. Der fatale Kanonenschuß mit Kartätschen auf das kaiserliche Palais an der Newa hat diesen Prachtbau in den jüngsten Tagen zu einer stehenden Rubrik in allen Zeitungen der Welt gemacht. Es wird daher nicht unzeitgemäß sein, eine Reminiszenz aufzufrischen, die sich für die Juden Rußlands an dieses stolze Gebäude knüpft. Selbstverständlich ist diese Reminiszenz, wie bei allem, wo die beiden Begriffe Juden und Rußland in Verbindung kommen, eine für die Juden traurige. Am 20. Dezember des Jahres 1837 wurde der Winterpalast, über den jetzt so viel gesprochen, geschrieben und gelogen wird, von einem Feuer zerstört. Da in dem heiligen Rußland allenthalben und bei jeder Gelegenheit gestohlen wird, kam auch bei dem Brande des mit kostbaren Schätzen gefüllten kaiserlichen Palastes vieles, was vom Feuer verschont blieb, abhanden. Eine große Zahl von Dieben und Hehlern, welche die gestohlenen Gegenstände gekauft hatten, wurde später eruiert und der verdienten Strafe zugeführt. Unter den letzteren befanden sich auch drei Juden. Bei diesen aber begnügte man sich mit der Abstrafung der Schuldigen allein nicht, deren Vergehen sollten vielmehr alle die Millionen Juden Rußlands büßen. Am 5. Jänner 1838 erschien nämlich ein Ukas, welcher bestimmte, daß jüdische Kauflente erster Gilde jährlich nur auf 6, zweiter Gilde nur auf 3 Monate, und zwar immer nur hintereinander, Kaufleute dritter Gilde aber fortan gar keine Pässe, in fremde Gouvernements erhalten sollen; daß ferner nicht wie bisher allen Mitgliedern des Öauses. sondern nur den Chefs der Aufenthalt an fremden Orten gestattet sei. Die Redaktion der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", welcher man den obigen Ukas aus Petersburg mitgeteilt hatte, machte zu der Mitteilung folgende Nachbemerkung: „Man ist gewohnt, und zwar in der ganzen zivilisierten Welt, die Großtaten eines Juden immer nur als die eines Einzelnen hervorzuheben, hingegen die Schuld Einzelner auf die ganze Masse zu wälzen. Ehe diese Sitte in Europa nicht getilgt ist, kann an eine wahrhafte Emanzipation, selbst bei völliger Gleichstellung, nicht gedacht und geglaubt werden — solange ist auch an die Sicherheit der Verhältnisse, selbst bei völliger Gleichstellung, nicht zu glauben; denn die Ausnahmsgesetze können immer wieder zum Vorschein kommen, wie man weiß. Daß von jeher die Inden unter sich das moralische Prinzip zu erhalten und zu verstärken gesucht, bezeugt schon der alte Gebrauch, in die „Beerdigungsbrnderschaft" niemanden anfzunehmen, der in gerichtlicher Untersuchung gestanden und nicht freigesprochen worden. Wir ersuchen die israelitischen Gemeinden aller Länder, mit Strenge hierüber zu wachen und dahin auszudehnen, daß ein solcher z. B. keine Mizwah in der Synagoge erhalten famt, er müßte denn durch späteren fünf- oder zehnjährigen unsträflichen Wandel feine Besserung kundgetan haben. Auf diese Weise läßt sich am besten erweisen, daß die Gesamtheit der Verbrechen Einzelner teilhaftig zu machen, die höchste Ungerechtigkeit sei." Ich glaube nicht, daß die Redaktion des genannten Blattes auch jetzt, nach den Erfahrungen, welche die Juden seit l jener Zeit gemacht haben, eine solche Nachbemerkung schreiben würde. Diejenigen, welche das Verbrechen eines einzelnen Inden der Gesamtheit zur Last legen, wissen ganz gut, daßdiese nicht die geringste Schuld daran trägt. Sie tuen es aber dennoch, weil sie eben die Gesamtheit der Juden als unehrlich, habsüchtig Hinstetten wollen, um alle verächtlich und verhaßt zu machen und einen Vorwand zu haben, ihnen allen die Gleichberechtigung zu verweigern, oder da. wo diese gesetzlich schon besteht, wieder zu entziehen. Daß man solche Juden, die mit einem gerichtlich konstatierten moralischen Defekt behaftet sind, in der Synagoge zu keiner religiösen Funktion zulafse. oder gar mit einem Ehrenamte betraue, ist etwas selbstverständliches und geschieht jetzt wohl auch nirgends; eher kommt so etwas, wie es sich bei dem Zusammenbruche verschiedener Banken in verschiedenen Ländern in den allerletzten Jahren gezeigt hat, in nichtjüdischen Kreisen vor. Wollte man übrigens in Rußland jetzt hinsichtlich des sensationellen Ereignisses beim Winterpalaste dieselben Rechtsgrundsütze in Anwendung bringen wie anno 1837, so müßte man die ganze große Körperschaft, welcher die Schuldigen angehören, in Acht und Bann erklären. Das aber wird gewiß nicht geschehen, denn unter den Schuldtragenden wird diesmal kaum ein Jude zu finden sein. Es müßte denn sein, daß man in Petersburg gewisse Wiener Journalisten mit der Untersuchung der Affaire betraut. St . . . Ans der Wiener Kntlnsgemeinde. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 22. Jänner 1905 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Zu Beginn der Sitzung hält der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Ster n, dem dahingeschiedenen ehemaligen Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn kaif. Rat Heinrich Kling er. folgenden Nachruf, welcher von der Versammlung stehend angehört wird: „Geehrte Herren! Vor acht Tagen folgten wir einem teuren, uns unvergeßlichen Manne zu seiner letzten Ruhestätte. Was die Kultusgemeinde bei diesem Anlasse an Ehren erweisen konnte, das hat sie damals getan. Ich glaube aber, daß es sich auch ziemt, dem Verewigten auch hier, an der Stätte seines langjährigen gesegneten Wirkens, in diesem Saale, wo wir so oft sein mildes, verständiges Wort hörten, ein Wort des Gedenkens zu weihen. Es war im Jahre 1885. als Kling er zum ersten Male in den Vorstand gewählt wurde, in welchem er als Vertreter, als Vizepräsident und zuletzt durch mehr als sechs Jahre als Präsident fungierte. Mit der Geschichte unserer Gemeinde, mit der Entwicklung der Gemeinde und ihrer Verwaltung ist der Name Klinger unlöslich verbunden. Die Geschichte unserer Gemeinde, das ist der